Kirchentag

Der Kirchentag feiert sich im Fußballtempel selbst

Grün statt gelb: Aber die Menschen im Westfalenstadion schwenkten trotzdem ihre Schals.

Grün statt gelb: Aber die Menschen im Westfalenstadion schwenkten trotzdem ihre Schals.

Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.  Mehr als 30.000 Menschen feierten im Dortmunder Westfalenstadion den Abschuss des evangelischen Kirchentages. Mit „Glaube, Liebe, Currywurst“.

Zum guten Schluss färbte sich sogar das Stadion kirchentagsgrün statt fußballgelb. Mehr als 30.000 Menschen feierten am Sonntag im Dortmunder Westfalenstadion den Schlussgottesdienst des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages. Auf den heiligen Rasen durften sie dafür zwar nicht, aber trotzdem waren sie: „Gottes geliebte Gurkentruppe.“

Es ist die Pastorin Sandra Bils, die das sagt in ihrer Predigt, und man weiß nicht einmal, ob sie dabei wirklich an Fußball denkt dort unten am Anstoßpunkt (der war den Geistlichen vorbehalten). Was sie meint ist, dass Jesus die Schwachen liebt, die Nicht-Perfekten, die bei den Bundesjugendspielen keine Siegerurkunde bekommen und zu dick sind für „Germany’s Next Topmodel“. „Das sind wir“, sagt Bils. Sie spricht über das Motto dieses Kirchentags und das dieses Gottesdienstes, es geht seit fünf Tagen um Vertrauen und heute darum, dass man es nicht wegwerfen soll. So steht es schon im Brief an die Hebräer, der Vers ist für die Theologin „eine Mischung aus Trost und Arschtritt“.

Totenglocken läuten für die Flüchtlinge im Mittelmeer

So ist der Kirchentag gewesen, vielleicht gerade, weil er in Dortmund war: sehr direkt, offen – und politisch. Viel haben die Teilnehmer geredet über Rechtsextremismus, noch mehr wohl über Migration. Es gibt einen Appell, der von diesem Protestantentreffen ausgeht, für sichere Häfen auf der europäischen Seite des Mittelmeers. Die Hälfte der Kollekte aus dem großen Gottesdienst und seinem kleinen Bruder auf den Wiesen des Westfalenparks ist für die Seenotretter von „Sea-Watch“ bestimmt. Noch am Samstagabend haben die Totenglocken in der Stadt geläutet, zu Erinnerung an die vielen Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken sind. An der Stadtkirche St. Reinoldi zogen sie ein Banner hoch mit ihren mehr als 30.000 Namen.

Pfeifen für die Flüchtlingspolitik

„Leben retten“, sagt Pastorin Bils, ist kein Verbrechen, sondern Christenpflicht.“ Die Christen würden gebraucht, „mehr denn je“. Und Kirchentagspräsident Hans Leyendecker, ein bekannter Journalist, fordert im Stadion, Haltung zu zeigen und zu handeln: „Pilatus wusch sich die Hände in Unschuld. Europäische Politikerinnen und Politiker waschen sie in dem Wasser, in dem Flüchtlinge ertrinken.“ Es gibt tosenden Applaus für solche Sätze, immer wieder. Nicht so laut wie sonst ein Torjubel, eher so wie das Pfeifen für den Gegner.

Dabei ist die Ersatzbank leer an diesem Tag, über ihr spielen die Musiker und Hunderte Bläser. Es rollt kein Ball, dafür schweben bunte Ballons über dem Spielfeld. Nur BVB-Präsident Reinhard Rauball ist da, er sitzt auf der Ehrentribüne und sonst im Vorstand des Kirchentags.

“Gut, dass du da bist, es ist gut“

Rauball hat auch mitgemacht, erzählt wird in Dortmund, wie er einen Gelsenkirchener beschied, der stichelte, man habe eine Kapelle auf Schalke, die Borussia aber wohl nicht? Antwort des Präsidenten: „Wir haben einen Tempel.“

In dem wird viel gesungen an diesem Sonntag, mehr noch als sonst, melodiöser auch. „Es ist gut, dass du da bist, es ist gut“, ist der neue Schlager des Kirchentags, sie haben ihn bei Abendgebeten gesungen, bei der Eröffnung, auf den Straßen, Plätzen und in der U-Bahn-Station und nun zum Schluss. „Borussia verbindet Generationen“, steht an der Bande, wie immer, „Männer und Frauen, alle Nationen“. Heute auch: alle Religionen. Es sind auch Muslime da, Juden und die Katholiken, die hoch ökumenisch mitgefeiert haben, sowieso.

Von der Currywurst zum Ebbelwoi

In zwei Jahren sieht man sich ohnehin wieder, dann ist ökumenischer Kirchentag in Frankfurt. In Dortmund sind die Zelte am Mittag schon abgebaut, die grünen Flaggen eingeholt. Die Karawane mit ihren Reisebussen und Rucksäcken, mit grünen Schals und dunklen Rändern unter den Augen zieht weiter. Von modernen Gottesdiensten hat Pfarrerin Sandra Bils gesprochen: „Glaube, Liebe, Currywurst.“ In Hessen gibt es dann 2021 „Ebbelwoi“. Der Krug für den Apfelwein ziert die am Sonntag verteilte Einladungskarte.

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