Online-Spendenaufrufe

Online-Spendenaufruf: Woran man schwarze Schafe erkennt

Viele Menschen wollen helfen. Doch es wird immer schwieriger, seriöse Spendenaufrufe von unseriösen zu unterscheiden, so die Verbraucherzentrale NRW.

Viele Menschen wollen helfen. Doch es wird immer schwieriger, seriöse Spendenaufrufe von unseriösen zu unterscheiden, so die Verbraucherzentrale NRW.

Foto: VectorStory / Getty Images/iStockphoto

Ruhrgebiet.  Angehörige Sterbenskranker sehen ihre letzte Chance oft in Therapien, für die sie viel Geld benötigen. Nicht alle Spendenaufrufe sind seriös.

Sie klammern sich an jeden Strohhalm, setzen auf nicht zugelassene Medikamente, auf extrem-teure Therapien, auf die Hilfe hoch bezahlter Spezialisten in fernen Ländern: Schwerkranke und deren Angehörige oder Freunde, vor allem die Eltern lebensbedrohlich erkrankter Kinder kämpfen mit all ihrer Kraft. Mit all ihren Mitteln. Und wenn die zu Ende gehen, kämpfen sie um Spenden. Zunehmend häufiger platzieren sie dazu Spendenaufrufe auf Online-Portalen oder in sozialen Medien. Unumstritten ist diese Art der Spendenwerbung allerdings nicht.

Der kleine Milan aus Dorsten etwa leidet an einem Hirntumor. Ein Freund der Familie wandte sich Ende Januar an die WAZ, bat um Unterstützung für die verzweifelten Eltern und deren Spendenaktion via Paypal. Im Oktober, kann man da lesen, sei bei dem Dreijährigen ein aggressiver, bösartiger „embrionaler Tumor mit mehrschichtigen Rosetten“ festgestellt worden, weder OP noch Chemo hätten helfen können. „Wir haben uns über Alternativtherapien informiert“, schreiben Vater Mike Beckmann. „Fündig geworden sind wir bei einer Klinik in Spanien, Malaga.“ Für die „sogenannte Aktive DCT Immuntherapie“ dort, die die Kasse hier nicht übernehme, benötige man 10.000 Euro. In nur zwölf Tagen kamen 8.013,34 Euro zusammen, fast 400 Menschen überwiesen zwischen 19 Cent und 300 Euro an den „Moneypool“.

Student aus Witten sammelt auf „GoFundMe“ für Stammzell-Transplantation

Bei Robin Henschel aus Witten wurde 2019 Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert, auch er wandte sich an die WAZ. Der 29-jährige studiert Jura an der Ruhr-Uni Bochum. Seit Ende November bittet er auf der Plattform „GoFundMe“ um Spenden für eine Stammzell-Transplantation in Russland. Für ihn, so schreibt er dort, sei es die „effektivste Behandlungsmöglichkeit“; er beruft sich dabei unter anderem auf den Erfahrungsbericht einer Betroffenen und eine positive Studie, über die das Deutsche Ärzteblatt berichtete. Die MS-Stiftung indes warnt vor den (möglicherweise tödlichen) Risiken einer solchen Therapie. Der Bochumer MS-Spezialist Prof. Ralf Gold rät zur Vorsicht; die Therapie eigne sich nicht für jeden Patienten; es gebe effiziente, medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten, „risikoärmere Alternativen“. Henschel aber fürchtet deren Nebenwirkungen, und dass sie sein Leiden nur verzögerten. Er will, so klingt es, „geheilt“ werden. 50.000 Euro benötige er für die Behandlung in der Moskauer Pirogov Klinik, schreibt Robin Henschel auf GoFundMe. 5110 Euro hat er zusammen (Stand: 12.2.).

Reingefallen: Paar kassierte 23.000 Euro für ein krankes Kind, das es gar nicht gab

Für private Anliegen Geld zu sammeln, ist grundsätzlich schwer, sagt Volker Dudek, 1. Vorsitzender des kleinen, aber aktiven Duisburger Vereins „Gänseblümchen e.V.“, der krebskranke Kinder und ihre Familien unterstützt. Von privaten Spendenaufrufen hält er auch darum nichts. „Die Erfahrung zeigt, da kommt nur sehr, sehr, sehr wenig zusammen. Die Deutschen spenden lieber für Kinder in Afrika, um es brutal zu sagen.“ Dass andere Länder Therapien oder Medikamente hätten, die sinnvoll und besser als die unseren seien, aber hier nicht bezahlt oder angeboten würden, bezweifelt er zudem. Sein Hauptargument, bei privaten Spendenaufrufen skeptisch zu sein, ist allerdings ein anderes: Dudek weiß, wie leicht man auf Betrüger herein fällt. „Es ist doch so einfach“, sagt der Duisburger, der für sein Engagement bei Gänseblümchen im vergangenen Jahr mit dem Landes-Verdienstorden ausgezeichnet wurde: „Sie schnappen sich ein Kind, lassen ihm beim Friseur eine Glatze schneiden, bringen es zum Weinen und machen ein Foto.“ Ob das sterbenskranke Baby auf der Facebook-Spendenaufruf-Seite nun tatsächlich das eigene sei oder nicht und ob es überhaupt krank sei oder nicht, könnte ein Spender doch gar nicht überprüfen.

Einem Paar, das sich vor einigen Jahren mit der Bitte um eine Spende für die schwerstkrebskranke kleine Tochter „und einer tollen Geschichte mit vielen traurigen Fotos“ an den Verein wendete, ging er tatsächlich selbst „auf den Leim“. Der Vereinsvorstand gewährte „einen niedrigen vierstelligen Betrag“. Für jede Spende, versprach das Paar, wolle es beim Spender kostenlos die Fenster putzen, auch auf Facebook warb es intensiv um Gelder. „23.000 Euro kassierten die beiden insgesamt ab, das kranke Kind aber gab es gar nicht, es war nur vorgeschoben.“ Als Dudek den Betrügern auf die Schliche kam und sie bei der Polizei anzeigte, habe sich herausgestellt: Die Tochter ist 14 und putzmunter. „Die Eltern“, so Dudek, „wurden jüngst vor Gericht gestellt und verurteilt. Aber ich bin gespannt, ob wir von unserem Geld nochmal etwas sehen.“

Verbraucherzentrale warnt vor emotionalen Aufrufen mit mitleiderregenden Fotos

Vermutlich nicht. Denn ist das Geld erst einmal überwiesen, ist es meist „auf Nimmerwiedersehen verschwunden“, sagt Gerlinde Waschke, Referentin der Verbraucherzentrale NRW. Diese warnt dringend davor, leichtfertig zu spenden, auch wenn die emotionale Ansprache noch so gelungen, das Anliegen vermeintlich ein noch so gutes sei. „Sie haben ja oft gar keine Möglichkeit, seriöse Anliegen, die es natürlich gibt, von unseriösen zu unterscheiden.“ Das gelte vor allem für die zahlreichen über soziale Medien – etwa Facebook – verbreiteten Spendenaufrufe. Dort tummelten sich etliche Organisationen, Vereine oder auch einzelne Personen, die nur vorgäben, sich für eine wohltätige Aktion zu engagieren. „Statt Information zum Spendensammler und Belegen zu dessen sozialem Engagement springt da oft die Bankverbindung für eine Überweisung sofort ins Auge.“ Waschke empfiehlt, im Zweifel nachzufragen und/oder selbst im Netz zu recherchieren.

Auch die Sprecherin der Verbraucherzentrale gibt zudem zu bedenken, dass für Therapien oder OPs im Ausland oft große Summen benötigt würden, Spendenbeiträge aber in der Reglen niedrig seien. „Da muss man sich doch fragen, ob Betroffene nicht andere Wege suchen müssten, ums etwas zu bewirken. Ob es nicht sinnvoller wäre, im Freundes-, Kollegen- oder Bekanntenkreis um Hilfe zu bitten.“

Wer helfen wolle ganz ohne Risiko: Dem rät Waschke, zertifizierten großen Organisationen wie „Unicef“, „Misereor“ oder „Ärzte ohne Grenzen“ zu spenden. „Sie können aber natürlich auch“, schlägt Waschke vor, „im eigenen Radius gucken, in der Kirchengemeinde, der Nachbarschaft.““

Facebook: Wir wollten eine Plattform für wohltätige Zwecke schaffen

Facebook brüstet sich mit dem Erfolg seiner Spenden-Tools. Aber Facebook verdient auch daran. Wieviel genau ist unbekannt, acht Prozent der Spendensumme (und eine kleine Transaktionsgebühr) kassiert das Unternehmen von Privatpersonen „für Überprüfung, Sicherheits- und Betrugsschutz“. Im Gegenzug verspricht es einen „pro-aktiven Überprüfungsprozess“, der betrügerische Spendenaktionen identifizieren helfe. Mindestalter für die Erstellung einer persönlichen Spendenaktion ist 18. Es ist den Richtlinien zufolge u.a. verboten, „Lösegeld für Entführungen, Kopfgelder oder Selbstjustiz“ zu finanzieren; „Geld für Marihuana“ zu sammeln; oder zu behaupten, „dass Spenden für persönliche Spendenaktionen steuerlich absetzbar sind“.

Tatsächlich dürfen nur gemeinnützige oder steuerbegünstigte Organisationen Spendenbescheinigungen ausstellen, keine Privatpersonen. Ansonsten sind (seriöse) private Spendenaufrufe juristisch nicht zu beanstanden; das Gesetz wertet diese Art „Spenden“ als Schenkungen, unentgeltliche Zuwendungen.

Seriöse Sammler weisen nach, wofür sie das Geld ausgeben

Und wenn es nur aus aus steuerlichen Gründen sei: „Unterstützen Sie lieber gemeinnützige, seriöse Organisationen“, plädiert Volker Dudek von „Gänseblümchen“. „Solche, die bereitwillig nachweisen, wofür Sie die Spendengelder verwenden.“ Die, die sein Verein im vergangenen Jahr sammelte, flossen übrigens: nach Paris. „Gänseblümchen“ lud die vier vom Verein betreuten Familien zu einem gemeinsamen Ausflug ins Disneyland ein. Nur drei sagten zu. „Die vierte war die, deren Herzenswunsch diese Reise eigentlich gewesen war“, erzählt Dudek leise. „Doch ihr Mädchen konnte uns nur noch von oben zuschauen.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben