Forschung

Rollstuhl fährt allein durch die Kraft der Gedanken

Mit der Kraft der Gedanken steuern querschnittsgelähmte Patienten in Bochum ihren Rollstuhl. Das Bergmannsheil will sie mobiler machen.

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Bochum.  Allein mit der Kraft der Gedanken steuern querschnittsgelähmte Patienten in Bochum ihren Rollstuhl. Das Bergmannsheil will sie so mobiler machen.

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Herr Sarshar denkt an seine Füße. „Volle Konzentration“, mahnt der Mann im weißen Kittel. Und der Rollstuhl – fährt nach links. Angetrieben allein durch die Kraft der Gedanken. Ein freudiger Moment für Herrn Sarshar und auch für das Bochumer Bergmannsheil: Das will querschnittsgelähmte Patienten mobilisieren, indem es Gehirnströme in Computerbefehle übersetzt. Körper wird man so nicht wieder bewegen können, Rollstühle und vielleicht Prothesen aber schon.

Manouchehr Sarshar bewegt lautlos die Lippen, er hat auf Persisch gedacht, „dann reagiert mein Körper besser“. Dem kleinen Rechner hinten an seinem leicht quietschenden Rollstuhl ist das egal, der kann nur Computersprache und misst, was in Sarshars Kopf passiert: Linien in hundert Farben, die Zacken bekommen, wenn der 58-Jährige nur die Augen schließt. „Man muss sich richtig konzentrieren“, sagt der Patient etwas erschöpft, aber was er geschafft hat: Er ist einen kleinen Parcours abgefahren, links, rechts und noch eine Kurve um ein gelbes Hütchen. Rechts ist, wenn Sarshar an seine Hände denkt.

Autounfall in Bochum vor zehn Jahren

Das ist nicht leicht vor lauter Fotografen und Kameraleuten, vor seiner Frau, den Ärzten, selbst der Krankenhausdirektor filmt und steht dabei auf einer Liege. Im „Ziel“ reißt Manouchehr Sarshar die Arme hoch, er kann das, was andere in dieser Studie nicht können: Die sind halsabwärts gelähmt, manchmal beatmet. Aber auch Sarshar hat den Rollstuhl nicht angefasst, nur die Fäuste geballt. Er war früher Boxer.

Das war vor seinem Unfall, im Dezember 2009. Da wollte er in Bochum eine Straße überqueren, ein Auto fuhr ihn an, „ich erinnere mich nicht mehr“. Seither fühlt Sarshar unterhalb der Brust nichts und in den Armen nur ganz wenig. Ein Glück, sagt er: Es reicht, um die Räder seines Rollstuhls zu drehen. „Ich will mich nicht schieben lassen, ich will selbstständig sein.“ Die anderen Patienten in diesem Forschungsprojekt, es sollen einmal zehn werden, haben diese Wahl nicht.

Wissenschaftler europaweit führend

Für sie haben Wissenschaftler an der Technischen Hochschule im Schweizerischen Lausanne dieses sogenannte „Brain-Computer-Interface (BCI)“ erfunden, das die Ärzte in Bochum nun testen. „Wir brauchen die Praxis am Patienten“, sagt Dr. Luca Tonin, alles andere sei „Science Fiction“: Im Bergmannsheil holen sie die moderne Technik aus dem Labor. Und stoßen auf Probleme, von denen sie nichts ahnten: dass Druckstellen schmerzen, dass Beatmete wegen einer Lungenentzündung ausfallen, dass sie schlicht scheitern an zwei bis drei Trainingsterminen in der Woche.

Aber vier Teilnehmer haben es bislang geschafft. Haben sich, manchmal nach Jahrzehnten, an vergessene Befehle erinnert, im Kopf neue Verbindungen geknüpft, die Mediziner und Computerfachleute in elektronische Kommandos übersetzten. Man sei damit europaweit vorn, sagt der Ärztliche Direktor Prof. Thomas Schildhauer. Nur in Amerika forschten weitere Arbeitsgruppen an BCI – nur setzen die die Elektroden zumeist operativ in den Kopf ein.

Eine Art Badekappe in Pink

In Bochum bekommen die Patienten eine Art Badekappe, wie man sie aus Untersuchungen kennt. Pink ist die von Manouchehr Sarshar, das gefällt ihm nicht, liegt aber an der Größe, die kleineren sind blau und gelb. Mit einem Zentimetermaß misst Doktorand Taylan Deniz Kuzu, dass die 64 Elektroden immer an derselben Stelle sitzen, in 32 Löcher spritzt er Gel. Und los geht die Fahrt. „Schwer, sehr schwer“, sei das anfangs gewesen, sagt Sarshar, er wollte links, es ging nach rechts. Wenn er jetzt auf der Straße wäre! „Da müsste ich aufpassen, dass ich nicht von einer Brücke runtergehe.“

“Großartige Möglichkeit, Autonomie zu erlangen“

Bis Patienten mit solch Künstlicher Intelligenz aber wirklich auf die Straße können, in die „freie Wildbahn“, wie der Leitende Arzt Dr. Mirko Aach sagt, werden wohl noch Jahre vergehen, wenn nicht Jahrzehnte. Noch gibt es keine Fördermittel, noch weiß niemand, ob die neu erlernten Fähigkeiten auch erhalten bleiben. Das Ziel aber ist klar: „Wir wollen die Patienten in den normalen Alltag integrieren“, sagt der Neurotraumatologe Prof. Ramón Martínez-Olivera in Bochum. Und „feiner“ werden, indem man bald vielleicht auch Prothesen über Gedankenkraft animiert. „Eine großartige Möglichkeit“, ahnt Dr. Mirko Aach, „Autonomie zu erlangen.“

Stolz darauf mitzumachen

Auch für die Betroffenen ist es bislang nur ein Versuch, sie wissen, dass die Tests endlich sind und sie „nur“ Probanden. Aber Manouchehr Sarshar ist sicher: „Das kommt.“ Irgendwann werde er die Leute auf der Straße sehen in ihren Rollstühlen. Und stolz sein. „So stolz, dass ich bei der Forschung mitmachen darf.“

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