Klimaprotest

„Unglaubliche Provokation“: Demo gegen Kraftwerk Datteln

Datteln: Demonstration gegen Steinkohlekraftwerk in NRW

In Datteln haben am Freitag über 400 Teilnehmer gegen die Inbetriebnahme des Steinkohlekraftwerks von Uniper demonstriert.

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Datteln.  Acht "Fridays for Future"-Ortsgruppen hatten zum großen Streik gegen das Uniper-Kraftwerk in Datteln aufgerufen. Es kamen rund 430 Unterstützer.

„Heute is was los in Datteln“, sagt die Frau, die ihre Mutter im Rollstuhl über die Straße schiebt. „Für die paar Mänekes“, sagt eine andere zu ihrer Freundin - und deutet auf die sechs Polizeibullis und zwei Motorräder auf dem Neumarkt, sie stehen exakt fünf Protestlern gegenüber. Aber es ist erst 11.30 und die Freitagsprotestierer kommen mit Bus und Bahn, siehe da, pünktlich. Um 12 Uhr haben sich etwa 430 Schüler, Studenten, Alt-68er, Vertreter von Greenpeace, BUND und Grünen eingefunden, laut Polizei, um die zweieinhalb Kilometer zum Kraftwerk des Anstoßes zu laufen und zu skandieren: "Datteln Vier? Nicht mit mir!"

Das ohne gültige Baugenehmigung errichtete und seit Jahrzehnten umstrittene Kraftwerk ist so etwas wie der Kölner Dom von Datteln. Es macht die Stadt berühmt, man sieht es von fast jeder Ecke aus, es hat bislang keinen praktischen Nutzen, da es nie ans Netz gegangen ist, dafür aber einen umso größeren symbolischen Wert: "Der Kohleausstieg soll mit der Inbetriebnahme eines neuen Kraftwerks beginnen. Irre", sagt ein Redner, so ähnlich haben es alle Gegner dieser Entscheidung formuliert. Dirk Jansen, er ist Sprecher der Umweltorganisation BUND in NRW, nannte es eine „unglaubliche Provokation“

"Ein zweiter Hambi", könne das werden für die Regierungen in Land und Bund, hatte Friday for Future angekündigt. Subtext: Hambi ist das neue Waterloo.

Nur ein Anfang?

An diesem kalten Freitagvormittag sieht es nicht danach aus. Aber die Proteste für den Erhalt des Hambacher Forsts nahmen auch erst allmählich Fahrt auf, bis sie Ende 2018 bundesweit die Schlagzeilen beherrschten. Natürlich kann man in Datteln schlecht Baumhäuser bauen, und was wäre mit einer Besetzung der Kik-Filiale oder des Gümüs-Minimarktes gewonnen? Aber "Schleusen und Transportwege" und "Formen des gewaltfreien zivilen Ungehorsams sind schon ein Thema", sagt Lena Wittekind (24) aus Castrop-Rauxel. Die Theologiestudentin hat die Demo angemeldet. Erstmals haben dafür acht Ortsgruppen von Münster bis Witten zusammengearbeitet, darunter Gelsenkirchen UND Dortmund. "Das gab es bislang nicht. Aber dafür machen wir's."

Aber macht es nicht auch Sinn, ab dem Sommer ein besonders effizientes Kraftwerk zu nutzen statt alte, deutlich schmutzigere? "Das Problem ist, dass die Abschaltung auch der älteren Kraftwerke nach hinten verschoben wurde. Unterm Strich kommt also mehr CO2 heraus", sagt Wittekind. "Die Kraftwerke, die ursprünglich für Datteln abgeschaltet werden sollten, sind ja auch schon vom Netz. Und die Stromversorgung funktioniert trotzdem." Aber wäre es nicht trotzdem der Gipfel der Wegwerfgesellschaft ein ganzes Kraftwerk ungenutzt zu lassen? "Es soll jährlich etwa 8,4 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen." Das betrachtet Wittekind eben nicht als Gewinn, sondern als Schaden. "Man kann es ja gerne anders nutzen, zum Beispiel für eine Ausstellung."

, den Kohleausstieg mit dem Anschalten eines neuen Steinkohlekraftwerks zu beginnen. So werde Datteln zum neuen Symbol der Klimabewegung. Der BUND hat wiederholt gegen das Kraftwerk geklagt. Einige Verfahren sind noch nicht entschieden.

Die Demo setzt sich in Bewegung, über die B235, das im Testbetrieb rauchende Kraftwerk im Blick. Vorbei am Ruft Bierpub, dem Awo-Seniorenzentrum und rußgeschwärzten Fassaden. Aus einigen Fenstern filmen Anwohner, sonst: keine Interaktion. An der St.-Josef-Kirche ein kurzer Halt, der Pfarrer spricht vom Garten Eden, den es zu bewahren gilt. Und mahnt: "Auch unsere Gesellschaft braucht ein gutes Klima im Sinne einer guten Streitkultur." Wertschätzend und respektierend solle das Gespräch laufen. Tut es auch. "Alles total friedlich", bilanziert Polizeisprecherin Ramona Hörst später.

"Die Klimakrise akzeptiert keinen Kompromiss"

Aus Recklinghausen zum Beispiel sind rund 15 Schüler angereist, sagt Paula B. aus der 9. Klasse einer Realschule. Warum eigentlich, ist es ein besonderer Protest? "Oh ja, es passiert ja jetzt vor unseren Augen." Und warum ist sie gegen Datteln IV? "In 18 Jahren ist Schluss. Wir sagen: In zehn Jahren sollte Schluss sein. Das ist ein überschaubarer Zeitraum. Ich erkenne die Logik nicht." Muss man nicht auch mal Ja sagen zu einem gesellschaftlichen Kompromiss? "Die Klimakrise akzeptiert keinen Kompromiss. Wir machen nur Schadensbegrenzung."

An der Kinderklinik ein kurzer Exkurs per Megafon zur Quecksilber- und Feinstaubbelastung durch Kohleverstromung. Die Menge macht rasch Platz für einen Krankenwagen, der hier einbiegt.

"Es gibt kein gutes Kraftwerk im Falschen", hat sich Werner Eisbrenner, 74, aufs Schild geschrieben. Na klar, 1968 war er auch schon dabei. "Damals war eine Veränderung der ganzen Gesellschaft angesagt. Heute ist das eher punktuell. Aber Aufbruchstimmung spüre ich auch heute." Man müsse auch fragen, woher die Kohle komme, aus Kolumbien oder Russland, abgebaut unter menschenunwürdigen Bedingungen. Das ist auch die offizielle Unterzeile dieser "Fridays for Future"-Demonstration: "Kein Anheizen der Klimakrise mit Blutkohle", womit nun auch der global-soziale Aspekt gegen Datteln IV ins Feld geführt wäre.

Die Stadtgesellschaft Dattelns ist irgendwo anders, jedenfalls nicht auf der B235. Ins Gewerbegebiet geht es nun, vorbei an einem riesigen Aldi-Lager, bis zur Zielgeraden mit dem blauen Block und den verhalten qualmenden Türmen. Hier greift unverhofft das Quartett "Unerhört" zum Banjo und singt zur Melodie der "Nordseeküste": "Wir fordern deutlich / Energie ohne Dreck / Rote Karte für die Kohle / Der Schwarzbau muss weg." Aber auch Uniper hat ein Plakat aufgehängt: "Kein Wind? Keine Sonne! Kein Problem!"

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