Coronavirus

Coronavirus: Ärztin fordert, Schluss mit „Corona-Ferien“

War was? Ausflügler am Kemnader See in Bochum. Rausgehen ist trotz Corona-Krise okay, doch Gruppenkontakt sollte man jetzt wirklich meiden.

War was? Ausflügler am Kemnader See in Bochum. Rausgehen ist trotz Corona-Krise okay, doch Gruppenkontakt sollte man jetzt wirklich meiden.

Foto: Olaf Ziegler / FUNKE Foto Services

Essen.  Die Essener Infektiologin Anne Lauprecht erklärt, warum es jetzt so wichtig ist, seine Sozialkontakte einzuschränken. Für eine lange Zeit.

Corona-Krise? In Parks und an Seen tummelten sich Sonnenhungrige. Andere stellen sich ohne Berührungsängste in die Schlange vor’s Eiscafé, während die NRW-Landesregierung nicht müde wird an die Bürger zu appellieren: „Bleiben Sie zuhause!“Die Essener Hygienikerin Anne Eva Lauprecht mahnt: „Es ist jetzt wirklich Zeit, seine Sozialkontakte einzuschränken - auf das Lebensnotwendige“.

„Der Aufruf gilt für alle: Hört mit diesen Corona-Ferien auf“, fordert Lauprecht, Leiterin der Hygieneabteilung und Infektiologin an den Evangelische Kliniken Essen-Mitte (KEM). Andernfalls sei absehbar, dass sich die Ausbreitung des Virus nicht bremsen lassen wird.

Jüngst haben britische Forscher deutlich gemacht, dass Ausgangssperren nicht nötig sein würden, wenn sich alle konsequent an die verkündeten Regeln hält: Abstand waren, Sozialkontakte reduzieren und im Verdachts- bzw. Ansteckungsfall zwingend in häusliche Quarantäne gehen.

Coronavirus kann nur bei langen Gesprächen gefährlich werden

„Anhusten, anniesen oder intensiver Kontakt von Gesicht zu Gesicht: das ist der Übertragungsweg“, erklärt Lauprecht. Abstand sei jetzt das „A und O“: zwei Meter Distanz zu anderen sollten es sein!

„Beim Niesen fliegen Viren-Tröpfchen in der Regel eineinhalb Meter weit, mit Wind bis zu 1,80 Meter“, sagt die Infektions-Expertin. Auch Sprechen kann problematisch sein - „aber erst wenn Gespräche länger als 15 Minuten dauern“. Wenn die Supermarkt-Kassiererin aus höchstens einem Meter Distanz nach der Payback-Karte fragt, werde „nicht genug Virenmaterial“ ausgetauscht.

Die ‘Klappe’ halten muss man jetzt also nicht, meint Lauprecht, doch lange Gespräche - von Angesicht zu Angesicht - sollten auf das engste persönliche Umfeld beschränkt bleiben. Und für anderes böten sich Telefon, Videokonferenz oder Online-Chat an, sagt Lauprecht.

Das Virus wird uns noch viele Monate beschäftigen

Von gesonderten Einkaufszeiten für Senioren in Supermärkten, die als eine der Risikogruppen jetzt besonders vor Ansteckung zu schützen sind, hält Lauprecht wenig: „Besser ist es, wenn Ältere jetzt so wenig wie möglich in Supermärkte oder Ähnliches gehen“. Vielmehr sollten Jüngere, die nicht zur Risikogruppe zählen und gesund sind, nun Älteren bei alltäglichen Besorgungen helfen, meint Lauprecht.

Dass im Kreis Heinsberg sich erstmals die Kurve der Neuinfektionen mit dem Coronavirus abflache, sieht Lauprecht mit Vorsicht. „Das Virus wird uns noch viele Monate beschäftigen“. Sie geht davon aus, „dass wir eine lange Zeit mit dem Virus zu tun haben werden, sicherlich auch noch den nächsten Herbst und Winter.“ Danach könnten zwei Dinge zusammenlaufen: Immer mehr Menschen werden bis dahin von Corona erwischt worden sein und sich dadurch immunisiert haben. Und es könnte dann eine Impfung gegen Covid19 geben.

Coronavirus-Infekt ist von Heuschnupfen „gut zu unterscheiden“

Bisherige Erkenntnisse zum Übertragungsweg ließen aber auch manche Sorgen nehmen, sagt Lauprecht: „Bisher gibt es keinen Nachweis, dass sich das Virus auch über Flächen übertrage“ - etwa Geländer, Haltegriffe oder Türklinken. Zwar habe die Ruhruniversität Bochum dazu jüngst Studien veröffentlicht, wonach sich Coronaviren auf bestimmten Oberflächen bis zu neun Tagen hatten halten können. „Das waren jedoch Labor-Bedingungen, die es draußen so nicht gibt“, sagt Lauprecht. Coronaviren trocknen an der Luft sehr schnell aus. Gleichwohl gilt in Sachen Hygiene: Händewaschen ist derzeit nötiger denn je.

Um einen Infekt auszulösen, „muss es das Virus schaffen, bis in den Rachen eines Menschen zu kommen“. Dort docke es sich dann an Schleimhautzellen an. In schlimmen Fällen, laut Lauprecht bis dato nur mit geringem Anteil, „dringt das Virus bis in die Lunge und setzt sich dort an Zellrezeptoren fest“. Was zu schwersten Lungenkomplikationen führen kann.

Wenn jetzt das Frühjahr bei vielen Pollenallergikern Schnupfen auslöst, sieht Lauprecht wenig Grund, sich in Sachen Coronavirus Sorgen zu machen: „Nase laufen kann das Virus nicht. Es dockt nicht an der Nase an.“ Vom Heuschnupfen sei es daher „gut zu unterscheiden“. (dae)

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