Musik

Die Xantener Jahre des großen Komponisten Humperdink

Hänsel und Gretel, immer noch eine der beliebtesten Märchen-Opern. Hier eine Szene einer Aufführung im Opernhaus Dortmund.

Foto: Anke Sundermeier

Hänsel und Gretel, immer noch eine der beliebtesten Märchen-Opern. Hier eine Szene einer Aufführung im Opernhaus Dortmund. Foto: Anke Sundermeier

Am Niederrhein.   Zehn Jahre lebte der Komponist Engelbert Humperdinck in Xanten. Vielleicht hat das Gezwitscher de Vögel in den Wäldern rund um Xanten ihn inspiriert.

Engelbert Humperdinck, der 1854 in Siegburg zur Welt kam, ist in der Dom-, Römer- und Siegfriedstadt Xanten an einigen, aber wenigen Orten präsent. Im Gegensatz zu dem bis heute ausgiebig und zu Recht propagierten Mythos „Xanten als Geburtsort des Nibelungenhelden Siegfried“, war es bislang im Xantener Kulturleben wenig bedeutend, dass einer der bekanntesten Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts für längere Zeit hier gelebt und komponiert hat.

Xanten nannte Engelbert Humperdinck seine „Heimat“

Engelbert Humperdinck war nachweisbar seit dem Frühjahr 1877 mit einigen Unterbrechungen fast zehn Jahre in Xanten gemeldet bzw. hatte hier seinen familiären Lebensmittelpunkt, den er auch „Heimat“ nannte. Hier entstanden wichtige Frühwerke und auch einige Bearbeitungen von Werken Richard Wagners.

Der Vater, Gustav Humperdinck (1835-1903), wurde im Mai 1877 als Leiter des neuen katholischen Lehrerinnenseminars in Xanten berufen. Das frühere Lehrerinnen-Seminar in Xanten ist bis heute, mit kleineren Umbauten, als Rathaus der Stadt Xanten erhalten geblieben. Im selben Jahr komponierte Engelbert Humperdinck das „Lied vom Glück“ nach einem Text von Elly Gregor.

Engelbert hatte ein eigenes Zimmer im rückwärtigen Bereich des Gebäudes. Von hier aus konnte er, wie er in einem Brief schreibt, in Richtung des „schönen Dorfes Lüttingen und sogar bis zum Rhein schauen“.

Im Sommer 1878 verlebte der Komponist fast zweieinhalb Monate in Xanten und besuchte auch Kevelaer mehrfach. Besonders angetan hatte es ihm dort die noch heute existierende Gaststätte „Goldener Schwan“. Am 1. September 1879 vollendete Engelbert Humperdinck in Xanten seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag. Dieses Fest beschreibt er als „persönlicher Wendepunkt in meinem Leben“. Von hieran sah er sich nicht mehr als Schüler und musikalisch Suchenden, sondern als freischaffender Künstler.

Von Xanten aus fuhr Humperdinck häufig mit der „Boxteler-Bahn“ über Goch in den Marien-Wallfahrtsort Kevelaer, dem Schauplatz seiner „Wallfahrt nach Kevlaar“.

Von den Kevelaerern hielt Humperdinck wohl nicht sehr viel...

In einem Brief aus München äußerte er sich über den Charakter der Bevölkerung: „Mehr als diese für eine kleine Stadt (...) interessiere ich mich für den Charakter der dortigen Bevölkerung, ein merkwürdiges Gemisch von Rheinländischer Beweglichkeit und holländischer Gemütsruhe. Mit der ihnen eigentümlichen Lebensart (...) vereinigen diese Phönizier eine ganz nibelungenhafte Gier nach Erwerb von Geld und Geldeswert. Dieser nicht sehr idealische Trieb äußert sich am schamlosesten in Kevelaer, wo man mit den Wunderkuren der dortigen Madonna so riesige Geschäfte macht, dass Kevelaer für einen der reichsten Orte der Rheinprovinz gilt.“

Bei seinen Wanderungen durch die Wälder rund um Xanten erlebte Humperdinck unter anderem die „Sphärenmusik“ des Waldes, die später so bestimmend in „Hänsel und Gretel“ werden sollte. Tagebucheintrag vom 25.09.1879: „Spaziergang über Birten (...) und Hees (...) Über Chormusik nachgedacht. Abends im Bett las ich einige Grimmsche Märchen, von denen ich mich sehr angeregt fühlte, so dass die arbeitende Phantasie mich lange nicht zur Ruhe kommen ließ“.

Eine Humperdinck-Gesellschaft soll ihren Sitz auf Schloss Lüttingen finden

Dieser Eintrag ist eine kleine Sensation. Das erste Mal erfahren wir aus Humperdincks Feder, dass er sich ernsthaft und ausführlich mit den Grimmschen Märchen beschäftigte. Zwei Jahre nachdem er Xanten verlassen hatte, 1888, legte Humperdinck eine eigene musikalische Bearbeitung des Märchens „Schneewittchen“ vor. 1895 folgten die „Sieben Geißlein“; ab 1902 beschäftigte sich Humperdinck mit „Dornröschen“, woraus eine Suite mit fünf Sätzen im selben Jahr im niederrheinischen Krefeld uraufgeführt wurde.

Es bleibt zu hoffen, dass Engelbert Humperdinck auch am Niederrhein zukünftig die Beachtung erhält, die er verdient. Eine Humperdinck-Gesellschaft, die das Erbe am Niederrhein bewahrt, ist in der Gründung. Das Zentrum dieser Gesellschaft wird das „Schloss Lüttingen“ sein.

>>> WEITERE INFORMATIONEN

Der Beitrag über die Zeit Engelbert Humperdincks in Xanten und am Niederrhein versucht eine biographische Lücke zu schließen. Er fußt auf Vorträgen, die der Autor, Tim Michalak aus Xanten, im Auftrag des Siegfried Museums Xanten sowie der VHS Alpen, Rheinberg, Xanten in den Jahren 2014 und 2016 gehalten hat.


Unser Beitrag ist die stark gekürzte Fassung eines Aufsatzes, den Tim Michalak im jüngsten Humperdinck-Buch veröffentlicht hat: „Engelbert Humperdinck – Ein biografisch-musikalisches Lesebuch“, Anno-Verlag, 208 Seiten; 16,95 Euro. Texte verschiedener Autoren. Herausgeber: Tim Michalak, Musikwissenschaftler Christian Ubber.

Wir verlosen zwei „Lesebücher“. Ihre Post an Niederrheinredaktion, Postfach, 47441 Moers oder Mail: niederrhein@nrz.de; Stichwort: Humperdinck. Einsendeschluss: Montag, 15. Januar. Das Los entscheidet, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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