Justiz

Nach Tod eines Siebenjährigen: Klinikärzte freigesprochen

Sie sind unschuldig: Fast zweieinhalb Jahre, nachdem ein Siebenjähriger in einer Düsseldorfer Klinik an den Folgen eines Darmverschlusses starb, wurden zwei Ärzte (hier mit ihren Rechtsanwälten Leonhard Mühlenfeld (l.) und Jochen Strauß) freigesprochen.

Sie sind unschuldig: Fast zweieinhalb Jahre, nachdem ein Siebenjähriger in einer Düsseldorfer Klinik an den Folgen eines Darmverschlusses starb, wurden zwei Ärzte (hier mit ihren Rechtsanwälten Leonhard Mühlenfeld (l.) und Jochen Strauß) freigesprochen.

Foto: Kai Kitschenberg

Düsseldorf.   Zwei angeklagte Kinderärzte sind laut Gericht unschuldig am Tod eines Jungen (7). Sie wurden freigesprochen. Nun wird gegen Chirurgen ermittelt.

Die Eltern wollten keine Rache, es ging ihnen nicht ums Bestrafen. „Sie wollen ins Leben zurückfinden“, sagt ihr Anwalt. Mehr als zwei Jahre nach dem Tod ihres Kindes wünschten sie sich mit dem Prozess einen Abschluss. Doch es ist noch nicht vorbei. Zwei angeklagte Ärzte spricht das Düsseldorfer Amtsgericht am Dienstag frei, sie sind demnach nicht schuld, dass der Siebenjährige sterben musste. Möglich aber, dass es nun neue Ermittlungen gibt, ein neues Verfahren: gegen die Chirurginnen, die nicht operierten.

Als Rechtsanwalt Volker Schratzlseer die Akte zuletzt noch einmal las, musste er an Goethes „Erlkönig“ denken: jene Ballade vom Vater, der gehetzt durch die Nacht reitet, seinen vermutlich fiebernden Sohn zu retten – vergeblich. So müsse es gewesen sein am 15. Oktober 2016, als der Vater morgens früh um sechs seinen kranken Sohn in die Notaufnahme bringt. Das Krankenhaus schickt ihn in die Notfallambulanz, so schwach ist das Kind da schon, dass der Vater es tragen muss. Wieder und wieder wird der Siebenjährige verlegt, wieder und wieder untersucht, mehr als 13 Stunden wachen die Eltern an seiner Seite. „Sie mussten zusehen“, sagt Schratzlseer, „wie ihr Kind stirbt.“ Um halb acht am Abend ist es tot, eineinhalb Stunden haben die Klinikärzte vergeblich versucht, es wiederzubeleben.

Diagnose Darmverschluss steht seit Stunden fest

Mittags um 13 Minuten nach zwölf, als sie eine Ultraschalluntersuchung machen, da wäre es noch nicht zu spät gewesen, sagt der Gutachter im Prozess. Vielleicht auch nicht um zwanzig vor fünf, da ist der Kreislauf des Siebenjährigen immer noch stabil. Die Diagnose sei schließlich schon früh am Morgen klar gewesen, sie steht in allen Befunden: mechanischer Ileus, Darmverschluss. Der Bauch hart wie Holz, der Darm stumm und bewegungslos, das Blut zu dick, im Erbrochenen längst Galle. Drei Tage hat das Kind sich schon übergeben müssen, klagt über Bauchweh; sie schieben es zunächst auf den Leberkäse in der Kita, die Mutter gibt ihm Tropfen gegen Übelkeit. Aber am Samstag, dem Tag nach dem 11. Geburtstag der großen Schwester, lassen auch Sonographie und Röntgenbild keine Zweifel, bestätigt am Dienstag die heute 29-jährige Radiologin.

Was tun in einem solchen Fall? In diesem passiert stundenlang nicht viel. Man schickt den kleinen Patienten in die Ambulanz und zurück, in die Aufnahme, zur Untersuchung, zur Operation in eine andere Klinik: Der hauseigene Kinderchirurg ist im Urlaub. Der Notarzt aber weigert sich, den Jungen, eingestuft in der Kategorie 2, „kritisch kranker Patient“, mitzunehmen: Sein Zustand sei zu schlecht. Also kommt er auf die Intensivstation für Erwachsene, die für Kinder ist voll. „Je früher eine Operation“, sagt aber der Gutachter, selbst Kinderarzt, „desto höher die Wahrscheinlichkeit des Überlebens.“ Auch die Anklage hat das so formuliert, die den beiden Medizinern fahrlässige Tötung durch Unterlassen vorwirft: „Es hätte schnellstmöglich operiert werden müssen. Bei einer Operation wäre der Tod des Kindes mit hoher Wahrscheinlichkeit vermieden worden.“

Ärzte sind uneinig: War der Bauch hart oder weich?

Nur hätten das nicht die Kinderärzte getan, da sind sich vor Gericht alle einig. Für diese Entscheidung seien Chirurgen zuständig - das wiederholt der Experte auf mehrfache Nachfrage. „Ein Ileus ist ein chirurgisches Problem“, es habe keinen Anlass gegeben zu glauben, eine konservative Behandlung etwa mit Medikamenten hätte eine Besserung gebracht. Zumal die Obduktion später zeigte: Der Siebenjährige hatte eine angeborene Fehlbildung des Darmes, nicht selten bei Kindern. In den Berichten der Operateure aber heißt es, der Bauch sei gar nicht hart gewesen, sondern weich. Wer will das heute noch überprüfen? „Keiner“, sagt der Gutachter, „der nicht an dem Tag seine Hand auf den Bauch gelegt hat, kann das beurteilen.“

Haben also die beiden diensthabenden Chirurginnen, heute 60 und 36, zurecht abgewartet – oder einen Fehler gemacht? Der Verteidiger des 64-jährigen Kinderarztes wirft ihnen das vor: Sie hätten eine „falsche Diagnose gestellt“, sagt Leonhard Mühlenfeld, sie hätten „selbst behandeln müssen“, nachdem sein Mandant darauf gedrungen hätte. Die beiden Frauen, als Zeuginnen geladen, sagen dazu nichts. Sie sind in Begleitung von Rechtsanwälten gekommen und berufen sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht – das sie haben, wenn sie sich mit einer Aussage selbst belasten würden.

Richterin: „Kein fehlerhaftes Handeln erkennbar“

Gerne hätte Amtsrichterin Nicole Marci am Dienstag herausgefunden, „wer für den Tod des Kindes verantwortlich war“. Die beiden Angeklagten jedenfalls, begründet sie den Freispruch, waren es wohl nicht. „Es ist bei Ihnen kein fehlerhaftes Handeln erkennbar.“ Selbst der Staatsanwalt, das sagt er selbst, „kann den Nachweis dafür nicht erbringen“. Er will nun neue Ermittlungen gegen die Zeuginnen aufnehmen: „Es gibt genug Anhaltspunkte.“ Möglicherweise gebe es „ein weiteres Verfahren“, ahnt Richterin Marci.

Kein Ende also in Sicht für die Familie des Jungen. Die Eltern sehen gestern nicht die Freude der Freigesprochenen, hören nicht ihre Beileidsworte, auf die sie seit fast zweieinhalb Jahren gewartet haben. Den Vormittag bei Gericht hätten sie „nicht durchgestanden“, sagt Anwalt Volker Schatzlseer, „es geht ihnen sehr, sehr schlecht“. Genau eine Woche vor dem Prozesstermin wäre ihr Jüngster zehn Jahre alt geworden.

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