NRZ-Serie: Grundgesetz

Wenn die Feuerwehr einbricht, geht es oft um Leben und Tod

Polizei und Feuerwehr arbeiten immer zusammen, wenn es darum geht, eine Wohnung zu öffnen, weil „Gefahr im Verzug ist“. Sei es, weil die Nachbarn einen Hausbewohner vermissen, sei es, weil von einem Menschen eine Gefährung für sich und andere ausgeht. Hier ein Symbolbild aus Essen.

Polizei und Feuerwehr arbeiten immer zusammen, wenn es darum geht, eine Wohnung zu öffnen, weil „Gefahr im Verzug ist“. Sei es, weil die Nachbarn einen Hausbewohner vermissen, sei es, weil von einem Menschen eine Gefährung für sich und andere ausgeht. Hier ein Symbolbild aus Essen.

Foto: Socrates Tassos

An Rhein und Ruhr.   Die Wohnung ist unverletzlich, sagt das Grundgesetz. Aber es gibt Ausnahmen, wenn es gilt, Leben zu retten. Feuerwehrmann Andre Fustig erzählt.

Die Wohnungstür eintreten wie im Krimi? Geht gar nicht. „Wir haben das passende Werkzeug, wir gehen ganz behutsam vor. So eine Tür kostet ja schnell ein paar Tausend Euro!“, sagt Brandamtmann Andre Fustig aus Duisburg, der gerade von einem 24-Stunden-Dienst in seine eigenen vier Wände nach Hause gekommen ist. Immer sei die Polizei bei „Wohnungsöffnungen“ dabei, auch zum Eigenschutz für die Feuerwehrleute.

Die Wohnung eines Menschen ist unverletzlich, sagt Artikel 13 des Grundgesetzes. Um in eine Privatsphäre einzudringen, braucht es schon gewichtige Gründe. Feuerwehr-Einsatzleiter Andre Fustig und seine Kollegen haben die wohl besten – sie retten Leben.

Der Artikel über die Unverletzlichkeit der Wohnung sei bei der Feuerwehr-Ausbildung Bestandteil der politischen Bildung. Trotzdem bleibe es ein komisches Gefühl, in eine fremde Wohnung eindringen zu müssen, sagt Andre Fustig. Wer selbst die 112 wählt, der gebe ja sein Einverständnis dazu. Doch auch wenn das nicht der Fall ist, gehe man bei jeder Wohnungsöffnung so vorsichtig wie möglich vor.

Wenn nach 14 Tagen der Briefkasten überquillt

„Bietet sich ein Fenster zum Einsteigen an, schlagen wir lieber eine Scheibe ein, weil die leichter zu ersetzen ist als ein Schloss oder gar eine Tür!“. Und auch wenn der Einsatz erledigt ist, ist es wieder die Feuerwehr, die Fenster und Türen zumindest provisorisch wieder herrichtet.

Seit 1993 ist Andre Fustig bei der Feuerwehr, schon als Junge habe er Feuerwehrmann werden wollen, der Klassiker eben. Heute weiß der 50-Jährige, dass es dabei nicht immer nur darum geht, Brände zu löschen. Sehr oft gehe es auch darum, Menschen zu bergen, deren Nachbarn beispielsweise sich Sorgen machen, „weil sie die Person so lange nicht gesehen haben oder weil nach 14 Tagen der Briefkasten überquillt“.

Dann rückt die Feuerwehr aus, und in den meisten dieser Fälle mit vier Fahrzeugen und nicht unter zehn Mann – Fustig zählt auf: „Einsatzleitwagen, Löschfahrzeug, weil dort die Technik wie Werkzeuge und Leitern an Bord ist, Rettungswagen mit Rettungsassistenten und Notfallsanitätern und Notarztwagen“.

Plötzlich stehen zehn Fremde um das Bett

Manchmal kommt der Tross umsonst zur Wohnung, die auch ein Einfamilienhaus oder sogar ein Caravan sein kann, die vermeintliche Notlage entpuppt sich als harmloses Missverständnis, aber besser so, als umgekehrt. In den kuriosen Fällen „öffnen wir die Wohnung und der Vermisste liegt im Bett und wundert sich beim Aufwachen, dass da plötzlich mindestens zehn fremde Menschen um ihn herumstehen“, erzählt Fustig. Oder aber er oder sie sind in einen längeren Urlaub gefahren, liegen im Krankenhaus, sind in Kur und haben keinem Bescheid gesagt.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die, dass Menschen sterben, ohne dass es jemand merkt, und lange in ihrer Wohnung liegen, bis jemand die vielen Fliegen im Hausflur oder unangenehme Gerüche bemerkt und bei der Polizei anruft. Rund 700 tote Menschen hat Andre Fustig in 26 Dienstjahren schon geborgen, er hat alles gesehen, was man sich in dieser Richtung so vorstellen kann.

Schlimm ist es, wenn Menschen einsam sterben

Wenn Kinder beteiligt seien bei Einsätzen, das sei schlimm. Aber auch, wenn Menschen einsam gestorben sind. „Das hat in den letzten Jahren zugenommen, diese Einsamkeit“, sagt er.

Die Menschen haben nicht nur im Alltag immer weniger Hilfe – „sie rufen auch bei einfachen Dingen die Feuerwehr“ – es gebe auch immer mehr ältere Menschen, die alleine in ihren Wohnungen leben und sterben, weil es schon lange keine Freunde, Partner, Bekannte und Verwandte mehr für sie gibt.

Nichts, was man so einfach mit der Jacke abends an der Garderobe ablegt, weiß auch Feuerwehrmann Fustig. Seine Frau, überhaupt die Familie und der Sport helfen ihm,mit belastenden Situationen umzugehen.

Seit dem Brand am Düsseldorfer Flughafen 1996 habe jede Feuerwehr auch ein PSU-Team, ein Team zur psychosozialen Unterstützung. Es helfe schon, dass Feuerwehrleute nicht mehr die „harten Kerle“ sein müssten. Klarkommen mit den Belastungen müsse letztlich aber jeder selbst.

>>>>Durchsuchen und Abhören

Auch wenn in einer Wohnung ein Mensch tot aufgefunden wird, wird der Schlüssel nicht etwa an den Vermieter, Freunde oder Verwandte weitergegeben. Die Polizei behält ihn, bis im Zweifelsfalle gerichtlich geklärt ist, wer als Hinterbliebener befugt ist, die Wohnung zu betreten.

Ist der Tod ungeklärt, wird die Wohnung mit einem Klebeband versiegelt, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind.

Hausdurchsuchungen werden im Falle des Verdachts auf eine Straftat durchgeführt. Ein Ermittlungsrichter muss die Durchsuchung anordnen. Die meisten Hausdurchsuchungen in NRW fanden in den vergangenen Jahren in Verbindung mit dem Verdacht auf islamistische Straftaten statt.

Wer verdächtigt wird, eine besonders schwere Straftat begangen zu haben oder zu planen, darf abgehört werden. Abhörgeräte dürfen aber beispielsweise nur befristet angebracht werden. Hier erfolgt die Anordnung durch ein dreiköpfiges Richtergremium.

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