Virus

Corona-Lockerungen – hat sich was verändert im Land?

NRW hebt zweiwöchige Quarantäne-Pflicht nach EU-Reisen auf

Die zweiwöchige Quarantäne-Pflicht für aus dem Ausland nach NRW einreisende Personen gilt seit Freitag für einige Länder nicht mehr.

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An Rhein und Ruhr.  Knapp eine Woche ist vergangen, seit die Corona-Regeln in NRW gelockert worden sind. Wie hat sich das Land dadurch verändert? Auf Spurensuche.

Viele Restaurants in NRW haben wieder geöffnet, in den meisten Fitnessstudios wird wieder geschwitzt und ein Homeoffice nach dem anderen macht dicht. „Endlich“, sagen die einen. „Viel zu früh“, meinen die anderen. Momentaufnahmen aus einem Land, das auf schmalem Grat wandert.

Regionalbahn 53, Iserlohn – Dortmund. Jung ist der Tag, leer ist der Zug. Ein Dutzend Fahrgäste, wo weit über 100 mitfahren könnten. „Ist aber schon mehr los, als in den vergangenen Wochen“, sagt Marie, die zur Arbeit muss. Zahlenmäßig zumindest.

Im Großraumabteil herrscht Schweigen. Alle sitzen, niemand spricht – nicht mal ins Handy. „Man ist ja schon froh, wenn man halbwegs dadurch atmen kann“, sagt Marie und zeigt auf die Maske, die sie – wie alle – trägt.

Plaudereien in der Fußgängerzone

Drei Reihen weiter wird der erste Mundschutz nach zehn Minuten heruntergezogen, damit der Kaffee getrunken werden kann. Niemand sagt was, kein Schaffner mahnt. Ist auch keiner da. Marie winkt ab. „So lange das nicht vor meinem Sitz passiert, ist mir das egal.“

Früher Morgen in Schwerte. In der Fußgängerzone ist es ruhig, nur vor dem Metzger hat sich eine lange Schlange gebildet. Zugangsbeschränkung. Draußen gerät man mit unter dem Kinn baumelnder Maske ins Plaudern. „Schon gehört…?“ „Sagen sie bloß…“ „Nicht gewusst….?“ Der Abstand schrumpft. Unbewusst. Bis einer ob der Nähe erschreckt. „Huch.“

Bisher funktioniert die soziale Kontrolle

Weiter nach Dortmund, Hauptbahnhof. Die Bahnpolizei kontrolliert im Sechserpack, muss aber nicht eingreifen. Maskenpflicht, Abstand – alles wird eingehalten. Auch oben auf dem Bahnsteig, wo gerade der Regional-Express nach Essen einfährt.

Nein, sagt Dirk Heinemann, der täglich zwischen Dortmund und Essen pendelt, er habe noch keine schlechten Erfahrungen im Zug gemacht. Im Gegenteil. „Auf meinen Fahrten geht es sehr diszipliniert zu. Und wenn mal einer ohne Schutz in den Zug steigt, dann wird er sofort von mehreren Fahrgästen angesprochen und reagiert.“ Die soziale Kontrolle, sie funktioniert. Bisher.

Verkäuferin: „Immer mehr werden wieder unvorsichtiger“

Sie wird allerdings offenbar auch immer wichtiger. In einer Buchhandlung ruft eine Verkäuferin einem Kunden zu „Sie haben keinen Mundschutz, bitte verlassen sie das Geschäft“. Es tue ihm leid, sagt der Mann. Er habe sie im Auto vergessen und wolle auch nur ganz kurz…. „Geht nicht“, sagt die Verkäuferin und stellt mit ihrer Kollegin fest: „Immer mehr Leute werden wieder unvorsichtiger.“

Biergärten beginnen sich zu füllen

Über dem Alten Markt in der Dortmunder City scheint die Sonne. Weit auseinander gezogen haben die Wirte die Tische, die sie seit Montag wieder draußen aufstellen dürfen. Und an den meisten ist nur für zwei Gäste Platz, die von Kellnern mit Schutzmaske bedient werden. Die meisten Besucher stört das nicht. „Herrlich“, finden zwei junge Frauen die Möglichkeit, wieder unter freiem Himmel Wein zu trinken. „Manchmal könnte man glatt vergessen, dass es Corona gibt.“

Manche tun das auch. „Einige Gäste verfallen wieder in ihren alten Trott“, weiß Jörg Kemper, Betreiber des Brauhauses „Wenkers“. Lassen den Mundschutz liegen, wenn sie aufstehen, um zur Toilette zu gehen oder kommen dem Personal beim Bezahlen zu nahe. „Ist nicht böse gemeint, können wir trotzdem nicht durchgehen lassen.“

Einkaufen macht noch nicht richtig Spaß

Marvin und Jessica sitzen auf einer Bank im Bochumer Ruhr-Park. Zum Einkaufen sind sie gekommen zwischen Flatterband und Abstandsmahnung. „Irgendwie macht uns das unter diesen Bedingungen aber keinen Spaß“, stellt die junge Frau fest. Das Paar ist kein Einzelfall. Essen, Bochum, Gelsenkirchen – überall sind die Innenstädte relativ leer. Genau wie die Parks und die Spielplätze.

Menschen wie Martin Robert ist das nur recht. 65 Jahre ist er und hat gerade bei einem Discounter „das Nötigste eingekauft“. Er habe ein mulmiges Gefühl, die Gefahr sei noch da. Vor allem junge Jugendliche scheinen das manchmal anders zu sehen. Vier von ihnen rasen am späten Nachmittag mit ihren Fahrrädern durch ein Waldstück bei Schwerte. Laut, wild, ohne Helm – und ohne Maske. Keine Angst vor Corona? „Ist doch vorbei!“

Derby-Wochenende könnte entscheidend sein

Die Behörden wissen, dass das nicht so ist. Vor allem das Wochenende könnte ein entscheidendes sein, speziell in Dortmund und Gelsenkirchen. Was wird passieren, wenn sich Tausende treffen um aller Appelle zum Trotz gemeinsam vor dem Fernseher das Derby zwischen dem BVB und Schalke zu verfolgen? Bei Freunden zu Hause oder in einer Kneipe.

„Die Fans“, sagt der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange, „ erhalten die Chance zu zeigen, dass die Wiederaufnahme des Spielbetriebs kein Fehler war.“ Rentner Robert zuckt die Schultern. „Wenn das mal gut geht.“

Dortmunds OB Sierau appelliert an die Vernunft

Und da sind die anderen, die wieder durch die Straßen ziehen wollen, weil das alles Quatsch sei mit Corona. Man werde nicht dulden, „dass das Derby von all jenen als Plattform genutzt wird, die dieser Tage mit kruden Verschwörungstheorien und rechtem Gedankengut für Aufsehen sorgen“, hat Dortmunds OB Ullrich Sierau klargestellt und an die „Vernunft der Menschen“ appelliert.

Es bleibt ein schmaler Grat. Die Polizei will dafür sorgen, dass er nicht noch schmaler wird. Sollten die Appelle fruchtlos bleiben, sagt Lange, werde durchgegriffen. „Wir sind auf alles vorbereitet.“

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