Der Chor, der gar nicht singen kann

„Und los geht’s“: die „Pottspatzen“ unter der Leitung von „Kapellmeister“ Volker Buchloh bei der Probe.

„Und los geht’s“: die „Pottspatzen“ unter der Leitung von „Kapellmeister“ Volker Buchloh bei der Probe.

Foto: Lars HeidriCH

Ruhrgebiet  Die „Pottspatzen“ sind ein Chor aus Männern, die nicht singen können. Gerade das ist ihr Programm – ein großer Spaß auf und vor der Bühne.

. An zartes Zwitschern kann trotz des Namens nun wirklich keiner denken, die „Pottspatzen“ singen aus voller, aber ziemlich breiter Brust – ein Männerchor mit tüchtig Spaß in den aufgeblasenen Backen. Bloß, die können gar nicht singen! Was keine böse Behauptung ist: Sie haben höchstselbst dem Wort „Gesangsverein“ das „Gesangs“ gestrichen. Die wollen das auch gar nicht können!

„Zwei, drei, fünf“, der Dirigent zählt an, „jetzt geht’s los!“ Aber vorher mussten sie sich aufstellen, „die tiefen Stimmen nach rechts, die hohen nach links, und in die Mitte die, die sich nicht entscheiden können“. Da stehen sie, 35 Kerle aus dem Ruhrgebiet, die „nicht singen können, aber es trotzdem tun wollen“, wie Carsten Wrede sagt, der vor zwei Jahren die Idee hatte. „Wir wollten uns gern mal auf einer Bühne feiern lassen.“ Aber heute ist erstmal Probe, in einem viel zu warmen Raum hinter einem Oberhausener Burger-Bräter, eine (Bier-)Flasche zu Füßen. Einsingen! Das gehört bei jedem anständigen Chor dazu und bei unanständigen auch. „Damit man die Stücke überhaupt erkennt“, sagt Volker Buchloh.

HK steht für „Herr Kapellmeister“

Der ist hier der Chorleiter und führt im „normalen“, durchaus musikalischen Leben unter anderem die Musikschule in Oberhausen. Buchloh trägt das gleiche T-Shirt wie die anderen, vorn steht in großen Buchstaben „Currywurst“ drauf, nur ohne U’s. Bei manchem spannt die Wurst etwas über dem Bauch. Dazu haben sie Clubjacken mit Nummern. 50 steht auf einem Rücken, weil der Bass einen runden Geburtstag feierte, als er die Jacke bekam: nach erfolgreicher „Aufnahmeprüfung“, in der er bewies, dass der gute Ton seins nicht ist, er aber die Texte kann. Sein Nebenmann trägt die 93, gemeint sind Kilogramm; böse Zungen behaupten, er habe Mühe, beides zu halten: das Gewicht wie den Ton. Volker Buchloh hat keine Zahl, ihm gaben sie zwei Buchstaben: „HK“ steht für „Herr Kapellmeister“.

Noch Fragen nach dem Humor in diesem etwas anderen Männergesangsverein? Sorry, Männer-Verein. Sie kommen aus Bottrop und Mettmann, Witten und Wesel, aus den unterschiedlichsten Berufen, aber eigentlich, sagt Dirk, sind sie „eine Sandkastengruppe, wir lassen keinen schlechten Witz aus“. Aber meistens singen sie, häufig laut, immer begeistert, am besten einstimmig, aber das ist bei Chören ja die größte Kunst. Der „Kapellmeister“ sagt, sie sollen dabei „immer glücklich aussehen“, und das ist ihre leichteste Übung, obwohl die Schrift in ihrer winzigen „Liederfibel“ nun wirklich klein ist.

Männer singen Mädchenlieder

Drin stehen keine Noten, die kann sowieso keiner lesen, nur Texte. Von „Schnulzen“, sagt einer, von „B-Seiten“ auch, die ganze Wahrheit ist: Diese Männer singen Mädchenlieder. „Von Mädchen interpretiert oder für Mädchen gemacht“, erklärt Dirk, und tatsächlich ist es ja so, wie Carsten sagt: „Wir singen für die Frauen, die stehen vor der Bühne und wir obendrauf.“ Neil Diamonds „Sweet Caroline“, „Eternal Flame“ von den Bangles oder „Friday I’m in Love“ (The Cure) oder auch Valentinos „Im Wagen vor mir“ (und wenn sie dazu gerade keine Uschi zur Hand haben, kriegen eben diese Frauen im Publikum den Text in die Hand).

„Der Schluss ist immer fantastisch“

Natürlich ist das alles zu erkennen, es klingt auch nicht falsch, sie üben ja auch. „Jetzt wird es gefährlich“, warnt dann der Chorleiter: „Achtel und Triolen, auch wenn ihr die Fachbegriffe nicht hören wollt.“ Später wird einer „Crescendo!“ rufen und Buchloh sofort „Das war ich nicht!“, obwohl er es meinte: „Lauter werden!“ Und manchmal schaffen sie sogar „Dur-Akkorde“, dreistimmig! Das tun sie sonst eher selten. Sonst ist so: „Der Schluss ist immer fantastisch“, sagt der Chef. „In der Mitte entwickelt sich alles, ähem, manchmal zum Guten, aber der Anfang muss stehen!“ Nach hinten raus, das gefällt den Sängern, „da sind wir der Knaller“.

Erste Proben waren „interessant“

Meist singen die Pottspatzen das, was sie aus dem Radio im Ohr haben, einstimmig, oder zumindest sollte das so sein. Bei Chören, sagen sie, die „so richtig mehrstimmig“ singen, „da sind wir raus“. Nicht nur dem Kapellmeister macht gerade das „unheimlich viel Spaß“. Sie haben ihn gefragt, als sie 2017 die Idee hatten, weil sie ahnten: „Das geht nur, wenn wir einen haben, der Ahnung hat.“ Die ersten Proben, erinnert sich Buchloh, 60, „waren schon sehr interessant“.

Aber so gewollt: Sie haben anfangs sogar Sänger abgewiesen, die tatsächlich singen konnten, sie wollen unter sich sein. Warum? „Hemmungen!“, ruft jemand von hinten. Man stellt sich also vor, da gab es Männer, die gerne gesungen hätten, aber sich nicht trauten, außer im Auto oder unter der Dusche. Bis es diesen Chor gab. Aber auf eine entsprechende Frage in die Runde will es niemand gewesen sein.

Kernkompetenz droht verloren zu gehen

Sie singen jetzt „Kids in America“, man möchte sagen, manche grölen, aber sie können auch anders. „Wir versuchen mal was Unmögliches“, kündigt Volker Buchloh an: „Nämlich mal sensibel.“ Und schon trällern sie leise, mit Gefühl und Hand auf dem Herz: „Enjoy the Silence – Genieße die Stille“. Aber so schlimm ist es nun auch wieder nicht.

Eher ist es noch schlimmer: Je mehr sie nämlich üben, desto besser werden sie. „Wir drohen, unsere Kernkompetenz zu verlieren“, fürchtet der Kapellmeister. So oft ist er schon beiläufig zwischen seine Sänger getreten und hat ihnen auf die richtigen Töne geholfen, dass sie die inzwischen auch alleine finden. „Das war falsch“, sagt hier keiner, eher stößt er dem Nachbarn in die Rippen. Neue Interessenten werden künftig vorsingen müssen: damit sie beweisen, dass sie es NICHT können. Aber schon weil sie sich nicht ganz regelmäßig treffen, bleibt doch Manches, wie es ist: „Was man mal gesungen hat“, sagt Dirk, „vergisst man auch schnell wieder.“

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