Der schwierige Weg zur Einheit im Revier

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Essen. Die Abstimmung im preußischen Landtag verlief knapp: 164 Abgeordnete stimmten für, 148 Parlamentarier gegen den historischen Zusammenschluss. Sechs kreisfreie Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke mussten fortan ihre jahrzehntelang verbissen verteidigte Selbstständigkeit aufgeben und sich dem einen großen Ziel unterordnen: eine ­echte Metropole zu werden.

Das Projekt kann als gelungen ge­wertet werden. Berlin wurde damit Deutschlands wohl einzige Weltstadt, auch wenn dafür Großgemeinden wie Charlottenburg, das damals etwa so viele Einwohner hatte wie Bochum heute, zu ­reinen Stadtteilen ­degradiert wurden.

Das Ruhrgebiet ist nicht Berlin. Aber ­Parallelen zu ziehen zwischen der Hauptstadt und dem Revier, das ist nicht ungewöhnlich. Die schiere Größe, der Wildwuchs des Urbanen, ja selbst Mentalität und Soziostruktur der Bevölkerung – es ist etwas dran am oft ­zitierten Berlin-Revier-Vergleich.

„Ruhrmündungsstadt“

Und, ja, 1920, als Groß-Berlin per Dekret entstand, gab es vergleichbare Pläne auch an der Ruhr, diese aus einer ­Ansammlung von Dörfern und Kleinstädten hervorgegangene Boom-Region mit Millionen Bewohnern zu einem ­einzigen Gemeinwesen zu formen. Doch über die Gründung von Doppelstädten wie Castrop-Rauxel, Wanne-Eickel und Gelsenkirchen-Buer kam das Revier vor knapp 100 Jahren nicht hinaus.

An Ideen mangelte es nicht. Aus heu­tiger Sicht geradezu verwegen klingt der Plan des damaligen Duisburger Ober­bürgermeisters Karl Jarres, die eigene Stadt mit den Nachbarn Oberhausen und Mülheim zu einer„Ruhrmündungsstadt“ zu fusionieren. Jarres’ Vorhaben scheiterte übrigens am Veto der Umworbenen. Immerhin: Mit der Gründung des Siedlungsverbandes Ruhrkohlebezirk (SVR) legte man die Fundamente für den späteren Kommunalverband Ruhr und dessen Nachfolger, den heutigen Regionalverband Ruhr (RVR).

900 000 Einwohner für Essen und Duisburg

Die wohl ehrgei­zigsten Pläne, die ­Zersplitterung des ­Reviers in den Griff zu bekommen, reiften erst Jahrzehnte später. In der Ära der großen Gebietsreformen in den 1970er-Jahren überrollte eine Welle von Eingemeindungen ganz Deutschland. Besonders heftig rüttelte der Reformeifer das Ruhrgebiet durch.

Der damalige NRW-Innenminister Willi Weyer (FDP) verfolgte ambitionierte Ziele. Expertenkommissionen legten Vorschlag um Vorschlag zur Neugliederung des größten deutschen Ballungs­raumes vor. Die Pläne hatten es in sich. Aus 15 kreisfreien Revierstädten und vier kreisangehörigen Gemeinden sollten sechs Großstädte werden. Mit 920 000 Einwohnern wäre Duisburg größte Ruhrgebietsstadt geworden, gefolgt von Essen (910 000 Einwohner) und Dortmund (821 000). Mehr Rücksicht auf kommunale Eigenständigkeiten nahm ein anderer Vorschlag Weyers, der das Ruhrgebiet in vier Stadtverbände unterteilen wollte: Duisburg sollte mit Oberhausen, Mülheim, Moers, Dinslaken und Rheinhausen zusammengehen. Zu Essen wäre Bottrop, Gelsenkirchen, Gladbeck, Velbert und Dorsten gekommen. Bochum hätte einen Verband mit Datteln, Herne, Hattingen, Recklinghausen und Witten gebildet. Dortmund wäre mit Castrop-Rauxel, Kamen, Lünen und Unna in den Bund fürs Leben getreten (siehe Grafik rechts).

Vier Städteverbände

Das Konzept klingt aus heutiger Sicht modern. Das Verbandsmodell war keine klassische Eingemeindung. Die bislang kreisfreien Städte sollten ihre Eigen­ständigkeit behalten, Bauleitplanung, Entwicklungsprogramme, Freizeitzentren, Großkrankenhäuser, Müllabfuhr, Nahverkehr und Theater aber verbandsübergreifende Aufgaben werden. In der Verbandsversammlung als oberstem ­Verwaltungsorgan sollte keine Mitgliedsstadt die absolute Mehrheit haben, was aber in Dortmund und Essen zu recht­lichen Problemen geführt hätte, weil beide Städte in ihren Verbänden jeweils über oder an die 50 Prozent der Einwohner ­gehabt hätten. Auch Bochum lehnte das Modell ab, weil es auf Eingemeindung Wattenscheids, Hernes und Wanne-Eickels spekulierte. Recklinghausen, Herne, Wanne und Castrop liebäugelten zudem mit einem eigenen Städteverband.

Am Ende scheiterten Weyers weit­reichende Pläne am Widerstand der Städte. Mit Inkrafttreten des „Ruhr­gebietsgesetzes“ 1975 waren alle Groß-Lösungen fürs Revier Geschichte.

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