Zusammenhalten

Coronakrise: Wie Deutschland Italien hilft – „unvergesslich“

Dr. Ines Siglienti im Gespräch mit Dr. Thomas Breuer auf der Intensivstation, vor dem Fenster, durch das die beiden isolierten italienischen Patienten zu sehen sind  Die Ärztin aus Mailand, die seit acht Jahren im KKB arbeitet, hält nicht nur deren Angehörigen auf dem Laufenden, sondern übersetzt auch italienische  Arztberichte für ihre deutschen Kollegen. ,

Dr. Ines Siglienti im Gespräch mit Dr. Thomas Breuer auf der Intensivstation, vor dem Fenster, durch das die beiden isolierten italienischen Patienten zu sehen sind Die Ärztin aus Mailand, die seit acht Jahren im KKB arbeitet, hält nicht nur deren Angehörigen auf dem Laufenden, sondern übersetzt auch italienische Arztberichte für ihre deutschen Kollegen. ,

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Bochum.  In Bergamo, Italiens Corona-Epizentrum sind die Kliniken komplett überlastet. NRW bot Hilfe an: Nun gibt es italienische Patienten in Bochum.

Da liegen sie nun, die beiden Corona-Patienten aus dem italienischen Bergamo: in Bett 2 und 3 der Intensivstation des Bochumer St. Josef-Hospitals, neben zehn anderen. Isoliert, intubiert, beatmet, verkabelt, komplett überwacht, umgeben von Monitoren, Dauerinfusionstürmen, medizinischer Technik. Die Männer – der eine 56, der andere 64 Jahre alt – sind nicht ansprechbar; nur der Husten bewegt ab und an ihre Körper. Die Ärzte versetzen sie in ein künstliches Koma, hoffen so, ihr Leiden lindern und ihr Leben retten zu können. „Über den Berg sind die zwei noch nicht“, sagt Dr. Thomas Breuer, der ärztliche Leiter der Intensivstation des Universitätsklinikums. „Aber es gibt leichte Signale einer Verbesserung.“

Dr. Ines Siglienti wird die Nachricht noch heute weitergeben – an die Familien der Patienten, die knapp 1000 Kilometer entfernt in Bergamo, dem Epizentrum der italienischen Corona-Tragödie, um sie bangen. Seit die schwer kranken Männer vor zehn Tagen nach Bochum gebracht wurden, telefoniert sie täglich mit ihnen. Nicht als betreuende Ärztin – Siglienti ist Neurologin im Bochumer St. Josef-Hospital – sondern als Landsmännin: Die 47-Jährige stammt aus Mailand. „Die Familien“, sagt sie, „sind sehr dankbar dafür, dass jemand den Kontakt hält, mit ihnen in ihrer Sprache reden kann.“

„Schlimmere Zustände als sie sie in Italien erlebten, konnte es nicht geben“

Und sie selbst sei ebenfalls dankbar für diese Aktion und für die Möglichkeit persönlich helfen zu können – „als Italienerin, als Ärztin, als Mensch“. „Natürlich“ werde sie auch während der Osterferien, wenn sie eigentlich Urlaub hat, weiter täglich erst mit Dr. Breuer und dann mit den Familien in Bergamo telefonieren. „Mir fallen diese Gespräche ja nicht schwer, die sind kurz und professionell. Und die Familien wollen wissen, was los ist. Aber die sind sehr gefasst, da fließen keine Tränen.“ Dass in einer Situation wie der aktuellen ein Land dem anderen helfe, obwohl es selbst in Not sei, werde ihr „unvergesslich“ bleiben.

Warum genau diese beiden Männer für den ersten Flug von Italien nach Deutschland ausgewählt wurden, weiß Siglienti nicht. Sie weiß nur, dass deren Familien sehr froh darüber waren, auch wenn zumindest die eine nie zuvor etwas von Bochum gehört hatte. „Aber schlimmere Zustände als sie die damals in Italien erlebten, konnte es gar nicht geben“, denkt sie.

Zehn Seiten Todesanzeigen täglich, im „Eco di Bergamo“

Von Freunden und Kollegen erfuhr Ines Siglienti lange vor anderen, wie es um Italien stand. Inzwischen kennt man die entsetzlichen Bilder aus Bergamo auf der ganzen Welt. Das „Leichenhaus der globalen Seuche“ nannten sie die Stadt, die Todesanzeigen im „Eco di Bergamo“ füllten täglich zehn Seiten. In schier unendlichen Kolonnen transportierten Militärlaster Särge mit den Leichen der Toten in die Krematorien. Und auf den Fluren der Krankenhäuser, auch das war auf den Bildern zu sehen, lagen die Kranken, die Sterbenden. Ganz allein. Nicht allen konnten die überlasteten Ärzte helfen. Sie mussten entscheiden, wer an die Beatmungsmaschine durfte. Und wer nicht.

„Das ist wie Krieg“, sagten Ines Siglienti befreundete Kollegen vor Ort. „Du kannst es dir nicht vorstellen“. Als die Bochumer Ärztin das erzählt, stockt ihr die Stimme. Bergamo kennt sie gut, es liegt nur 40 Autominuten entfernt von Mailand, wo sie studierte. Oft habe sie sich mit den Kommilitonen am Wochenende dort zum Essen getroffen. Und schließlich hat sie selbst ja Familie in Italien, in Mailand. Der Vater ist 94, im Februar hat sie ihn zuletzt gesehen. Mailand, hört sie, sei der neue Brennpunkt der Corona-Krise, „jeder kennt jemanden, der schwer erkrankt ist“.

Champions-League-Spiel am 19. Februar in Mailand: eine biologische Bombe?

Wie es so weit kommen konnte? „Eigentlich hatte ich bei meinem letzten Besuch den Eindruck, dass Italien ganz gut vorbereitet ist“, sagt Siglienti. Dass man Fieber bei ihr maß, als sie im Februar einreiste, belächelte sie damals noch. Der Lockdown sei zudem radikaler und früher als bei uns passiert. „Vielleicht sind Hotspots – wie der bei uns in Heinsberg – übersehen worden“, vermutet sie. Auch das nicht abgesagte Champions-League-Spiel in Mailand am 19. Februar (Bergamo gegen Valencia) könnte zur Explosion der Infektionszahlen beigetragen haben. Bergamos Bürgermeister jedenfalls nannte es „eine biologische Bombe“.

Aber es sei Licht am Ende des Tunnels zu erkennen sei. In zwei Wochen sei in Mailand auf dem alten Messegelände eine Intensivstation mit 250 Betten aus dem Boden gestampft worden, „wer hätte das von Italien gedacht?“.Ein Sternekoch habe die Arbeiter kostenlos versorgt und Giorgio Armani, Italiens prominentester Modedesigner, ließe in seinen Fabriken inzwischen nicht mehr Haute Couture nähen, sondern: Schutzkleidung für Ärzte und Pfleger. „Eine Kette der Solidarität!“

„Dann habt Ihr nichts verstanden“, sagte die italienische Kollegin zur Notbetreuung

Und wird es in Deutschland ähnlich schlimm kommen? Als die Bochumer Ärztin kürzlich einer italienischen Kollegin erzählte, dass auch bei uns die Schulen geschlossen seien und es nur eine Notbetreuung für „systemrelevante“ Eltern gäbe, habe die ihr nur geantwortet: „Dann habt ihr nichts verstanden.“ Sie hoffe, sagt Ines Siglienti, dass Deutschland besser durch die Krise käme als ihr Heimatland. Gesundheits- und Infrastrukturen seien hier ja ganz anders, besser. „Es fürchte nur, dass es hier an mangelnder Schutzausrüstung scheitern könnte.“

Ihre größte Sorge, wenn es denn wirklich noch schlimmer käme? Über Leben und Tod entscheiden zu müssen, wie die Freunde in Italien. Angst um die eigene Gesundheit hat sie nicht. Nur ihre kleine Tochter, die sorge sich um ihre Mama. Am letzten Wochenende bastelte die Neunjährige für ihre Eltern – auch der Papa ist Arzt – Schutzmasken. Aus Zewa.

Info: Corona-Patienten aus dem Ausland in NRW

Mehr als 20 Corona-Patienten aus dem europäischen Ausland werden derzeit in verschiedenen NRW-Kliniken behandelt. Ministerprädisent Armin Laschet (CDU) hatte wie andere Länder auch Hilfe zugesagt.

Am letzten Märzwochenende brachte eine Maschine der Luftwaffe die ersten sechs Patienten aus der Lombardei und dem Piemont zum Militärflughafen Köln/Bonn, darunter die beiden Männer aus Bergamo, die Dr. Ines Siglienti betreut.

Allein im Essener Universitätsklinikum werden aktuell aber auch acht Patienten aus Frankreich behandelt und am vergangenen Wochenende „landeten“drei Niederländer im Bochumer „Bergmannsheil“.

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