Seenotrettung

Essener Studentin half Flüchtlingen auf der „Sea-Watch“

Verena Würz sagt, sie hat alle Folgen von Folter gesehen: Das Bild zeigt sie bei der Behandlung von Verletzungen.

Verena Würz sagt, sie hat alle Folgen von Folter gesehen: Das Bild zeigt sie bei der Behandlung von Verletzungen.

Foto: Verena Würz / Handout

Düsseldorf/Lampedusa.  Verena Würz war an Bord der „Sea-Watch 3“. Die 25-Jährige behandelte Folteropfer und war dabei, als Kapitänin Rackete verhaftet wurde.

Verena Würz ist wieder zuhause. Vier Wochen war die Essener Medizinstudentin auf der „Sea-Watch 3“, mit über 50 „schwer traumatisierten und kranken Menschen“. Ein „verrücktes Gefühl“, nun so allein zu sein in Düsseldorf. Die 25-Jährige vermisst die Flüchtlinge, mit denen sie so lange so nah zusammen lebte auf dem Schiff, es sind „tiefe Zuneigung und Freundschaften entstanden“. Aber sie sagt, es geht ihnen gut. Und sie glaubt: Ohne Hilfe wären diese Menschen wahrscheinlich im Meer ertrunken.

Verena Würz hat gewusst, worauf sie sich einlässt. Sie wusste, dass Seenotrettung im Mittelmeer „schwierig“ ist, dass man vielleicht sogar die ganze Crew verantwortlich machen würde. Sie war auf Fluchtgeschichten eingestellt, sagt sie, auf Folterverletzungen, aber dann war alles noch schlimmer. Verbrennungen hat sie gesehen, „unter den Füßen, am Schienbein, am Rücken, das fügt sich keiner selber zu“. Offene Brüche und solche, die unter der Haut noch fühlbar waren. Mehr erzählt sie nicht, die ärztliche Schweigepflicht, nur so viel: „Wir hatten Opfer aller Formen der Gewalt an Bord.“ Vier, fünf Patienten habe sie noch mit der nötigen Distanz behandelt, „beim sechsten, siebten fängt es an zu nagen, ab dem achten kann man es einfach nicht mehr ertragen. Aber das ist keine Option.“

„Die Situation an Bord war ausweglos und untragbar“

Es war auch Verena Würz, es war die ganze Mannschaft, die am 17. Tag auf See die Kapitänin bat, trotz Verbots in den Hafen von Lampedusa einzufahren. „Wir können die Verantwortung nicht mehr tragen“, sagten sie ihr, diese Verantwortung für immer noch 40 verzweifelte Menschen, für eine Crew, die nächtelang nicht geschlafen hatte, die unter der extremen Hitze litt. „Wir hatten einen klaren Notstand an Bord, die Situation war ausweglos und untragbar.“

Das hatten sie auch fast drei Wochen zuvor schon befürchtet, als sie das Flüchtlingsboot zum ersten Mal erspähten: Zwei Tage seien die 53 Flüchtlinge da schon auf See gewesen, Kinder unter ihnen, ohne Kompass, das Wasser lief bereits ins Boot. Inzwischen hat die 25-Jährige Nachricht aus dem Aufnahmezentrum in Lampedusa, „sie sind endlich an Land, es geht ihnen gut“. Noch mehr fehlen ihr die Kollegen an Bord, „die Leute, mit denen ich das alles am liebsten verarbeiten würde“.

Das geht an Kapitänin Carola Rackete: „Das waren wir, nicht du allein!“

Und die Kapitänin Carola Rackete. „Ihre Abwesenheit“, nachdem sie abgeführt wurde im Hafen, „hat ein schmerzendes Loch in die Crew gerissen.“ Diese Caro, schreibt Verena Würz auf Facebook, sei „ein Mensch mit unfassbarem Mut und persönlicher Stärke“, sie sei „dankbar, drei Wochen mit ihr verbracht zu haben“. Ihr und der ganzen Welt will sie deshalb immer wieder sagen, dass das Team hinter der Chefin steht: „It was us, not you“ – Wir waren das, nicht du allein.

Sie selbst war noch nicht als fertig ausgebildete Ärztin, aber als sogenannter „Medic“ an Bord, sie hat eine Ausbildung im Rettungsdienst. Deshalb auch hat sie sich beworben für den Einsatz: weil sie doch lernt als Medizinerin, Menschenleben zu achten und zu retten. „Aber im Mittelmeer sehen wir weg, wenn Menschen ertrinken. Hier wird man von der Justiz verfolgt, wenn man sie nicht rettet, dort, wenn man es tut.“ Es war dieser Widerspruch, der sie auf See trieb, aber auch, „dass weltweit fremdenfeindliche Aussagen salonfähig werden. Das ängstigt mich“. Verena Würz wollte „laut dagegen aufstehen“.

Ein immenser Kraftakt

Dass alles so anders kam als geplant, war ein „immenser Kraftakt“, sagt sie. Auch weil das Gefühl geschmerzt habe, „es würde sich keiner für unser Schicksal und das aller Beteiligten interessieren“. Sie fühlten sich allein auf der „Sea-Watch“, aber sie hätten aufeinander aufgepasst. „Anfangs“, gibt die Studentin zu, „weiß man nicht, wer an Bord kommt. Aber dann habe ich sie kennengelernt und habe mich unheimlich sicher gefühlt.“

Nun, nach ihrer Rückkehr, ist Verena Würz „unglaublich erschöpft“, nach „riesiger Verzweiflung und starken Emotionen“ empfand sie nach der Landung zunächst eine „große Leere“.

Den Glauben an die Politik verloren

Über den Vorwurf, private Seenotrettung helfe bloß den kriminellen Schleppern, lacht sie bitter: „Schlepper, das bin dann ja ich.“ Sie glaubt, die Flüchtlinge würden so oder so ausbrechen aus Libyen: „Sie sind losgefahren, obwohl sie wussten, dass sie vermutlich sterben. Es war eine Art Selbstmord mit Hoffnung auf ein Wunder.“

Noch weiß die 25-Jährige nicht recht, welche Schlüsse sie ziehen soll aus dem Erlebten. „Europa muss sich schämen“, sagt sie nach einigem Überlegen, und dass sie ihren Glauben an die Politik und auch an die Justiz „ein Stück weit verloren“ hat.

„Wir müssen lauter werden, politischen Druck schaffen.“ Die Seenotrettung, davon ist sie überzeugt, müsse wieder verstaatlicht werden. Aber auch sie selbst würde wieder an Bord gehen. Für die Mission zu Weihnachten/Silvester hat Verena Würz sich schon beworben. Wenn die Sea-Watch 3 wieder freigegeben wird oder eine Sea-Watch 4 kommt: „Ich wäre dabei.“

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