Justiz

Prozessauftakt zu Fünffach-Mord in Solingen: Mutter schweigt

Lesedauer: 7 Minuten
Die angeklagte Mutter spricht mit einem ihrer Anwälte - in einer wegen Corona angebrachten Scheibe spiegelt sich das Wort "Gesetz" vom Fenster. Im Fall der fünf getöteten Kinder im nordrhein-westfälischen Solingen hat vor dem Landgericht Wuppertal der Mordprozess gegen deren Mutter begonnen.

Die angeklagte Mutter spricht mit einem ihrer Anwälte - in einer wegen Corona angebrachten Scheibe spiegelt sich das Wort "Gesetz" vom Fenster. Im Fall der fünf getöteten Kinder im nordrhein-westfälischen Solingen hat vor dem Landgericht Wuppertal der Mordprozess gegen deren Mutter begonnen.

Foto: dpa

Wuppertal/Solingen.  Mutter soll in Solingen fünf ihrer sechs Kinder getötet haben. Fall sorgte bundesweit für Entsetzen. Zum Prozessauftakt schweigt die 27-Jährige.

  • Prozess gegen Mutter aus Solingen hat begonnen
  • Die damals 27-Jährige soll im September 2020 fünf ihrer sechs Kinder ermordet haben
  • Überlebender Sohn (11) und Noch-Ehemann sind Nebenkläger
  • Die Staatsanwaltschaft wirft ihr „heimtückische Tötung“ vor

Fünf tote Kinder, getötet von ihrer eigenen Mutter. Es ist eine monströse Mordanklage, die seit Montag vor dem Landgericht Wuppertal verhandelt wird. Und doch dauert die Verlesung der Vorwürfe kaum fünf Minuten: 3. September 2020, eine 27-Jährige aus Solingen mischt ihren Kindern Beruhigungsmittel in die Frühstücks-Becher, dann erstickt sie die fünf nacheinander in der Badewanne. Im Prozess will sich die Frau vorerst nicht äußern, auf dem Flur verraten ihre Anwälte: „Sie sagt, sie war es nicht.“

Melina (19 Monate), Leonie (2), Sophie (3), Timo (6), Luca (8). Die Polizei hat ihre Namen schon am Tag nach der Tat genannt, auch der Staatsanwalt liest sie vor. Diese fünf fand die Polizei nach einem Hinweis der Oma an jenem regnerischen Septembertag in ihren Kinderbetten, eingewickelt in Handtücher. Denn so soll ihre Mutter vorgegangen sein: Mit Beruhigungsmittel und Fiebersaft soll sie ihre Jüngsten sediert haben, „in einer normalen Frühstückssituation, ohne dass diese etwas vermuten konnten“. Die Kleinste bekam den verhängnisvollen Cocktail im Fläschchen.

In der Wanne erstickte oder ertränkte sie das Baby

Mit ihr soll die junge Mutter angefangen haben. Laut weckte sie das schläfrig gewordene Kind, trug es ins Badezimmer, wo sie einen Heizlüfter aufgestellt und Spielzeug ins Badewasser geworfen hatte. „Eine übliche Badezimmer-Situation.“ In der Wanne erstickte oder ertränkte sie das Baby. Dann wickelte sie es ein und legte es in sein Kinderbettchen. Nach und nach machte sie mit dem nächstälteren Kind weiter, bis alle fünf tot in ihren Zimmern lagen.

Gerichtsmediziner fanden Blutungen am Hals, an Armen, Beinen und Rücken der Kinder, die meisten bei Luca, dem Ältesten: Ein Hinweis, dass die Kinder sich trotz der hoch dosierten Medikamente gewehrt hatten. Passiert ist das alles zwischen zwanzig nach sieben und halb zwölf. Der Tisch war noch gedeckt, als die Polizisten kamen, „eine typisches Frühstück“, sagt Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt. Weshalb er der Mutter fünffachen Mord vorwirft: Sie habe den „gezielt herbeigeführten Dämmerzustand“ der Kinder ausgenutzt. Diese seien arglos gewesen.

Die zerbrochene Beziehung und die neue Frau des Mannes

Zwischendurch soll die Angeklagte gechattet haben: mit ihrer Mutter und ihrem Noch-Ehemann. Es ging um die zerbrochene Beziehung und um die neue Frau des Mannes. Der Vater der vier jüngeren Kinder lebte schon seit geraumer Zeit nicht mehr in der gemeinsamen Wohnung im Stadtteil Hasselfeld, offenbar hatte seine Frau immer noch gehofft, er käme zu ihr zurück. Wenige Tage zuvor aber hatte er bei Whatsapp seinen Status geändert: Ein Foto zeigte ihn mit „der neuen Lebenspartnerin“, wie Staatsanwalt Kaune-Gebhardt am Rande des Prozesses sagt – es sei damit offensichtlich geworden, dass hier „eine neue, dauerhafte Beziehung“ begonnen habe. Das Paar wohnt in unmittelbarer Nachbarschaft.

Die Angeklagte, eine kleine, zarte Frau in karierter Kurzarmbluse, blond und dezent geschminkt, atmet mehrfach durch, als sie das alles hört, blickt zuweilen konzentriert, dann wieder unsicher ins Leere. In der Beziehungskrise sehen die Ankläger einen Auslöser für die Tat, wenn auch noch kein Motiv. Er werde die Kinder nicht wiedersehen, schrieb die Frau ihrem Noch-Ehemann an jenem Donnerstag, „sie sind da, wo ich auch bald sein werde“. Andeutungen seien das gewesen, keine Drohung, sagt der Staatsanwalt. Erst heute weiß man, was die damals 27-Jährige tatsächlich meinte. Nach der Tat warf sie sich am Düsseldorfer Hauptbahnhof vor eine S-Bahn. Sie wurde nur leicht verletzt, die Rede ist von „Platzwunden“ und kleineren inneren Verletzungen.

Dem Jungen sagte sie, seine Geschwister seien tot

Eines ihrer Kinder hat die Frau damals verschont: Der älteste Sohn, elf Jahre alt, war nicht zuhause. Er war um sieben Uhr in die Schule gegangen, später rief seine Mutter dort an: Es habe einen Todesfall gegeben. Dem Jungen sagte sie, unterwegs im Zug nach Düsseldorf, seine Geschwister seien tot, „ein Unfall“. Dann schickte sie ihn weiter zur Großmutter nach Mönchengladbach. Sie hatte von ihren sechs Kindern, wie Staatsanwalt Kaune-Gebhardt sagt, „die anwesenden“ getötet.

„Sie sagt, sie war es nicht“, sagt hingegen deren Verteidiger Thomas Seifert auf dem Gerichtsflur. Beide Kollegen bestätigen das, im Saal will ihre Mandantin keine Angaben machen, auch nicht zur Person. Im Gespräch mit der Gefängnis-Psychologin hatte sie behauptet, ein Unbekannter mit Mund-Nasenschutz habe die Wohnung betreten, sie selbst gefesselt und die Kinder umgebracht. „Eine Schutzbehauptung“, sagt Heribert Kaune-Gebhardt. Gegenüber den Ermittlern hat sich die Angeklagte bis heute nicht geäußert. Aber auch ihre Verteidiger haben offensichtlich Zweifel: „Ob man ihr das glaubt oder nicht…“

Neues Gutachten könnte helfen bei der Frage nach dem Warum

Sie versuchen es am Montag erst einmal mit Anträgen: Einer der Gutachter wird wegen Befangenheit abgelehnt; in zwei vorläufigen Expertisen wird die Angeklagte als voll schuldfähig bezeichnet, eine psychische Erkrankung liege nicht vor. Allerdings seien die Schriftstücke „schablonenhaft und voller Mängel“, der Professor sei nicht von seiner Schweigepflicht entbunden worden. Die Botschaft: Hätte die 28-Jährige gewusst, dass der Gutachter seine Erkenntnisse öffentlich macht, hätte sie gewisse Dinge nicht erzählt. Es geht um sexuelle Gewalt in der Kindheit. Ein Fall ist aktenkundig, ein anderer betrifft möglicherweise den eigenen Vater. Ermittlungen in Mönchengladbach sollen laufen.

Ein neues Gutachten könnte nach dem Willen der Verteidigung helfen bei der Frage nach dem Warum. Darauf will auch die Familie eine Antwort: Im Prozess lassen sich der überlebende Sohn und der Vater der vier Jüngsten als Nebenkläger vertreten. Letzterer ist in therapeutischer Behandlung, eine Erklärung, sagt sein Rechtsanwalt Jochen Ohliger, sei für ihn wichtig. Selbst gestandene Juristen nennen diesen einen „außergewöhnlichen Fall“. Unfassbar, sagt Ohliger, „dass eine Mutter ihre fünf Kinder tötet. Was soll man dazu sagen?“

>>INFO: MINDESTENS ZEHN WEITERE VERHANDLUNGSTAGE

Für den Prozess vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Wuppertal sind vorerst zehn weitere Verhandlungstage angesetzt. Ab dem kommenden Montag sind die ersten Zeugen geladen. Ob Ehemann, Mutter oder auch der Sohn der Angeklagten aussagen werden, ist ungewiss: Sie haben als Familienmitglieder ein Zeugnis-Verweigerungsrecht.

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