Wohnungslos

Obdachlosenzeitungen unter Druck: Eine Verkäuferin berichtet

Jeden Tag steht Gabi in Gelsenkirchen-Horst und bietet das Straßenmagazin "fiftyfifty" an.

Jeden Tag steht Gabi in Gelsenkirchen-Horst und bietet das Straßenmagazin "fiftyfifty" an.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen/Ruhrgebiet.  Die Obdachlosen-Zeitungen „Fiftyfifty“ und „Bodo“ werden 25 Jahre alt. Doch die Digitalisierung stellt sie vor große Herausforderungen.

Schäbig ist gar kein Ausdruck für diesen scheußlichen Januartag, an dem der Regen sich auch horizontal fortzubewegen weiß, bis unters Vordach eines Drogeriemarkts in der Mitte von Gelsenkirchen-Horst. Trotzdem steht sie hier wie jeden Tag, Gabi, 64 Jahre alt, Verkäuferin der Straßenzeitung „fiftyfifty“. Ihre Ware präsentiert sie heute in pinker Schutzfolie, auffallend sind Gabis manikürte Fingernägel, auch wenn sie den Ordner so greift, dass ihr Ringfinger nicht zu sehen ist, dessen Nagel eine gemalte Blume ziert. „Manche sagen: Guck mal, die kann sich doch die Fingernägel machen lassen. Neider gibt es überall. Aber die 30 Euro gönne ich mir.“

Gabi ist eine von etwa 400 Verkäuferinnen und Verkäufern der „fiftyfifty“ im westlichen Ruhrgebiet. 400 weitere arbeiten in Düsseldorf und einige auch von Bonn bis Wuppertal. 40.000 Exemplare betrug die Auflage vor einem Vierteljahrhundert, als die Zeitung startete. Lange blieb sie stabil, doch nun sind es nur noch 20.000, Tendenz sinkend, warnt Gründer Hubert Ostendorf. Im Jubiläumsjahr sieht er das Zeitungsgeschäft gefährdet, vor allem durch die Digitalisierung. „Unser Produkt, so gut es ist, ist aus der Zeit gefallen.“

Ein denkbar analoges Produkt

Ostendorf sieht freilich auch „hausgemachte Probleme“: „Einige Verkäufer benehmen sich nicht gut. Gerade ausländische Verkäufer werden stark gemieden.“ Und deren Anteil nimmt zu. Doch im Kern verändern sich Lesegewohnheiten und Straßenzeitungen sind eben ein denkbar analoges Produkt, auch wenn es die alten Ausgaben als pdf im Internet gibt. „Wir haben uns von Anfang an gegen Abos entschieden. Die Präsenz auf der Straße ist wichtig“, sagt Ostendorf. „Es ist ein Statement. Schaut her, ich stehe hier und darf nicht vertrieben werden. Den Vertriebsweg Straße wollen wir so lange erhalten, wie es geht.“

Obdachlos ist Gabi nicht, ihre Probleme bleiben im Ungefähren. Sie bekommt Hartz IV, der Verkauf ist ein Nebenjob für sie. Aber einer, der ihr „Spaß macht. Man ist mit Leuten zusammen. Besser kann man’s nicht haben.“ Das Wetter ist Nebensache. „Alle die mich kennen, sagen: Gabi, du bist doof… Aber dafür ist man selten krank.“ Am Essener Kennedyplatz hat sie früher verkauft und in Steele, aber in Horst sagt sie sind die Menschen wärmer. „Das ist das Schönste, was es gibt: Dass man anerkannt wird.“

Im fiesesten Niesel hilft Gabi einer Frau am Rollator über die Straße, andere grüßen sie mit Namen. Rolf Brauckmann kauft ihr einen Kalender mit Hundemotiven ab, den „fiftyfifty“ ebenfalls herausgibt. „Man gibt für so viel Mist Geld aus, das ist ja schon vernünftig“, sagt er. Beim Bäcker ein großes „Hallo Gabi“. Sie ist ganz offenbar eine Institution in Horst. Das heißt aber nicht, dass sie viel verkauft. 27 Exemplare hat sie gerade abgeholt von der Verteilstelle, einem Kiosk in Essen-Steele. Sie werden wohl eine Woche reichen, sagt sie. Auch mal zehn verkaufe sie an einem guten Tag oder alle 27 an einem Markttag. Ihre Angaben sind ungenau. So recht weiß Gabi auch nicht mehr, wie lange sie schon Straßenzeitungen verkauft, aber mit dem „Wohnungsloser“ in Essen hat es angefangen, da war ihre Tochter klein und nun ist sie dreißig.

Eigentumswohnungen – die höchste Form der Integration

In den 25 Jahren ihres Bestehens hat sich die „fiftyfifty“ über zwölf Millionen mal verkauft und ein bisschen Geld umverteilt. Über zwölf Millionen mal sind Menschen am Rande wieder in Kontakt gekommen mit der Gesellschaft. Doch längst ist um die Zeitung herum eine ganze Reihe von Hilfsangeboten entstanden. Recht einzigartig und kaum zu kopieren ist die Galerie, die Hubert Ostendorf in der Kunststadt Düsseldorf aufgebaut hat. Die bekanntesten deutschen Künstler spenden immer wieder Kunstwerke, mit dem Erlös kauft „fiftyfifty“ Wohnungen, gezielt in „normalen“ Wohnhäusern. „Das ist die höchste Form der Integration“, erklärt Ostendorf.

„Housing First“ heißt das Konzept aus den USA, dass Obdachlosen zuerst eine Wohnung bietet, ohne dass sie sich „qualifizieren“ müssen. Sie werden weiter begleitet. Üblich ist in Deutschland dagegen ein Stufenmodell, bei dem es von der Notunterkunft in ein Übergangswohnheim geht und dann erst in die eigene Wohnung – in der Regel aber erst, wenn sie abstinent sind. Und mit dem Einzug endet meist die Unterstützung. Housing first soll nach Studien aus den USA deutlich effektiver sein und aus Gemeindesicht sogar Kosten sparen.

Ein Modell fürs ganze Land

Nur drei von sechzig Teilnehmern, sagt Ostendorf, hätten es nicht geschafft. Dagegen gebe es etliche Geschichten von Menschen, die Suchterkrankungen überwunden haben, die wieder mit ihren Familien reden, einer sei sogar kaufmännischer Leiter eines Krankenpflegedienstes geworden. Aus dem Projekt ist eine Stiftung beim Paritätischen Wohlfahrtsverband entstanden, unterstützt vom Land NRW und zum Beispiel vom Künstler Gerhard Richter. 40 Wohnungen in ganz NRW hat sie bereits gekauft, es sollen 100 werden.

Aber auch mit anderen Trägern hat „fiftyfifty“ mehrere Häuser für Obdachlose finanziert, darunter eines für Punker, hat über seine Beschäftigungshilfe 1000 Obdachlose an Arbeit herangeführt. Etwa 150 Menschen kommen jede Woche in die Sprechstunde des Ablegers „east west“, die meisten sind nun untergebracht und viele in Arbeit; alle Kinder besuchen eine Schule. Selbst einen „Underdog“-Bus mit medizinischer Hilfe für die Hunde von Obdachlosen gibt es.

Rein finanziell steht die Gesamtorganisation also sehr gut da. Und mit etwa 500.000 Euro Umsatz im Jahr sei „fiftyfifty“ noch eben kostendeckend, sagt Ostendorf - was bei vielen Straßenzeitungen von Anfang an nicht der Fall war. Dennoch: „Wir haben die Komfortzone verlassen.“

Entwarnung bei der „Bodo“

Auch bei der zweiten großen Straßenzeitung der Region spürt man den Wandel. „Ich glaube, dass es eine gewisse Zunahme an Härte gibt“, sagt Bastian Pütter, Chefredakteur der „Bodo“ (mit Verbreitungsgebiet in und um Bochum und Dortmund). So sei die Fußgängerzone als Verkaufsplatz nicht mehr so attraktiv. „Man freut sich heute eher über den Rewe im Vorort.“ Was Gabi nur bestätigen kann. Besonders verletzend seien Kommentare wie: „Geh doch arbeiten.“ Pütter registriert eine „aggressive Abgrenzung“, gerade bei Menschen, denen es selbst nicht gut geht. Dennoch sagt der Bodo-Chef überraschend: „Uns geht’s gut.“ Die Auflage liege derzeit stabil bei 20.000. Der Dezember sei mit einer ausverkauften Auflage von 32.000 sogar ein Rekordmonat gewesen. „Aber die reinen Zahlen sind nicht das Ding“, sagt Pütter. „Wir wollen zum Beispiel nicht die besten Verkäufer halten. Wir wollen, dass die stabilen uns verlassen.“

Vielleicht ist die Auflage auch deswegen so stabil, weil die Redaktion schleichend den Einsatz erhöht. Pütter weiß es selbst nicht so genau. Aber der Absatz sinke zum Beispiel jedesmal spürbar, wenn „Bodo“ einige Wochen lang keine Präsenz zeigt auf Kulturveranstaltungen. Hinzu kommt, dass es im Ruhrgebiet eine antizyklische Entwicklung bei den potenziellen Käuferschichten gibt. Den Kern machen Akademiker um die 50 Jahre aus. Das Ruhrgebiet verliert zwar Einwohner, doch diese Gruppe wächst, wahrscheinlich auch stärker als in Düsseldorf, wo der Akademikeranteil auf höherem Niveau liegt. Das Nachwuchsproblem spürt er dennoch bei den Jüngeren. „Es sind nur noch kleine Gruppen an Studierenden, die dazu kommen. Wir wissen, dass wir auf einer sterbenden Technologie sitzen und das ist ja auch irgendwie okay.“

Auch Gabi denkt deutlich unternehmerischer: „Es kostet sehr viel Mühe so einen Kundenkreis aufzubauen“, sagt sie. „Ich bin freundlich, nicht aufdringlich. Dass darf man in diesem Beruf nicht sein. Und immer lächeln. Ob Du willst oder nicht.“ Und wenn ihr nicht danach zumute ist? „Wenn ich im Bus sitze, trainiere ich, dass ein freundliches Lächeln rauskommt.“ Wie sie das macht? „Es gibt so Sachen, die erzählst Du dir selbst. Oder wenn ich hier bin, stehe ich auch nicht ganz ruhig da: Dann singe ich mir selber so ein Liedchen vor. Was mir so in den Sinn kommt: Meine Mama hat gesagt, ich darf nicht nach Hause kommen. Sowas.“

>> Info: „Obdachlosigkeit ist internationaler geworden“

Etwa 41.000 Menschen lebten in Deutschland auf der Straße im Laufe des Jahres 2018. Mehr als doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Diese Zunahme korrespondiert mit einem zweiten Trend: Vor 15 Jahren kam nur jeder zehnte Wohnungslose (der tatsächlich auf der Straße lebte) aus dem Ausland, heute sind es etwa 40 Prozent, in Großstädten liegt der Anteil noch höher. Die meisten stammen aus dem EU-Ausland, etwa die Hälfte aus Polen.

„Die Obdachlosigkeit ist auch sehr international geworden“, fasst Bodo-Chefredakteur Bastian Pütter zusammen. „Und wenn man nicht die Sprache spricht, wird es rauer.“

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