Lokführer

Deutschland fehlen Lokführer: Hier wachsen sie nach

Traumberuf Lokführer: Philipp Thielmann von Abellio im Dezember 2016 im Essener Hauptbahnhof.

Traumberuf Lokführer: Philipp Thielmann von Abellio im Dezember 2016 im Essener Hauptbahnhof.

Foto: Stephan Eickershoff

Ruhrgebiet.   Allein der Deutschen Bahn fehlen 700 bis 1500 Lokführer. Inzwischen lernen manche den Beruf bei privaten Bildungsträgern. Die Nachfrage ist groß.

Im fünften Stock über Dortmund, in einem etwas düsteren Seminarraum sind alle 20 Plätze besetzt, aber 16 Leute stehen noch; eine Mitarbeiterin schleppt schon Stühle an, doch sie werden nicht reichen für alle. Vorn fallen gerade nicht sehr schlanke Begriffe wie „Bremsprobenberechtigter“, aber auch das kann die 35 Männer und die eine Frau nicht in die Flucht schlagen.

„Jeder hat in der Zeitung gelesen oder im Radio gehört: Irgendwo fallen Züge aus, weil Personal fehlt. Das hat es früher nicht gegeben“, sagt Maik Seelfeld vorn, der Regionalleiter der Firma „dispo TF“. „Disposition Triebwagenführer“ heißt das, denn genau deshalb sind die Leute ja hier: um zu hören, ob es etwas für sie ist, Lokführer zu werden.

147 Tage vergehen, bis eine Stelle wieder besetzt ist

Fast jeder Junge träumt davon, doch wenn es ernst wird und er erwachsen, ist Lokführer nicht mehr so angesagt. Inzwischen ist das einer der größten Mangelberufe im Lande, fehlt ebenso dringend wie Kranken- oder Altenpfleger oder Klempner. Viele Jahre wurden zu wenige Lokführer ausgebildet, Schichtdienste und unregelmäßige Arbeitszeiten schrecken außerdem Interessenten ab.

Nach den Daten der „Bundesagentur für Arbeit“ beträgt die Karenzzeit aktuell 147 Tage: Das ist die Zeit, die vergeht, bis eine freie Lokführerstelle wieder besetzt wird; sie ist vergleichsweise hoch.

Schienenersatzverkehr ist deutlich langsamer

In Bottrop, Oberhausen oder Moers kann man gerade gut verfolgen, was passiert, wenn die Leute fehlen. Dort fahren im Prinzip die Züge der Nordwestbahn (NWB), im Moment aber eher selten: Der Takt ist ausgedünnt, auf manchen Strecken fahren auch nur Busse statt der Bahnen.

Die Folge: Pendler und Reisende sind deutlich länger unterwegs, brauchten bei einem Test der Redaktion auf der Strecke Moers – Duisburg 46 Minuten statt 19, beklagten schlechte Informationen und häufigeres Umsteigen. Eine NWB-Sprecherin hat nun versichert, dass „die Verlässlichkeit für die Fahrgäste ... gegeben ist“.

Lokführer? „Ein Kindheitstraum“

Allein auf der Internet-Seite der Deutschen Bahn findet man hunderte einschlägige Stellenangebote für alle drei Geschlechter („Lokführer m/w/d“, „männlich/weiblich/divers“); 733 Lokführer fehlen der Bahn nach eigener Rechnung. Die Gewerkschaft der Lokführer schätzt, dass es in Wirklichkeit doppelt so viele sind, 1500, die fehlen. Allein bei der DB, wohl gemerkt.

Während sie nun wieder mehr ausbildet und vor allem junge Menschen, sitzen in Dortmund bei der „dispo TF“ deutlich ältere. „Technisches Interesse“ nennt ein Mann als Grund, „ein Kindheitstraum“ ein anderer. Sie sind aber auch arbeitslos oder steuern eine Umschulung an, sie sind augenscheinlich zwischen 30 und etwa 55 Jahre alt und haben dennoch Chancen in diesem Mangelberuf.

Nach bestandener Prüfung eine Übernahmegarantie

Wenn sie einen Bildungsgutschein bekommen von der Bundesagentur, der die Kosten abdeckt von etwa 25.000 Euro: Dann wartet nach bestandener Prüfung eine Übernahmegarantie auf sie. „Alle, die wir ausbilden, werden in die Tochter übernommen“, sagt der dispo-TF-Manager Ingo Müller.

Die Firma ist einerseits ein Weiterbildungsträger und andererseits ein Eisenbahnunternehmen mit rund 300 Beschäftigten, und die Geschäftsidee war, dass sie den Mangel schon 2013 kommen sah. Heute lebt Müller unter anderem davon, von Jobmesse zu Jobmesse quer durch Deutschland zu reisen und sich Info-Material aus der Hand reißen zu lassen, wie zuletzt ebenfalls in Dortmund.

„Es war noch nie so voll“

Auf Deutsch, Arabisch, Kurdisch, Farsi, Russisch – Türkisch und Polnisch sind gerade vergriffen. Solange der Mangel regiert, dehnt die Berliner Firma sich aus, hat Schulungszentren in Köln eröffnet, Mönchengladbach, demnächst Bochum – und eben Dortmund.

Dort ist der Vortrag von Maik Seelfeld beendet. Über Wagenmeister hat er noch gesprochen, über Rangierhelfer und Rangier-Lokführer („Im Prinzip ein Lokführer, der nicht aus dem Bahnhof raus darf“). Hat Fragen beantwortet zu Gehalt und Urlaubsregelungen, zur Reiserei und deren Kosten. Und, Heer Seelfeld, war das typisch heute, so wie jeden Dienstag, wenn Sie informieren? „Absolut“, sagt der Regionalleiter: „Es war nur noch nie so voll.“

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