Globaler Klimastreik

Fridays For Future: Klimastreik sprengt erwartete Dimension

Rund 8000 Teilnehmer waren es in Essen. Mit 600 hatten die Organisatoren gerechnet. Zur bislang größten Demo (gegen RWE) kamen 1500 Menschen, aber am 3. Mai reisten auch Ortsgruppen aus ganz NRW an.

Rund 8000 Teilnehmer waren es in Essen. Mit 600 hatten die Organisatoren gerechnet. Zur bislang größten Demo (gegen RWE) kamen 1500 Menschen, aber am 3. Mai reisten auch Ortsgruppen aus ganz NRW an.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Ruhrgebiet/Essen.  Die Schüler von „Fridays For Future“ schafften es erstmals, Massen zu bewegen. Allein im Ruhrgebiet lief ein Prozent des weltweiten Protests.

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Seit diesem Freitag kann man sagen: Fridays For Future ist nun eine Massenbewegung. Zuvor sind an schlechten Freitagen vielleicht 30 Schüler durch Essen gezogen, an guten waren es zuletzt auch mal 400. Darum hatten die Organisatoren zum „globalen Klimastreik“ eine Demo mit 600 Teilnehmern angemeldet. Es kam etwa die dreizehnfache Menge.

Rund 8000 Schüler, Eltern, Großeltern, Lehrer, Gewerkschafter, Kirchenmitglieder - kurz: Erwachsene - ziehen nach Schätzung der Veranstalter und offizieller Stellen an diesem 20. September durch die Stadt. Und so läuft es im ganzen Ruhrgebiet: Oberhausen bringt 2000 Teilnehmer auf die Straße. In Gelsenkirchen füllen viele Hundert die halbe Fußgängerzone. In Bochum sind es wohl ebenfalls 8000 Menschen, seit der Schließung des Opel-Werks gab es hier keinen größeren Protest.

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Viele Schüler sind das erste Mal dabei

Nehmen wir die Klasse 7f des Essener BMV-Gymnasiums als Beispiel. An „normalen“ Freitagen streiken nur Emilia, Clara und Emily – begleitet mal von der ein oder dem anderen. „Die meisten wollen eben doch keinen Unterricht ausfallen lassen, sagt Emilia Meyer (12). Heute aber tritt die Klasse geschlossen auf. „Wir haben vorgeschlagen, den Wandertag einzusetzen. Und alle waren dafür.“ - „Nur so war es möglich, dass alle zusammen kommen konnten“, erklärt Religionslehrer Thomas Günther.

„Ich habe es bisher für eine Sache der Schüler gehalten“, sagt Julia Schlenkert, Inhaberin von Happy Yoga. „Aber es sind ja nun auch Unternehmen aufgerufen. Viele Läden in Essen, denen ich auf Facebook folge, beteiligen sich mit Aktionen. Also habe auch ich meinen Kurs am Freitagmorgen ausfallen lassen.“ Vier ihrer „Yoga-Mädels“ begleiten sie zur Demo.

Zur Einordnung: In rund 2600 Städten weltweit streiken die Schüler an diesem Freitag, von Albanien bis Uruguay. Doch Deutschland ist mit 575 Demonstrationen klar das Zentrum. Allein die Demos in 31 Städten des Ruhrgebiets stehen für mehr als ein Prozent der Protestmärsche. „Nie nie nie mehr Kohle“, skandieren die Schüler in Essen, Gelsenkirchen oder Bottrop, nur wenige Monate nach Schließung der letzten Zeche.

Ortsgruppen stellen Forderungen

Die Proteste sind dennoch nur lose zentral organisiert, die Ortsgruppen bestimmen den Ton und ihre jugendlichen Protagonisten greifen mehr und mehr in die lokale Politik ein. Der Hagener Stadtrat steht nach anfänglicher Ablehnung kurz vor Ausrufung des Klimanotstandes, nachdem die jungen Aktivisten um Janne Rosenbaum (17) eine überzeugende Präsentation abgeliefert haben. Wann immer möglich, soll die Stadt dann den klimafreundlichsten Weg wählen und sich an den Vorgaben des Weltklimarats orientieren.

Lion Rudi aus Oberhausen hat sogar einen Sechs-Punkte-Forderungskatalog verschickt, das auf einen Bierdeckel passt: Kostenfreier öffentlicher Nahverkehr. Keine weitere Versiegelung von Grünflächen (ohne Ausgleichsflächen). Oberhausen soll seine Steag- und RWE-Anteile verkaufen und in „klimafreundliche Unternehmen“ investieren. Breitere Radwege sollen her, eine Windkraftanlage und mehr Solarenergie. In Gelsenkirchen kommen die Forderungen als Vorschläge daher: Weniger Plastik in Supermärkten, nur Recycling-Papier in Schulen; autofreie Tage und auch hier: kostenlos mit Bus und Bahn.

„6000 Menschen, ist das krass!“, ruft der Essener Mitorganisator Levi Camatta über die Lautsprecher auf dem Dach des mitfahrenden E-Autos. Dadurch hat sich die Route geändert, erklärt er der Masse hinter ihm, während er quasi zeitgleich übers Handy kommuniziert. Im gleichen Atemzug ruft er sie zur Sitzdemo vor dem Limbecker Platz auf und Tausende folgen ihm. Generation Multitasking. Levi ist erst 14, sieht womöglich noch jünger aus, aber auf dem Platz vorm Hauptbahnhof wird er gleich eine Ansprache halten wie ein Gewerkschaftschef vor dem Aus eines Stahlwerkes. Er trägt ein mit politischen Forderungen bedrucktes Stirnband: Jugend im Kampfmodus.

„Kurzstreckenflüge nur für Insekten!“

„Motor aus! Motor aus!“, rufen meist ältere Demonstranten immer wieder, während sie die laufenden Polizeimotorräder passieren, die die Strecke sichern. Cool schütteln die Polizisten ihre behelmten Köpfe, um dann mit trainierter Gelassenheit „zum 400. Mal“ zu erklären, dass das Blaulicht Energie verbraucht und das Motorrad womöglich nicht mehr anspringen würde.

„Hier marschiert der rationale Widerstand“. steht auf einem Transparent in Oberhausen so auf den Punkt, die elfjährige Charlotte folgt mit dem Einfall: „Kurzstreckenflüge nur für Insekten!“. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft verbaut“, skandieren sie nicht nur in Bochum. „Opa, was ist ein Eisbär“, fragt ausgerechnet das Transparent von Oma Christel Blumenstock in Essen: „Natürlich wird man das gefragt. Unsere Kinder kennen ja keinen Schnee mehr wie früher. Fällt mal was, ist es in zehn Minuten Minuten wieder geschmolzen.“

Zwei Gäste der Assalam-Moschee hören überhaupt das erste Mal von Fridays For Future und recken den Daumen in die Höhe. Nebenan lassen die bis zum Scheitel tätowierten Jungs von „Pottboiz Electric Tattoo“ den langen Strom mit verschränkten Armen vorüberziehen. Schwer, unter all der Tinte die Stimmung zu lesen. „Find ich gut, dass die sich politisieren“, sagt Keanu Kuthe schließlich. Aber nicht sein Thema. Ladennachbar und Versicherungsmakler Weli Erdogan kommentiert: „Die haben doch auch alle ein Handy in der Tasche. Meiner Meinung nach gibt es wichtigere Themen: Die Konzerne sollen ihre Steuern hier zahlen und nicht woanders. Aber ich find‘s gut, dass die Leute auf die Straße gehen und nicht zuhause rumjammern. In Frankreich ist das ja normal, aber in Deutschland hätte ich das nicht erwartet.“

Als der Essener Zug in den Tunnel unter dem Porscheplatz einläuft, hallen die Bongos der Eintrommler, der erste stößt einen Testruf aus, dann immer mehr, und berauscht vom eigenen Echo beginnt der ganze Abschnitt zu johlen. Handys werden gereckt. Einer begeisterten Seniorin kann man das Wort „Wahnsinn“ von den Lippen ablesen, es geht unter im vielstimmigen Ruf. Eine Menge spürt sich.

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