Geisterspiele

Corona-Geisterspiele: Polizei könnte Überstunden abbauen

Das Revierderby von BVB und Schalke 04 am Samstag (15.30 Uhr) findet erstmals ohne Zuschauer statt.

Das Revierderby von BVB und Schalke 04 am Samstag (15.30 Uhr) findet erstmals ohne Zuschauer statt.

Foto: Uwe Anspach / dpa

Düsseldorf/Dortmund.  Der Personaleinsatz werde sich reduzieren, so die Gewerkschaft der Polizei. Helfen Geisterspiele, die 5,5 Millionen Überstunden in NRW abzubauen?

Das Coronavirus könnte sich positiv auf das Überstundenkonto von Polizisten auswirken. „Der Personaleinsatz der Polizei wird sich reduzieren“ durch Spiele ohne Publikum in der Fußballbundesliga, erklärt Michael Maatz von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) auf Anfrage dieser Zeitung. Im Umfeld der Stadien werde die Polizei zwar weiterhin aktiv bleiben müssen, so der stellvertretende Vorsitzende. „Doch man wird den Einsatz von Hundertschaften sicher deutlich runterfahren können. Und die Kollegen können dann frei haben, sofern sie nicht anderweitig gebraucht werden.“

Bei der Polizei allein in NRW sind etwa 5,5 Millionen Überstunden angefallen, was die GdP seit langem kritisiert. Während in Berlin vor allem politische Treffen und internationale Besuche zu Mehrarbeit führen, sei es im Westen vor allem die Ballung an Fußballvereinen der ersten und zweiten Liga. Spieltage sind Überstundenfresser. Zudem entfallen auch viele weitere Großveranstaltungen, die ebenfalls Polizeikräfte gebunden hätten. Einerseits ...

Andererseits „kann die Corona-Lage die Polizei ja auch belasten“, sagt GdP-Landessprecher Stephan Hegger. „Wir wissen nicht, wie die Infektionslage sich entwickelt. Die Polizei hat hier auch die wichtige Aufgabe, Ruhe hineinzubringen. Was machen Sie, wenn es einen Tumult vor einem Supermarkt gibt?“

Wie viele ziehen vors Stadion?

Wie hoch eine mögliche Entlastung der Polizei durch Geisterspiele ausfallen kann, ist naturgemäß unklar. Die Dortmunder Polizeisprecherin Nina Kupferschmidt betrachtet die These vom Überstundenabbau skeptisch: „Wir sind ja weiter präsent im Stadionumfeld, an bekannten Treffpunkten der Fanclubs und am Bahnhof. Wir gehen davon aus, dass der normale Zuschauer die Entscheidung akzeptiert, dass Spiele ohne Publikum ausgetragen werden. Es ist ja zu ihrem Schutz. Aber wir müssen auch einkalkulieren, dass sich Menschen vorm Stadion treffen werden.“

Im spanischen Valencia zogen am Dienstagabend einige Tausend Fans vors Stadion zum Championsfinal-Achtelfinale gegen Atalanta Bergamo. Auch in Dortmund erwarten Szenekundige, dass sich mehrere Hundert Hardcore-Fans und „Geisterspiel-Touristen“ vorm BVB-Stadion treffen werden. „Wir werden mit einem flexiblen Konzept auf diesen besonderen Bundesliga-Spieltag reagieren und je nach Lage genügend Einsatzkräfte vor Ort haben“, sagt ein Sprecher des NRW-Innenministeriums. Man müsse sich trotz des Publikums-Ausschlusses auf eine große Fan-Mobilisierung von Dortmundern und Schalkern einrichten. Möglicherweise müssten weniger Polizisten als üblich an den Spielorten eingesetzt werden, die Einsatzkräfte stünden aber auf Abruf bereit.

„Es geht für uns darum, Störaktionen jeglicher Art zu unterbinden“, sagt Kupferschmidt. Eine Arbeitsentlastung sieht sie wegen all dieser Unwägbarkeiten zunächst nicht. „Die Vorbereitungen der Polizei laufen bis zum Einsatz und währenddessen. Das ist nicht anders als an einem normalen Spieltag. Auch was die Kneipen angeht, weiß noch keiner: Wie werden sich die Leute verhalten?“

Kneipe statt Wohnzimmer?

Werden die Kneipen voll? „Das garantiere ich Ihnen zu 110 Prozent“, sagt Ulf Timmermann, Wirt der Friesenstube in Gelsenkirchen-Mitte. „Wir haben jetzt schon Angst vor diesem Samstag.“ Er geht davon aus, dass viele Fanclubs, die ohnehin vor dem Spiel bei ihm Station machen und normalerweise ins Stadion weiterziehen, einfach bleiben werden – diese Einschätzung ist auch aus Fanclubs zu hören – zusätzlich zu den normalen Stammgästen, die die Übertragung gemeinschaftlich erleben möchten. „Und bei normalen Spielen ist es schon voll.“

63 Quadratmeter hat die Friesenstube, maximal 100 Gäste passen rein, manchmal stehen noch 50 weiter vor der Tür. Es wird also eng, wahrscheinlich enger als im Stadion. „Wenn ich zu Aldi gehe, stehen die Leute auch eng hintereinander, und da kommen über den Tag wahrscheinlich 30 mal mehr Leute durch“, sagt Timmermann. Dennoch neigt der Wirt nicht zur Verharmlosung. Er ist ja selber Hochrisikogruppe: Leukämie vor fünf Jahren, Diabetiker, 69 Jahre alt.

Desinfektionsspender hat Timmermann aufgestellt vor den Toiletten, die Türklinken putzt er häufiger, „und die Leute wissen, dass ich keine Hand mehr gebe. Vielleicht bin ich da auch Vorbild. Früher haben wir eng beieinander gesessen, heute halten wir Abstand.“ Aber wird das möglich sein an diesem Derby-Samstag? Timmermann zweifelt daran. Und wird darum am Nachmittag seiner eigenen Kneipe fern bleiben. (mit mk)

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