Computersimulation

Virtual Reality soll Flüchtlinge deutschen Alltag lehren

Abdul-Mounib Sadiqi, 21, findet die Technik spannend. Projektbegleiterin Jana Kierdorf, assistiert.

Abdul-Mounib Sadiqi, 21, findet die Technik spannend. Projektbegleiterin Jana Kierdorf, assistiert.

Foto: Marit Langschwager

Essen.  Flüchtlinge könnten sich mit aufwendigen Computersimulationen vorbereiten auf den Besuch beim Arzt, im Amt oder Schwimmbad. Doch macht das Sinn?

Erstmal heißt es Schlange stehen in der virtuellen Apotheke. Die Erfahrung soll eben möglichst deutsch sein, wenn der Zugereiste die Virtual-Reality-Brille aufsetzt, um Alltag zu trainieren. Die Kölner Hochschule Fresenius mit ihrem An-Institut Skip ist auf diese Idee gekommen, die mehr eine Frage ist: Kann man Flüchtlingen mit solchen Computer-Trainings bei der Integration helfen? Macht dieser technische Aufwand überhaupt Sinn? Bringt es Ihnen etwas? Mit der Apotheken-Erfahrung wollen Studenten und Dozenten das herausfinden. Und nun nimmt die Apothekerin unseren Probanden an die Reihe.

Abdul-Mounib Sadiqi wurde in Afghanistan geboren, war schon zehn Jahre lang Flüchtling im Iran, bevor er Anfang 2016 mit seiner Familie nach Deutschland kam. Der 21-Jährige verbringt, um sein Deutsch zu verbessern, viel Zeit in der Essener Stadtbibliothek, wo am Dienstag auch das Apotheken-Training stattfindet. Das hätte Sadiqi nun wirklich nicht nötig, aber ihm geht es um die Erfahrung, was technisch möglich ist – und dem Fresenius-Team um qualifizierte Rückmeldungen. Denn, das muss man auch sagen, das Projekt ist noch in einem sehr frühen Stadium und deutet seine Möglichkeiten nur an.

Wie man ordentlich Schlange steht

So soll es mal funktionieren: Per Smartphone oder in Bibliotheken mit Virtual-Reality-Stationen können Zugereiste virtuell eine Apotheke aufsuchen oder den Arzt, beim Amt einen Antrag stellen, einem Verein beitreten oder ein Schwimmbad besuchen. Sie sehen in ihrer Brille einen animierten Raum mit animierten Personen, die mit ihnen sprechen auf dem neusten Stand der Technik – wie man eben mit den bekannten digitalen Assistenten Siri oder Alexa sprechen kann. „Sind Sie krank?“ fragt die Apothekerin. Und je nach Antwort nimmt das Gespräch eine andere Richtung. Nebenbei bekommt man typische Verhaltensweisen in Deutschland erklärt (ordentlich Schlange stehen), bekommt wichtige Wörter beigebracht, die Software bewertet die Sprachfertigkeiten und gibt vielleicht sogar Tipps zur besseren Aussprache und zum korrekten Verhalten.

Und wenn wir die Fantasie spielen lassen, können wir uns unzählige Anwendungen dieser Technik im Bildungsbereich vorstellen. Aber da sind wir längst nicht.

„Das Thema Digitalisierung wird überschätzt“, sagt Professor Chris Wickenden, der das Skip-Institut der Hochschule Fresenius leitet. „Gaming und Entertainment sind zwar ein Riesenmarkt, aber qualitative Bildungsinhalte sind sehr schwierig zu finden.“ Dabei, ergänzt der technische Projektleiter Malte Albrecht, kämen gerade junge Flüchtlinge oft mit der Erwartung nach Deutschland, hier funktioniere alles digital. „Sie sind dann überrascht von Lernen mit Pappe und Buch.“ Für die meisten sei das Smartphone das wichtigste Werkzeug, „insofern besteht eine große Bereitschaft für neue Technologien“.

Auf den Hund gekommen mit Facebooks Hilfe

Aber so funktioniert es eben heute: Abdul-Mounib Sadiqi zieht die „Oculus Rift S“ auf, die neueste Computer-Brille aus dem Hause Facebook – und muss sich erstmal orientieren in der gefilmten (nicht animierten) Apotheke. „Man kann auch zurückrutschen“, sagt Studentin Jana Kierdorf. So rollt Sadiqi auf seinem Stuhl zurück und der virtuelle Apothekentresen erscheint ihm offenbar links versetzt. So wirkt er plötzlich ganz entrückt auf seinem Bürostuhl, losgelöst vom Tisch mit dem Kontrollmonitor vor ihm. Blickt Sadiqi nach unten, liegt ein Hund zu seinen Füßen, denn Hunde sind in manchen Ländern als Haustiere nicht üblich. Blickt er länger darauf, sagt das Programm: „Hund“.

Dieses Detail hat sich Jana Kierdorf ausgedacht, Studentin der Psychologie und für den Master vermutlich bald der „Digital Psychology“, ein neuer Studiengang, was das Potenzial dieses Feldes andeutet. Auch eine Blutdruckmessung läuft im virtuellen Rücken des Probanden ab, um auch die weniger bekannten Angebote einer Apotheke zu vermitteln – allerdings fehlt hier noch der Info-Knopf mit der zugehörigen Erklärung. Und so ist es auch mit sämtlichen Wahlmöglichkeiten. Man bekommt die Antwort vorgegeben, muss sie nachsprechen, man kann sich zwar umschauen im Film, aber er spult sich linear ab.

Immerhin erkennt das Programm schon die Sprache über die eingebundene „Künstliche Intelligenz“ des Hochschul-Partners Microsoft. Und die Förderung durch das Land steht für die Weiterentwicklung des Programms. Abdul-Mounib Sadiqi setzt die Brille ab. Er fand seine „virtuelle Reise ganz interessant. Ich glaube, dass es in der Zukunft hilfreich sein kann.“ Zumindest für die Neuankömmlinge, die sich für Technik interessieren. – Und die anderen? „Ich bin mir sicher, dass Apotheker auch den Menschen helfen können, die nicht gut deutsch sprechen.“

>> Info: Die ersten Ergebnisse

Rund 550 Probanden in 13 Städten haben das Programm bereits getestet, darunter waren Teilnehmer in Gelsenkirchen, Herne und Witten.

Nach einer ersten Auswertung durch die Studenten bewerteten 94 Prozent das Projekt als „bereichernd für das Lehrangebot“. Aber natürlich ist die Stichprobe nicht repräsentativ, die Flüchtlinge werden über die Gast-Bibliotheken, Kurse und Hilfsorganisationen angesprochen. Es melden sich die, die ohnehin Lust haben, die Technik auszuprobieren.

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