Prozess

16-Jähriger wegen versuchter Tötung vor dem Landgericht

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen. / Duisburg. / Gelsenkirchen.  Dem Duisburger, der ihn missbraucht haben soll, stach der damals 14-jährige Gelsenkirchener in den Rücken. Jetzt steht er vor Gericht.

Ein 16 Jahre alter Gelsenkirchener, der auf der Straße gelebt hat, muss sich am Landgericht Essen wegen eines versuchten Tötungsdeliktes verantworten. Er soll einem Duisburger, der ihn sexuell missbraucht haben soll, nach einem gescheiterten Erpressungsversuch ein Messer in den Rücken gestoßen haben, sagt die Anklage.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit, der Angeklagte war zur Tatzeit erst 14 Jahre alt, verhandelt die V. Essener Jugendschutzkammer seit Dienstag Es geht um einen Fall, in dem der Angeklagte offenbar zwischen der Rolle des Opfers und des Täters fast beliebig gewechselt hat.

Mit Zwölfjährigem Marihuana geraucht

In Gelsenkirchen hat er bei seiner Mutter gelebt. Er verließ sie aber und lebte fortan in Duisburg auf der Straße, wo er sogar eine Förderschule besucht haben soll. An seiner Seite im Leben draußen sein Freund, ein zwölf Jahre altes Kind. Sie sollen auch Marihuana konsumiert haben.

Ende April 2019 sollen sie einen 41-jährigen Duisburger kennengelernt haben. Er soll ihnen Marihuana gegeben haben, ließ sie wohl auch bei sich übernachten. Sie sollen sich erkenntlich gezeigt haben, nachdem sie in einem Duisburger Park eine EC-Karte samt PIN gefunden hätten. 1000 Euro sollen sie damit abgehoben und dem Älteren 200 Euro geschenkt haben. Der Rest sei für Klamotten und Essen ausgegeben worden.

Nachts unsittlich berührt

In der Nacht zum 5. Mai 2019, der eigentlichen Tatnacht, hätten sie wieder bei dem 41-Jährigen übernachtet. Im Schlafzimmer der Zwölfjährige - mit seiner Freundin. Auf der Couch im Wohnzimmer der 14-Jährige. Plötzlich sei er wach geworden, weil der Mann ihn am Unterleib berührte. Schnell soll er aufgesprungen sein und ins Schlafzimmer gegangen sein.

Dort sollen sie den Plan entwickelt haben, den Mann zu erpressen. Sie sollen ihm angeboten haben, auf eine Anzeige wegen des Sexualdeliktes zu verzichten, wenn er ihnen 200 Euro zahle. Der Mann weigerte sich, da sollen sie dessen Playstation gegen seinen Willen an sich genommen haben. Als er sich auch dagegen wehrte, sollen die beiden Jugendlichen zum Angriff übergangen sein, erzählt die Anklage. Der Zwölfjährige sprühte relativ erfolglos mit einem Pfefferspray. Der 14-Jährige soll sein Taschenmesser gezückt haben.

Zweimal in den Rücken gestochen

In den Arm, in das Bein und zweimal in den Rücken soll er die zehn Zentimeter lange Klinge in den Körper des Mannes gestoßen haben. Danach rannten sie aus der Wohnung und suchten Freunde auf. Der Mann rief den Notarzt an.

Die Staatsanwaltschaft hatte den 14-Jährigen zunächst wegen gefährlicher Körperverletzung beim Jugendschöffengericht an seinem Wohnort Gelsenkirchen angeklagt. Zwar ging sie wegen der Stiche in den Rücken, bei denen die Lunge verletzt wurde, von einem versuchten Totschlag aus.

Strafbefreiender Rücktritt vom Tötungsdelikt

Weil der Junge aber aufgehört und sich vergewissert hatte, dass der Mann noch lebte, sei er von dem Tötungsdelikt strafbefreiend zurückgetreten, sagte die Staatsanwaltschaft. Lediglich die Körperverletzung sei ihm anzulasten.

Vor dem Gelsenkirchener Amtsgericht erzählten aber Freunde des Angeklagten, er habe nach der Tat Sorge gehabt, dass der Ältere sterbe. Dann sei es also kein rechtzeitiger und freiwilliger Rücktritt gewesen, schloss das Gericht und verwies den Fall an das für Tötungsdelikte zuständige Landgericht. Drei weitere Prozesstage hat die V. Kammer angesetzt, um den Fall zu klären.

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