Dummkopf oder Schlauberger: Man kann es dem Hirn ansehen

Der Bochumer Biopsychologe Dr. Erhan Genc erforscht die neuronalen Grundlagen menschlichen Verhaltens.

Der Bochumer Biopsychologe Dr. Erhan Genc erforscht die neuronalen Grundlagen menschlichen Verhaltens.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Bochum.  Spitzenforschung im Revier: Der Bochumer Biopsychologe Erhan Genç und sein Uni-Team messen Hirne. Sie kommen zu faszinierenden Ergebnissen.

Wie heißt der bedeutendste Index der Hongkonger Börse? Feng-Shui, Nikkei, Hang-Seng, Hong oder vielleicht auch ganz anders? Wo steht die Pinakothek? Wann stellte Einstein seine Relativitätstheorie auf? Und welche Konstante kommt darin vor? Der Name von Tadschikistans Hauptstadt? Wer sowas weiß und noch viel mehr, der verfügt über solides Allgemeinwissen. Unstrittig. Viel spannender aber die Frage: Sieht man das seinem Gehirn an? Der Bochumer Biopsychologe Dr. Erhan Genç, ging ihr nach – und stellte fest: Ja, tut man.

Vor knapp fünf Jahren fing sein Team am Institut für kognitive Neurowissenschaft der psychologischen Fakultät der Ruhr-Uni damit an, zusammen mit Experten der Berliner Humboldt-Universität menschliche Hirne systematisch „zu messen“. 580 Probanden wurden für eine großangelegte Studie mit dem sperrigen Namen „Neuronale Korrelate von Wissen, Intelligenz, Persönlichkeit, Emotionaler Kompetenz, Motivation“(NK WIPEM) bislang ins Kernspin geschickt, danach je fünf mehrstündigen Tests unterzogen. Was die Forscher über den Zusammenhang von Allgemeinwissen und Hirnanatomie herausfanden, ist Teil dieser Studie; die Ergebnisse wurden jüngst im „European Journal of Personality“ veröffentlicht.

Probanden wurden erst im MRT untersucht, dann mussten sie Fragen beantworten

Oberflächenstruktur, Dicke und Volumen des Hirns von 324 Männern und Frauen wurden dafür in einem Magnetresonanztomografen (MRT/Kernspin) des Uniklinikums Bergmannsheil genauestens gescannt; 90 Minuten lang; ein spezielles Bildgebungsverfahren, das „Diffusion Tensor Imaging“ (DTI), machte anschließend die Verbindungsstärke (Konnektivität) zwischen einzelnen Hirnarealen sichtbar: die „strukturelle Vernetzung des Hirns“. Was nicht so einfach klingt, ist in Wahrheit noch sehr viel komplizierter. Aber am Ende: stand ein individueller Wert für jedes Hirn und dessen Effizienz, eine Zahl irgendwo zwischen 15.000 und 40.000.

Dann mussten die Probanden Fragen beantworten: alle 308 des berühmten „Bowit“. Seit Ende des Jahrhunderts lässt sich mit der Hilfe des von Bochumer Wissenschaftlern erfundenen Wissenstests zuverlässig klären, wie groß das Allgemeinwissen einer Person ist. Die „klügste“ Testperson in Genç,’ Studie lag 308-mal richtig, die „dümmste“ mehr als 250-mal falsch.

Bessere Vernetzung im Gehirn bei größerem Allgemeinwissen

Als die Forscher diese Werte mit denen des MRT-Scans „korrelierten“ (in Zusammenhang brachten), stellten sie fest: Großes Allgemeinwissen lässt sich nicht einfach durch großes Hirn-Volumen erklären. Aber durch eine „hohe globale Effizienz“: Individuen mit einem effizienten Nervenfaser-Netzwerk haben ein größeres Allgemeinwissen als solche mit schlechterer Vernetzung. Vor allem im vorderen Bereich ihres Gehirns fanden sich besonders gut vernetzte Areale.

„Wir vermuten“, erklärt Erhan Genç den Befund, „dass Menschen mit großem Allgemeinwissen Informationen schneller und ohne große Signalverluste von einem Hirnareal zum anderen schicken können.“ Den kausalen Zusammenhang zwischen Hirn und Wissen oder Wissen und Hirn müssten allerdings zukünftige Langzeitstudien erst noch beweisen.

„Zu lange war die Psychologie eine hirnlose Wissenschaft“

Er würde diese Aufgabe gern übernehmen, nichts sei spannender, sagt Genç, ein gebürtiger Duisburger. Zu lange sei die Psychologie „eine hirnlose Wissenschaft“ gewesen. Jetzt habe man endlich die Mittel und Methoden, den faszinierenden Zusammenhang von Hirnfunktion und -struktur zu erforschen. „Wir alle funktionieren jeden Tag, wissen aber nicht, wie. Das ist doch die größte Ironie des Lebens“, erklärt der Psychologe.

Seit 2012 arbeitet er an der RUB, nur während seines Studiums und in den ersten Jahren nach der Promotion habe er im „Exil“ gelebt: in Mannheim, Frankfurt und Albuquerque (New Mexico, USA). Er sei, ergänzt er, sehr stolz auf das, was man bisher schon herausgefunden hätte – hier im Revier. In Deutschland könne man die Experten auf seinem Fachgebiet an einer Hand abzählen, weltweit gebe es gerade mal 15, 20 Labore, die sich damit befassten, „auf unserem Niveau“. „Was wir hier ist machen, ist Cutting Edge Research“, betont Genç: Spitzenforschung an der Ruhr.

Ergebnisse sind für Roboter-Entwickler wichtig

Sicherlich könne er mit seiner Grundlagenforschung Menschen nicht sofort helfen. Aber für Roboter-Entwickler oder generell Fragen der Künstlichen Intelligenz etwa seien die Ergebnisse sehr relevant. Und auf der letzten internationalen „IQ-Konferenz“, dem jährlichen Treffen der Intelligenzforscher, habe man über „polygene Scores“ geredet. Spezialisten aus den USA identifizierten bereits Bereiche im Erbgut, die Bildungserfolg teilweise erklären könnten „Bisschen spooky“, findet Genç. Er hat erst in zehn Jahren damit gerechnet – aber bei allen seinen Probanden bereits einen Schleimhautabstrich vorgenommen. Für die DNA-Analyse.

>>>>INFO: Intelligenz und Prokrastination

Den Zusammenhang von Hirnstruktur und emotionaler Kompetenz wollen die Bochumer Neurowissenschaftler als nächstes untersuchen.

Erste Ergebnisse für „Intelligenz“ und „Prokrastination“ liegen bereits vor: Hochintelligente Menschen, so zeigte die Studie, haben 1. ein größeres Hirnvolumen als andere und 2. eine geringere lokale Vernetzung (Dendritendichte). „Intelligente Hirne zeichnen sich durch eine schlanke, aber effiziente Vernetzung ihrer Neurone aus“, so Genç.

Der Studienbefund zur Prokrastination („Aufschieberitis“): Menschen, die Aufgaben gern liegen lassen, haben eine größere Amygdala als die,, die Aufgaben sofort erledigen, und eine weniger stark ausgeprägte funktionelle Verbindung zwischen Amygdala und ACC, dem „Anterioren Cingulären Cortex“. Die Amygdala (Mandelkern) ist im Hirn zuständig für Emotionales, vor allem für Angstgefühle. Der ACC wirkt als Gegenspieler.

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