Kommentar

Nach dem Lügde-Urteil: Kindesmissbrauch ist keine Ausnahme

Annika Fischer

Annika Fischer

Foto: Fabian Strauch / FUNKE Foto Services

Der Fall Lügde war monströs. Aber Kinder werden täglich sexuell missbraucht. Was wir künftig besser machen müssen, um aus dem Fall zu lernen.

Der „Fall Lügde“ hat aus vielen Gründen für Aufregung gesorgt: Da waren die schiere Zahl der Fälle, der lange Zeitraum, die Brutalität, mit der mehrere Männer auch ganz kleine Kinder missbrauchten, darunter die eigene Pflegetochter. Und das alles in vermeintlicher Campingplatz-Idylle.

Da war aber auch das allgemeine Wegsehen ganzer Familien, der Polizei, des Jugendamts, da waren die Fehler bei den Ermittlungen. Die politische Aufarbeitung des Dramas läuft ja noch.

Etwas Entscheidendes aber hat die Vorsitzende Richterin ganz am Anfang ihrer Urteilsbegründung angemerkt: Dass Kinder in dieser Gesellschaft sexuell missbraucht werden, sei „nichts Außergewöhnliches“, sagte Anke Grudda. „Keine Ausnahme.“

Kinder werden zum Sex gezwungen

Lügde war monströs, aber die ganze Wahrheit ist: Jeden Tag fassen irgendwo Erwachsene Kinder an, zwingen sie zum Sex, nötigen sie zu Dingen, von denen sie noch gar nichts ahnen können und dürften. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr mehr als 14.000 Fälle von Kindesmissbrauch gezählt. Und das sind eben nur die in der polizeilichen Statistik: die, die angezeigt wurden.

Ob der Fall Lügde etwas ändert?

Die Richterin hat sich bedankt für den empathischen Umgang von Polizei und Juristen mit den kleinen Zeugen. Sie hat die Kinder erzählen lassen, um ihnen zu zeigen, dass man ihnen glaubt. Nur kam beides zu spät. Zu vielen Opfern wird noch immer nicht zugehört, ihre stummen Hilferufe werden nicht gesehen, Hinweise gar ignoriert. Ob „Lügde“ daran wirklich etwas ändert? Es wäre den Kindern zu wünschen.

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