Corona-Radikalisierung

Corona-Demos: „Die Proteste werden extremer werden“

Stuttgart, 16. Mai: Ein Teilnehmer des Protests gegen die Corona-Maßnahmen schwingt eine Reichsflagge.

Stuttgart, 16. Mai: Ein Teilnehmer des Protests gegen die Corona-Maßnahmen schwingt eine Reichsflagge.

Foto: Christoph Schmidt / DPA

Bielefeld.  Noch protestieren Bürger, Linke und Rechte gemeinsam. Doch die Normalen werden weichen, die Extremen bleiben, glaubt Prof. Andreas Zick.

Was bringt plötzlich normale Bürger mit Rechten und Linken zusammen? Warum ignorieren Impfgegner Antisemitismus? Prof. Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld forscht seit 20 Jahren zu den Themen Vorurteile, Rassismus, Gewalt und gesellschaftliche Konflikte. Ein Erklärungsversuch zu den Corona-Demos.

Wie kommt es, dass die Corona-Demos so verschiedene Motivationen und Weltbilder zusammenführen?

Andreas Zick: Die Idee, eine Widerstandsbewegung zu sein, lockt viele an. Zweitens werden alle vor Ort akzeptiert, ob rechts, links, christlich, esoterisch. Drittens ist die vermeintliche Verteidigung des Grundgesetzes und der Freiheit für einige attraktiv. Viertens ist sowas für viele ein emotionales Erlebnis. Für entscheidend halte ich die in den digitalen Netzwerken gut gemachte Propaganda und Vernetzung der unterschiedlichen Gruppen: Es werden Informationen ins Netz gespült, die als Fakten deklariert werden. Dabei wird die Propaganda gefahren, der Staat hätte die Kontrolle verloren oder aufgegeben. Es entsteht eine Ohnmacht, dann kommt das Feindbild und am Ende der Aufruf zu handeln. Verschwörungsmythen treiben die Polarisierung der Meinungen voran. Die Propagandisten kommen aus ultraradikalen, rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen. Es gibt eine komplette „Erlebniswelt“ mit einem unhinterfragten Gemeinschaftsgefühl.

Rechte versuchen also, die Bewegung oder Stimmung zu kapern. Wie funktioniert das?

Das passiert vor allem in den sozialen Medien, auf Youtube und von dort auf WhatsApp. Die Verschwörungsmythen, die Idee vom Widerstand, die Propaganda waren schon lange vorher da. Sie lässt sich in Coronazeiten nur besser verbinden und in Szene setzen. In den Netzwerken sind Agitatoren wie Ken Jebsen schon länger unterwegs und haben eine eigene Informations- und Medienwelt mit starken Feindbildern und einer gemeinsamen Identität geschaffen. Nun klammern sich auch rechtsextreme, rechtspopulistische und neurechte Gruppen an diese Szene und bilden zusammen nicht mehr nur Blasen, sondern ein Netzwerk. Wir müssen auch genauer hingucken, was die verschiedensten, oft kaum noch nachvollziehbaren Verschwörungswelten zusammenhält: Es sind menschenfeindliche Vorurteile, die vorher schon da waren: Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und eine organisierte Eliten- und Wissenschaftsfeindlichkeit. Diese Vorurteile verbinden, bilden eine gemeinsame Identität im Widerstand. Diese Idee des Widerstands kursiert seit vielen Jahren und wird nun aufgegriffen. Es tauchen ideologische Elemente der Reichsbürger, des Rechtsextremismus auf. Es wird eine gemeinsame Identität aufgegriffen, die schon bei Pegida und anderen Protesten und im rechten Flügel der AfD weit vorher sichtbar war. Daran docken die harmloseren linken und esoterischen Gruppen an, weil sie eigentlich eher zersplittert sind. Auch Gruppen von tatsächlich besorgten Bürgern, die ernsthaft über Freiheitseinschränkungen nachdenken, gehen in die Nähe, weil sie kein eigenes Identitätsangebot haben, was den Zusammenhalt im Protest herstellen kann. Wir werden sehen, dass die „Normalen“ irgendwann verschwinden und die Proteste im Kern extremer werden.

Kritik an den Corona-Maßnahmen ist ja legitim. Aber warum mischen sich offenkundig irrationale Verschwörungstheorien wie die von Q-Anon oder Bill Gates darein?

Weil sie gewissermaßen zur Pandemie passen, die ja erstmal schwer verständlich ist und nur Sorgen macht. Die Gelegenheit wird von sektiererischen Gruppen genutzt, weil sie günstig ist. Es sind passende prototypische Feindbilder: Der superreiche Bill Gates, der überall aktiv ist, was es bedrohlicher macht und ja faktisch Geld spendet, was die Verschwörungsgläubigen sich selbst bestätigen lässt, dass ihre Schlussfolgerungen faktenbasiert sind. Jene, die Kontrollverluste wahrnehmen, empfinden es als attraktiv, in Bill Gates einen überbordend bedrohlichen Feind zu haben, der alles kontrolliert. Sorgen vor unbekannten Gefahren bekommen auf einmal ein Gesicht und das – so perfide es klingt – stellt in den Verschwörungsgruppen Kontrolle her. Problematisch wird es, wenn die Aggressivität und die Absicht, andere zu schädigen und anzugreifen zunimmt. Die Feindbilder sind aggressiv und gewaltorientiert und die rassistischen Bilder von höher- und minderwertigen Menschen und Gruppen auch. Es geht ja auch bei den Protesten um Fragen, welche Kräfte bestimmen, wer überleben darf. Das ist schon anstrengend für die Demokratie.

Besonders in die Verschwörungstheorie um Bill Gates mischen sich stark antisemitische Züge. Das hätte früher als Ausschlusskriterium für die meisten Leute gegolten, insbesondere auch für linksalternativ Bewegte. Offenbar gilt dieser Grundsatz nicht mehr. Ist das Folge einer Ablehnung von vermeintlicher politischer Korrektheit?

Der vermeintliche Bruch mit der politischen Korrektheit, die ja eher die Einhaltung von demokratischen Toleranznormen ist, wird bei solchen Protesten wie ein Widerstandsakt gefeiert. Das ist ein Spiel, welches am Ende bestätigen soll, dass die eigentlichen Opfer die Protestmitglieder sind. Dabei werden gerade sie geschützt, und wir tolerieren, dass sie mit fast allen Regeln brechen. Sie bekommen Toleranz, solange sie nicht versuchen, extremistische Ideologien zu verbreiten oder Hasstaten und -Kampagnen begehen. Wir untersuchen seit 20 Jahren Vorurteilsmuster in der Gesellschaft. Der israelbezogene Antisemitismus, der Israel mit antisemitischen Vorurteilen kritisiert und nicht mit politischen Argumenten, wird von 25 Prozent geteilt. In unseren Studien zeigen wir aber auch, es ist nicht nur ein Problem von links, weil Linke für die Palästinenser sind, sondern auch in liberalen Kreisen, die antijüdische Stereotype von Reichtum und Wirtschaftseinflüssen teilen. Die Verbreiter wissen, dass sie in allen politischen Gruppen auf antisemitische Stereotype zurückgreifen können und fühlen sich ermächtigt, dies in Zeiten der Freiheitseinengung auf den Plan zu bringen.

Welche Rolle spielt persönliche Betroffenheit?

Widerstand 2020 - Eine neue Protestpartei?
Widerstand 2020 - Eine neue Protestpartei?

Es gibt an den äußeren Ringen der Proteste Menschen, die aus Sorge teilnehmen. Einige haben gerade viel verloren, andere empfinden die Freiheitseinengung als ernst. Verunsicherte mögen sich nun im Protest versichern. Die Impfgegner haben endlich ein Forum auf der Straße. Es stärkt Bewegungen immer, wenn Protest nicht nur digital bleibt. Sie verbinden sich mit anderen Bewegungen, wie zum Beispiel Protesten gegen Kindesmissbrauch, was die Gruppen nochmal veredelt, weil sie ja etwas für Kinder tun. Wir haben in einer großen Studie mit mehr als 3100 Befragten nach Betroffenheit und Sorgen gefragt und auch nach dem Umgang mit den Corona-Regeln. Die Mehrheit der Befragten hat aufgrund der Pandemie Sorgen, und diese Sorgen betreffen vor allem Risikogruppen und Angehörige. Verschwörungsgruppen geben vor, dass sie sich Sorgen machen, allerdings ignorieren sie zugleich die Sorgen der anderen. Oft behaupten sie, die Masse würde unter dem Einfluss von Mächten stehen. Damit wird die Sorge zu einem ideologischen Moment und echte Sorgen werden herabgewürdigt. Menschen in Verschwörungsgruppen wollen Einfluss nehmen und sie haben mehr als Sorgen einen aufgeblasenen Selbstwert, der sie stark erscheinen lässt, wie Forschungen zeigen.

Gezielt werden Partikularinteressen angesprochen, etwa das Engagement gegen die Impfpflicht.

Menschen verteidigen ihre harte Position, wie zum Beispiel die Impfgegnerschaft, die auf fragwürdigen Annahmen beruht, indem sie auf noch größere Übel und das Böse hinweisen, was dahintersteckt. Dabei prüfen sie nicht mehr, welche Argumente und eventuell rassistischen und antisemitischen Bilder sie verbreiteten. Es wird alles in die Grundüberzeugung gepackt und muss nicht logisch sein. Das muss nicht in böser Absicht geschehen, aber es werden irrationale Argumente in Kauf genommen. Das ist ja auch das Attraktive daran: Gefühlte Wahrheiten werden zugelassen, solange sich die Mitglieder an die vorherrschende Meinung der Verschwörungsgruppen halten. Denn autoritärer Gehorsam gegenüber den Regeln wird eingefordert. Auf den Protesten gibt es ja sichtbar heftige Auseinandersetzungen und Druck gegen Zweifelnde.

Alubommel und -hüte werden mit ironischem Stolz als Symbol des „Widerstandes“ getragen. Was bewirkt es, wenn die Leute sich als Verschwörungstheoretiker abgekanzelt fühlen? Und wie würde man es besser machen?

Um weitere Radikalisierung zu vermeiden, ist es jetzt wichtig, die Sorgen, Ängste und Betroffenheiten von den Ideologien zu trennen. Das wird schwierig, denn die Agitatoren betreiben eine Politik der Angst und bieten den Menschen zugleich ein Machtgefühl. Zudem übersehen wir oft, wie widersprüchlich, ambivalent und dissonant die Ideologie mancher Leute ist. Ihre politischen Überzeugungen sind weder eindeutig noch konsistent. Hier müssen wir genau hinsehen, welche gewaltorientierten und rassistischen Ideen diese Menschen teilen und das nicht herunterspielen, wie es jahrelang bei den Reichsbürgern passiert ist. Das Bild von den armen Irren wäre fatal, auch wenn die Gesellschaft vieles ertragen kann. Aus Protestbewegungen bilden sich radikale und extremistische Gruppen, Zellen und Bewegungen. Wir dachten gerade, wir brauchen gegenseitige Unterstützung in der Krisenzeit und merken nun, dass im schlimmsten Falle die Proteste die Gesellschaft in Konflikte und Zerreißproben ziehen, so dass am Ende vom Zusammenhalt wenig übrig bleibt. Die Feindbilder und Vorurteile werden wie so oft überleben.

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