Loveparade

Schon zwei Jahre Loveparade-Prozess: Wie lange noch?

Ende einer Party: Die Loveparade von Duisburg endete mit 21 Toten und 650 Verletzten.

Ende einer Party: Die Loveparade von Duisburg endete mit 21 Toten und 650 Verletzten.

Foto: Ilja Höpping / WAZ FotoPool

Düsseldorf.  Der Prozess um Duisburgs Loveparade geht in Jahr drei. Plötzlich ist wieder offen, wie lange die Angeklagten noch auf ein Urteil warten müssen.

Bald zehn Jahre sind vergangen seit der Loveparade von Duisburg – seit Sonntag (8.12.) sind es zwei, seit der Prozess begann. Sieben Angeklagte sind inzwischen entlassen, 20 Nebenkläger ausgeschieden, Zuschauer schon lange nicht mehr da. Aber die Verhandlung in Düsseldorf läuft und läuft und läuft. Und dass sie im Sommer, wie bislang gedacht, zu Ende geht, ist plötzlich wieder fraglich.

Verhandlungstag Nummer 166, 97. Zeuge, Blatt 15.534 von 60.000 der Hauptakte. Wieder sagt ein Feuerwehrmann aus, es dauert keine Viertelstunde, bis er diesen Satz sagt: „Ich kann mich nicht erinnern.“ So oft gehört vor der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg, die seit dem 8. Dezember 2017 versucht, die Geschehnisse aufzuklären, die doch schon so lange zurückliegen: Am 24. Juli 2010, mitten im Jahr der Kulturhauptstadt im Ruhrgebiet, starben im Gedränge der Loveparade 21 Menschen, 650 wurden verletzt. Wer hat Schuld?

Mancher Zeuge hat geweint auf seinem Stuhl ganz vorn im Saal

Sie haben Bilder gesehen in diesem Saal, verzweifelte, sterbende Menschen überlebensgroß, sie haben die Geschichten gehört von Verletzten, die nicht wieder ins Leben zurückfinden, sie haben die wichtigsten, die prominentesten, die sogenannten „Alpha“-Zeugen befragt. Den abgewählten Oberbürgermeister, den Veranstalter, die Chefs der Sicherheitskräfte. Nun sind sie auf der Arbeitsebene angekommen. Feuerwehrleute, Polizisten, die Mitarbeiter des Veranstalters, städtische Beamte, viele haben ausgesagt, die große und kleine Aufgaben hatten, deren Rädchen ineinandergriffen – oder auch nicht. Mancher hat geweint dort vorn.

Das vorläufige Gutachten des Veranstaltungs-Experten Prof. Jürgen Gerlach (3800 Seiten, viele Videos) aber, vorgelegt vor einem Jahr, spricht von Fehlerketten bei der Planung und am Veranstaltungstag. Es kommt zu dem Schluss: „Die einzelnen Ursachen haben gemeinsam gewirkt.“ Ein kollektives Versagen? Im März soll Gerlach dazu Stellung nehmen. Zu Jahresbeginn 2019 räumte selbst der Vorsitzende Richter Mario Plein ein: „Viele Leute haben Schuld.“

Prozess gegen nur noch drei Angeklagte braucht trotzdem großen Saal

Die sechs Angeklagten aus den Reihen der Duisburger Stadtverwaltung und der Gesamtleiter der Veranstalter-Firma Lopavent aber waren es nicht: Gegen sie wurde das Verfahren im Februar nach rund 100 Tagen wegen geringer Schuld eingestellt. Zum Entsetzen der meisten Hinterbliebenen, die enttäuscht reagierten. Von einer „demütigenden Niederlage“ sprach eine Mutter. Gegen nur noch drei Männer, die mit der Einstellung gegen eine Geldauflage nicht einverstanden waren, geht der Prozess seither weiter: den Technischen Leiter (67), den Sicherheitschef (60) und den Produktionsleiter (42) von Lopavent.

Das Congress Center Düsseldorf als Verhandlungssaal braucht das Landgericht trotzdem noch: Zwar sind die Angeklagten und ihre Verteidiger auf zwölf Plätzen zusammengerückt, aber die Zahl der Nebenkläger ist immer noch hoch: Für 43 Betroffene und ihre 29 Anwälte müssen an jedem Prozesstag Plätze vorgehalten werden – auch wenn die Hinterbliebenen selbst und noch weniger die Verletzten nur noch selten kommen.

29.000 Euro Miete am Tag

29.000 Euro verlangt die Messe für ihr Gebäude, inklusive der Saaltechnik mit ihren drei Großleinwänden – pro Tag. Dazu kommen die Kosten für Richter, Staatsanwälte, Protokollanten und täglich etwa 34 Justizbeamte, die ab früh um sechs Uhr für Sicherheit sorgen. Allein die Raummiete, Personal- und Reisekosten sowie Sitzungsgelder noch nicht mitgerechnet, schlägt also bisher mit bald fünf Millionen Euro zu Buche.

Aber auch wenn viele Zeugenaussagen zäh und die Befragungen sehr kleinteilig sind: Man kommt voran. „Wir sind der Meinung“, sagte der Vorsitzende schon im Frühjahr, „dass wir viel mehr geschafft haben, als man gedacht hat, als man uns zugetraut hat und alle erwartet haben.“ Das bestätigt Thomas Sevenheck, Sprecher des Duisburger Landgerichts und in dieser Funktion bereits der dritte seit Prozessbeginn: Es werde weiterhin „konzentriert und zielorientiert“ gearbeitet und „Stück für Stück aufgeklärt“. Es sei „spürbar, dass sämtliche Verfahrensbeteiligte nach wie vor an einer konstruktiven Mitwirkung interessiert sind“.

Wann fällt ein Urteil?

Die Aufklärung hatte Richter Plein immer wieder versprochen. „Wir werden etwas hinterlassen. Wann auch immer hier der letzte Tag ist.“ Das allerdings ist seit vergangener Woche völlig offen. Denn der erwartete Termin Ende Juli 2020, zu dem der Vorwurf der fahrlässigen Tötung verjährt, ist möglicherweise nicht derselbe, nach dem auch die fahrlässige Körperverletzung nicht mehr verurteilt werden kann. Denkbar, erklärte das Gericht, dass etwa eine Posttraumatische Belastungsstörung erst lange nach der Loveparade aufgetreten ist – entsprechend länger könnte noch verhandelt werden.

Für gut 20 Verletzte der Loveparade könnte das zutreffen, zehn Nebenkläger und zwölf aus der Liste der Staatsanwaltschaft, die bislang am Prozess gar nicht beteiligt waren. Derzeit klärt die Kammer, ob die Betroffenen sich begutachten lassen würden, Sachverständige sollen gegebenenfalls noch vor Weihnachten beauftragt werden.

Noch 50 Prozesstage geplant

So oder so wird Ende Juli keine Klappe fallen. Mindestens wird die Kammer eine Verjährung erst prüfen und ein entsprechendes Einstellungsurteil begründen müssen. Und, auch das hat Richter Plein versprochen: „Wir werden Ihnen sagen, warum Ihre Kinder gestorben sind. Am letzten Tag, an dem wir hier zusammensitzen.“ Die 50 Prozesstage, die noch geplant sind, reichen bis in den August hinein.

>>INFO: DER PROZESS UM DIE LOVEPARADE VON DUISBURG

Bei der Loveparade, einem Technofest, das zuvor schon in Essen und Dortmund Station gemacht hatte, wurden im Gedränge auf der Zu- und Abgangsrampe am 24. Juli 2010 in Duisburg 21 Menschen getötet und 650 verletzt.

Nach jahrelangen Ermittlungen wurde der Prozess am 8. Dezember 2017 eröffnet – nach juristischem Tauziehen im zweiten Anlauf. Angeklagt waren sechs Angestellte der Stadt Duisburg aus dem Bereich Bau sowie vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent. Der Vorwurf: fahrlässige Tötung und Körperverletzung. In der Anklage geht es im wesentlichen um Fehler bei Planung und Genehmigung.

Nach 100 Verhandlungstagen und einem Rechtsgespräch wurde das Verfahren im Februar 2019 gegen sieben Angeklagte eingestellt. Wegen geringer Schuld und unter Protest vieler Nebenkläger. Seither sitzen nur noch drei Männer auf der Anklagebank.

Wenn im April die Aussage des Gutachters Prof. Jürgen Gerlach abgeschlossen ist, hat die 6. Große Strafkammer ein weiteres Gespräch mit den Verfahrensbeteiligten angekündigt. Dann soll es erneut um den möglichen Fortgang des Prozesses gehen.

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