Infektionen

Zahl der Krätzefälle im Ruhrgebiet steigt weiter an

Eine Ärztin zeigt ein Foto auf ihrem Laptop von einem Patienten, der von Krätze befallen ist.

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Eine Ärztin zeigt ein Foto auf ihrem Laptop von einem Patienten, der von Krätze befallen ist. Foto: dpa

Ruhrgebiet.   In einigen Städten des Ruhrgebietes häufen sich Meldungen über Krätzefälle. Über die Ursachen des Anstiegs können Experten nur mutmaßen.

Die Krätze sucht immer stärker das Ruhrgebiet heim. In nahezu allen großen Städten des Reviers hat die Zahl der Erkrankten in diesem Herbst neue Höchstwerte erreicht. In den vergangenen Wochen gab es so viele Fälle, dass Medikamente zur Behandlung teilweise nicht mehr lieferbar waren. Über die Gründe des Anstiegs herrscht Rätselraten.

Es juckt. Vor allem an den Händen und am Oberkörper. Und wenn es juckt, dann ist es zu spät. Dann hat die Krätzmilbe, ein winziger Parasit, schon kleine Gänge in die Haut ihres Opfers gegraben und dort ihre Eier abgelegt. Und nach zwei bis fünf Wochen beginnt man, sich zu kratzen. Deshalb heißt die Krätze auch Krätze. Ausgerottet sei sie, hat man vor ein paar Jahren noch oft gelesen, zumindest in Deutschland. Aber das war nicht ganz richtig. „Sie hat nur keine große Rolle gespielt“, sagt Dirk Eichelberg, Dermatologe aus Dortmund. Nicht bei ihm, nicht bei seinen Kollegen.

Das hat sich geändert. Genaue Zahlen gibt es nicht. Denn wer „privat“ mit Krätze zu seinem Arzt geht, wird von keiner Statistik erfasst. Meldepflichtig, sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert Koch Institutes (RKI), sei Krätze bei den örtlichen Gesundheitsbehörden nur, wenn sie in Gemeinschaftseinrichtungen auftrete. Und nein, stellt sie weiter klar, „es geht nicht nur um Asylunterkünfte. Kindergärten oder Altenheime können genauso betroffen sein.“ Und von da aus tragen Infizierte die Milben in die heimischen Haushalte. „Es kann jeden treffen“, bestätigt Eichelberg.

Es trifft zumindest immer mehr. Waren es etwa in Duisburg im Jahr 2015 noch 85 gemeldete Fälle beim Gesundheitsamt, sind es in diesem Jahr bereits über 400. In Gelsenkirchen stieg die Zahl von 70 im Jahr 2014 auf 208 im vergangenen Jahr. 2017 sind es bisher 198. Und in Bochum hat sich die Zahl der Fälle in diesem Jahr verzehnfacht. „Es wird jedes Jahr mehr“, bestätigt Eichelberg. Allein in seiner Praxis hat er in den vergangenen elf Monaten 270 Patienten wegen Krätze behandelt.

Fragt man nach den Gründen für den Anstieg, zucken die meisten Experten mit den Schultern und sagen: „Wissen wir nicht.“ Eichelberg hat zwei Erklärungen. Zum einen gebe es immer mehr soziale Brennpunkte im Land, an denen Leute in beengten Verhältnissen miteinander lebten. Zum anderen sei die menschliche Haut im 21. Jahrhundert offenbar weniger resistent als früher. „Trockener und viel anfälliger.“

Immerhin erwischt die Krätze ihre Opfer nicht im Vorbeigehen. „Die springt Sie nicht an wie eine Grippe“, stellt RKI-Sprecherin Glasmacher klar. „Händeschütteln reicht nicht aus, um sich zu infizieren“, sagt auch der Dortmunder Dermatologe. Nötig sei längerer Hautkontakt, wie es ihn in Pflegeeinrichtungen, aber auch Kindergärten gebe. Oder wenn Oma und Opa mit den Enkeln schmusen.

Behandeln lässt sich die Krankheit auch erfolgreich. Äußerlich durch Milben abtötende Cremes, mit denen man sich vom Hals abwärts „alle, aber wirklich alle Körperpartien einreibt“, wie Eichelberg betont. Und die man mehrere Stunden einwirken lässt. Zur inneren Therapie von Krätze ist seit Mai 2016 in Deutschland auch das Medikament Scabiora zugelassen. In den vergangenen Wochen allerdings war es nahezu überall ausverkauft. „Seit einigen Tagen aber“, weiß der Arzt aus Dortmund, „gibt es kein Engpässe mehr.“

Kleidung, Handtücher und Bettzeug müssen gewaschen werden

Einmal behandelt, ist ein Infizierter bereits nach kurzer Zeit nicht mehr ansteckend. Trotzdem sind zusätzliche Maßnahmen notwendig. Kleidung, Handtücher und Bettwäsche sollten täglich gewechselt und bei mindestens 60 Grad gewaschen werden. Polster, Matratzen und Möbel müssen täglich abgesaugt werden. Sachen, die nicht gewaschen werden können, müssen sieben Tage luftdicht in eine Plastiktüte gepackt werden. „Die Milben brauchen Hautkontakt, sonst sterben sie“, erklärt Eichelberg.

Vorbeugen lässt sich übrigens nicht. Weder durch eine Impfung noch durch übertriebene Hygiene. „Gegen Milben“, weiß der Dermatologe, „gibt es keinen Schutz.“ Zum Glück ist die Krankheit in den meisten Fällen nicht lebensgefährlich. „Ein an sich gesunder Mensch wird an Krätze nicht sterben. Sie juckt halt nur unerträglich.“

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