Widerstand2020

Corona-Kritiker: „Ich bin als Verschwörungstheoretiker verschrien“

Widerstand 2020 demonstrierte in Duisburg gegen die aktuell geltenden „Corona-Regeln".

Widerstand 2020 demonstrierte in Duisburg gegen die aktuell geltenden „Corona-Regeln".

Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Christian W. glaubt, dass die Regierung systematisch Panik schürt. Warum der Duisburger für Widerstand2020 trommelt – und gegen Bill Gates.

Als Christian W. „diesen Satz von Frau Merkel“ hörte, da wurde ihm klar, er wollte eine Corona-Demo mobilisieren: „Normalität erst bei Impfstoff“ – das hat die Kanzlerin nicht genau so gesagt, aber so lauteten die Schlagzeilen. „Normalität erst bei Impfstoff, nein danke!“ Das sagt W. mehrmals. Diese Formel bestimmt gerade das Leben des 30-jährigen Industriereinigers aus Duisburg. Sie ist so wichtig geworden, dass Freundschaften darüber zerbrechen. „Meine Nummer wurde gelöscht. Der Kontakt abgebrochen. Ich bin als Verschwörungstheoretiker verschrien.“

Das persönliche Opfer ist groß. Dabei ist der 30-Jährige bislang nicht politisch aktiv gewesen, sieht sich nicht als links, nicht als rechts. Aber er hat vor recht genau zwei Wochen eine Facebook-Gruppe gegründet, um die neue Partei Widerstand2020 in Duisburg zu unterstützen. Deren erklärtes Ziel ist es, Menschen mit politischen Meinungen aufzufangen, „die woanders als Rechte, als Linke, als Verschwörungstheoretiker, als Impfgegner, als Corona-Leugner oder sonst wie gelabelt werden“, so Ralf Ludwig, einer der Parteimitgründer. Christian W. selbst ist nicht Mitglied, spricht nur für sich, aber seine Auffassungen bilden wohl eine recht typische Schnittmenge.

Wo soll es enden?

Ich bin kein Corona-Leugner“, sagt W.. Er findet nur, dass „dieses Virus es nicht rechtfertigt, Millionen Menschen einen solchen wirtschaftlichen und sozialen Schaden zuzufügen.“ Er glaubt, dass die Regierung die Situation ausnutze, systematisch Panik mache, um die Leute auf Kurs zu halten. „Die nehmen uns das, was wir sowieso besitzen, unsere Grundrechte. Und dann gestehen sie uns diese wieder gnädig zu. Verbunden mit einer unverhohlenen Drohung. Warum lassen wir uns so erpressen. Ja, wo sind wir dann in einigen Monaten?“

„Grundrechte“, das steht nun auf vielen Plakaten, das Hintergrundbild von Christian W. auf Facebook zeigt das Grundgesetz. Aber „Grundrechte“ ist nur das symbolhafte Stichwort für all seine Sorgen. Die sind gar nicht mal persönlich. Er sorgt sich nicht um seinen Job, Kinder oder Angehörige in der Risikogruppe hat er keine. „Meine Intention ist einfach, den Status Quo wiederherzustellen. Oder vielleicht auch ein bisschen mehr als das. Man sieht ja, dass es in diesem ach so reichen Land Missstände gibt. Und seien wir ehrlich: Jedes Jahr sterben über 200.000 Menschen an Krebs. Es wäre doch ein Leichtes für die Regierung zu sagen: Wir machen die Krebsvorsorge verpflichtend. Wenn es wirklich darum ginge, möglichst viele Leben zu retten, würde sie das tun.“

Widerstand 2020 - Eine neue Protestpartei?
Widerstand 2020 - Eine neue Protestpartei?

W. misstraut. Merkel, Spahn, Drosten, Wieler, Bill Gates, den scheinbar Mächtigen. Wofür genau sie die Situation ausnutzen, bleibt diffus. Er sagt: „Pharmaziekonzerne sind mächtig. Ich glaube, auch Frau Merkel hat jemanden über sich.“ Er glaubt, dass es keine Übersterblichkeit gebe, auch wenn diese in den stärker betroffenen Ländern längst nachgewiesen wurde. „Ja, das sind die offiziellen Zahlen.“ Er hat Videos gesehen, in denen erklärt wurde, dass neuartige RNA-Impfstoffe auf Gentechnik basieren und angeblich das Erbgut verändern. „Wenn nun der Zeitraum der Zulassungstests verringert werden soll, dann ohne mich.“

„Ich kenne die Intention von Bill Gates“

Dabei hat Christian W. gar nichts gegen Impfungen generell, „aber jeder sollte frei sein, selbst zu entscheiden, was er seinem Körper zufügt.“ Und hier kommen wir zu einer gewagten Verschwörungstheorie. Den „Zwangsimpfungen“ für sieben Milliarden Menschen solle auf Betreiben von Bill Gates Verhütungsmittel beigemischt werden, um so das Bevölkerungswachstum einzudämmen. Um Geld gehe es dabei wahrscheinlich nicht. „Es klingt doof, aber ich kenne mittlerweile die Intention von Bill Gates. Er hat einen Gottkomplex.“

„Wenn du mit Gates anfängst, gehen die Brauen schon in die Höhe“, sagt W.. Er ist sich sehr bewusst, ab welchem Punkt seine Äußerungen als Verschwörungstheorien wahrgenommen werden. Er bekommt es ja ständig gespiegelt. Als er ab dem 19. März begann, auf Facebook Videos und Statements zu posten, waren die Reaktionen überwiegend ablehnend: „rechtspopulistisch, abartig, kranke Denkweise, egoistisch, hieß es. Naja, es gibt auch viele Menschen, die gar nicht wollen, dass diese Maßnahmen enden.“ Einige Freunde hätten ihm gesagt: „Lass es doch einfach. Aber das kann ich nicht. Man weiß ja nicht, wo es hinführt. Wo sind die Absichten? Wo endet das?“

Er lese auch die Faktenchecks zu solchen Theorien, sagt W. – darin steht stets, dass dieses These ohne Grundlage ist, dass Zitate von Gates aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Auch das weiß W., aber dann schaut er nochmal und findet wieder etwas Gegenteiliges, Entkräftendes, einen mysteriösen Zufall. „Ich bin ehrlich gesagt ziemlich robust, was Kritik angeht“, sagt er mehrfach. „Und ich werde eher von Leuten kritisiert, die sich den ganzen Tag Videos von Gamern reinziehen. Erwachsene Menschen, die nicht vom Sofa hochkommen, um für ihre Grundrechte einzutreten und die ihrer Kinder. Aber es gibt ja immer mehr, die diese Sachen hinterfragen.“

Woher kommt das Misstrauen?

Facebook erlaubt einen gewissen Einblick in seine politische Reise. Neben den einschlägig bekannten Videos von Bhakdi Sucharit, Ken Jebsen und Xavier Naidoo taucht das als links einzustufende Aktionsbündnis gegen das Transatlantische Handelsabkommen TTIP auf: „Coronakrise: ein asymmetrischer Krieg der Superreichen gegen die restlichen 99 Prozent?“

Aber auch die Patrioten gegen die NWO, die New World Order, eine heimliche Weltregierung. Sie kommt in rechten und linken Kreisen vor und knüpft an das Narrativ der jüdischen Weltverschwörung. Die angeblich bevorstehende Abschaffung des Bargelds ist Thema des libertären US-Politikers Ron Paul. Libertäre möchten den Staat so klein wie möglich halten und sind insofern den Anarchisten ähnlich, glauben allerdings, dass sich die Gesellschaft rein kapitalistisch organisieren lasse. Trump lässt sich als korrumpierte Variante deuten. Es ist ein Sammelsurium, entstanden auf der Suche nach Gerechtigkeit.

„Am Anfang habe ich mich noch zurückgehalten“

W. beschäftigt sich seit Mitte 20 mit solchen politischen Themen, sagt er. Vor diesem Hintergrund wirkt die Corona-Krise als Katalysator. „Am Anfang habe ich mich noch zurückgehalten und Witze gemacht wie alle. Man kann sagen, dass die Maßnahmen noch nachvollziehbar waren, denn man wusste ja nicht, mit was man es zu tun hatte.“ Er war moderat. Nun mobilisiert er für Demos und krempelt dafür sein Leben um.

Auf den bislang zwei Duisburger Demos mit rund 150 und 50 Teilnehmern (letzteres entspricht etwa der Stärke seiner Facebook-Gruppe) hat er Normale gesehen, „Linke, Esoterikhippies, auch einzelne Rechte“, dem Anschein nach. Er sieht auch viele Menschen mit Migrationshintergrund, „die genauso existenziell Probleme haben wie viele andere“. „Die Leute, die keine Nazis sehen wollen, drücken halt ein Auge zu. Und wie will man sie auch aussperren, wie soll das funktionieren? Ich möchte mich nicht mit Rechten oder der AfD identifizieren, aber wer ist man denn, dass man sagt, wir wollen nur normale Menschen? Wer kommt dann, wer ist denn normal?“

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