Rocker-Gangs

Mehr Banden, mehr Mitglieder: Der heimliche Krieg der Rocker

Die meisten Kutten der Rocker sind seit zwei Jahren verboten.

Die meisten Kutten der Rocker sind seit zwei Jahren verboten.

Foto: dpa/Christoph Hardt

Ruhrgebiet.   Die Rocker-Banden an Rhein und Ruhr verdoppeln ihre Mitgliederzahl etwa alle drei Jahre. Schüsse fallen seltener, aber der Revierkampf tobt.

„Reiki“ starb zwischen Rockerkneipe und Schrebergarten, niedergestochen auf dem Heimweg in Gelsenkirchen-Rott­hausen. Zeugen sahen keine Motorräder, sondern eine dunkle Limousine davonrauschen. Die Tatverdächtigen sollen dennoch einer verfeindeten Rockerbande angehören: Im März, fünf Monate nach dem Messerhinterhalt, nahm die Polizei vier Männer aus Dortmund, Essen und Herne fest.

Das Opfer, ein soweit bekannt unauffälliger Mann von 63 Jahren, war Mitglied der Freeway Rider’s, die in Hagen ihren Stammsitz haben. Ausgerechnet hier versuchten die Bandidos 2017, ein „Chapter“ zu gründen – seitdem herrscht Krieg.

Zahl der Rockerbanden hat sich etwa alle drei Jahre verdoppelt

Derzeit laufen fünf Verfahren wegen versuchter Tötung und versuchten Mordes in Hagen – doch dies ist untypisch. Heute kämpfen die Rockerbanden eher im Verborgenen um die Vorherrschaft im Schutzgeldgeschäft, bei Drogen und Prostitution.

Und es muss ständig neu verteilt werden, denn die Banden wachsen wie sonst nur der Onlinehandel. Die Zahl ihrer Mitglieder in NRW hat sich trotz stärkeren Auftretens der Polizei etwa alle drei Jahre verdoppelt auf rund 2120 Rocker in 84 Gangs. Auch die Clubs legten um ein Drittel zu.

Dennoch sei die Lage vergleichsweise ruhig, bestätigt Thomas Jungbluth, der die Abteilung Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt leitet – er nennt einen „erstaunlichen“ Grund: Drei große Rockerbanden haben sich zusammengetan, um gemeinsam vors Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Bandidos, Hells Angels und Gremium MC wollen wieder Kutte tragen dürfen. Der fette Mexikaner mit Sombrero, der ikonische geflügelte Totenkopf und die geballte Faust über Eisernem Kreuz sind seit etwa zwei Jahren verboten in ganz Deutschland. Das Kuttenverbot als Frontalangriff auf den Rockerkult diszipliniert offenbar. Die Selbstdarstellung ist bedroht.

Zu viele negative Schlagzeilen

Aber ist Ruhe nicht auch eine Geschäftsbasis? Die italienische Mafia hat nach den Morden von Duisburg ebenfalls gespürt, dass zuviel Aufmerksamkeit das Geschäft schädigt – so wie die Rocker in Oberhausen, denen Razzien in den von ihnen kontrollierten Bordellen vor einigen Jahren das Geschäft verhagelten, die Bandidos verließen 2014 die Stadt. Zu viele negative Schlagzeilen seien „kontraproduktiv“, sagt Jungbluth. „Deshalb herrscht offenkundig Ruhe.“

Allerdings schaukeln sich lokale Störungen immer wieder hoch – vor allem dort, wo viele Personen mit Migrationshintergrund in die Banden aufgenommen werden. Die seien weniger an der „Verbrämung des Rockerstatus“ interessiert, so Jungbluth, und würden ihn vor allem nutzen, weil sich ihre kriminellen Interessen so leichter durchsetzen ließen.

So soll es auch in Köln gewesen sein, wo Anfang Januar ein Hells Angel und ein Bandido aufeinander geschossen haben – ganz in der Nähe des Kölner Doms. Die Kugeln des Hells Angels verfehlten den anderen Rocker knapp. Kurz darauf hämmerten mehr als ein Dutzend Projektile in die Fassade einer Spielhalle im Stadtteil Buchheim. Nur durch Zufall sei niemand verletzt worden, erklärte die Polizei. „Ermittler sehen in den Taten eine Eskalation andauernder Streitigkeiten im Rockermilieu.“

Die Kutte als „Marketingaspekt“

Doch der Kutten-Aspekt sei nicht zu unterschätzen, sagt Jungbluth. „Das uniformierte Auftreten erzeugt ein Unwohlsein. Das wird bewusst als Marketingaspekt eingesetzt. Der Rocker merkt, man reagiert darauf. Man wechselt die Straßenseite. Sie haben viele Leute in der Szene, die haben in ihrem Leben noch nicht so viel Aufmerksamkeit genossen. Sie sind für Selbstinszenierung ansprechbar – und sie merken: Mein Geschäft kann ich so besser machen.“

Das öffentliche Auftreten der Banden scheint im Widerspruch zu stehen zu den Erfordernissen krimineller Aktivitäten. Doch organisiertes Verbrechen nachzuweisen, ist extrem schwierig. „Riesige Vermögen haben wir bisher nicht gefunden“, sagt Jungbluth. „Die einzelnen Member haben nicht viel Geld.“ Das vermutet Jungbluth gut versteckt bei den Bossen.

Und solange hier kein Durchbruch erfolgt, arbeitet sich die Polizei an den offen ausgetragenen Gewaltakten ab. Und setzt auf mehr „anlassunabhängige Kontrollen“, wie sie das neue Polizeigesetz seit Jahresbeginn ermöglicht. Bei Razzien finden die Fahnder zwar oft nur unerlaubte Waffen oder geringe Mengen Drogen. Aber Al Capone wurde auch nicht wegen Morden, Schmuggel oder Schutzgelderpressung angeklagt, sondern wegen Steuerhinterziehung.

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