Corona

Kassiererin: „Wäre toll, wenn Kunden wieder Menschen werden“

Coronavirus: "Als gäbe es eine atomare Bedrohung."

Klopapier, Nudeln, Milch - Seit Ausbruch des Coronavirus sind die Regale in deutschen Supermärkten teilweise wie leergefegt. In dieser Umfrage äußern sich die Menschen zu den Hamsterkäufen.

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Gelsenkirchen.  Zuletzt umlagerten Kunden einen Lieferwagen: Einzelhandelskauffrau Julia K. schildert ihren Corona-Alltag in einem Supermarkt in Gelsenkirchen.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt erschöpft und ein bisschen verschnupft. „Das wird eine blöde Erkältung sein“, sagt Julia K. und hofft, dass sie sich nicht mit dem Coronavirus angesteckt hat. Dass sie etwas angeschlagen ist, wundert sie nach dem Stress der vergangenen vier Wochen nicht. Die 32-Jährige, die eigentlich anders heißt, ist Einzelhandelskauffrau in einem Supermarkt in Gelsenkirchen.

Der vergangene Monat sei „viel schlimmer als das Weihnachtsgeschäft“ gewesen. „Und das jeden Tag“, ergänzt die junge Frau. Schon seit zwei Wochen habe sie ihre Angehörigen nicht mehr gesehen. „Ich bin ja jeden Tag an der Front. Natürlich bin ich unsicher und habe am meisten Angst davor, meine Liebsten anzustecken. Es ist ziemlich heftig“, schildert Julia K. ihre Gefühlslage.

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Die aktuelle Corona-Krise offenbare die schlimmsten und besten Seiten am Menschen. „Manche Kunden haben uns Blumen und Pralinen als Dankeschön mitgebracht. Andere behandeln uns unfreundlich, niesen oder husten ungeschützt an der Kasse oder pflaumen dich an, wenn das Mehl schon wieder alle ist“, schildert Julia K. Das Ende der zurzeit minütlich gestellten Frage „Haben Sie noch...?“ warte sie mittlerweile gar nicht mehr ab. „Ich sage direkt Nein. Nein, wir haben kein Mehl mehr.“

Mehl und Klopapier sind längst limitiert worden auf zwei Pakete pro Kunde

Sowohl Klopapier als auch Mehl würden in ihrem Supermarkt nur noch begrenzt ausgegeben, zwei Pakete pro Kunde. Zwar habe es bislang keine gewalttätigen Auseinandersetzungen gegeben – wie jüngst in Dinslaken, wo ein Kunde zwei Mitarbeiterinnen beleidigte und bespuckte. Oder wie in Hagen, wo der Streit zweier Männer über den Abstand in der Warteschlange in einer handfesten Schlägerei endete. Aber auch Julia K. beobachtet Egoismus, den sie vor der Corona-Krise nicht für möglich gehalten hätte.

Am Mittwoch hätten einige Kunden schon am frühen Morgen einen Lieferwagen umlagert, der für Nachschub in den Supermarkt-Regalen sorgt. Der Fahrer habe seine Waren kaum abladen können. „Die kaufen ein, als gäbe es kein Morgen. Nudeln, Konserven, Mehl: Kaum haben wir die Lieferung bekommen, sind die Regale auch schon wieder leer“, sagt K. Und: „Ich würde mich freuen, wenn die Kunden wieder Menschen werden.“

„Wir können uns nicht vor einer Ansteckung schützen und ins Homeoffice“

Eine Forderung, mit der sie nicht allein ist. Am vergangenen Wochenende machte die Essener Einzelhandelskauffrau Farina Kerekes ihrer Wut auf Twitter Luft – und bekam dafür bundesweit viel Unterstützung: „Was da gerade wegen Corona abgeht, ist eine Schande für unsere Gesellschaft. Meine Kolleginnen und ich können uns gerade nicht vor einer Ansteckung schützen und ins Homeoffice“, schrieb sie unter anderem.

Kerekes prangerte auch die mangelnde Wertschätzung an, die sich unter anderem in der Bezahlung widerspiegele: „Auf einmal redet die Politik davon, dass mein Job systemrelevant sei. Ich fände gut, wenn sich das auch mal in der Entlohnung widerspiegeln würde oder in den Arbeitsbedingungen“, spielte Kerekes auf die Rede von Angela Merkel an.

„Ein Bonus oder Urlaub für unseren Einsatz wären toll“

Als sich die Bundeskanzlerin bei allen Supermarkt-Mitarbeitern bedankte, sei ihr vieles durch den Kopf gegangen, schildert Julia K. aus Gelsenkirchen: „Das ist auf der einen Seite sehr nett, nur haben wir nix davon. Ein Bonus oder Urlaub für unseren Einsatz wären toll.“ Aktuell werbe ihr Supermarkt studentische Hilfskräfte an, um die Mitarbeiter etwas zu entlasten. „Das ist schon mal ein erster Schritt“, sagt Julia K., die in den vergangenen Wochen wie viele ihrer Kollegen jede Menge Überstunden angehäuft hat.

Während sie beim Befüllen der Regale kaum Zeit habe, über die Ansteckungsgefahr nachzudenken, sei die Angst bei den Schichten hinter Kasse ihr ständiger Begleiter: „Nicht alle Kunden halten den notwendigen Abstand oder beachten die Nies-Etikette.“ Mittlerweile sei das Tragen von Einweg-Handschuhen Pflicht. Zudem werde ihr Arbeitsplatz regelmäßig desinfiziert, demnächst sollen die Kassen mit Wänden aus Plexiglas geschützt werden, hat Julia K. gehört.

Einige Edeka-Märkte wollen Personal an der Kasse mit Plexiglas schützen

Ähnliches setzt auch Handelsriese Edeka aktuell um: Neben den Empfehlungen an die Kunden, Abstand zu halten und möglichst bargeldlos zu bezahlen, würden aktuell immer mehr Märkte Plexiglas-Kästen aufstellen, heißt es auf die Anfrage zum Schutz der Mitarbeiter. „Wichtig ist, dass wir alle gemeinsam besonnen und solidarisch mit dieser Situation umgehen“, heißt es aus der Pressestelle des Unternehmens.

Ob der fromme Appell ausreicht, bleibt abzuwarten. In Mülheim hat der erste Supermarkt damit begonnen, die Anzahl der Kunden im Markt zu begrenzen.

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