Umwelt

Steinkohle ade? Warum Bottrop immer noch mit Staub kämpft

Die Steinkohleförderung ist Geschichte in Bottrop – der schwarze Staub nicht. Manche Wohngebiete haben seit Jahren mit der Verschmutzung durch die anliegende Kokerei von RAG zu kämpfen.

Die Steinkohleförderung ist Geschichte in Bottrop – der schwarze Staub nicht. Manche Wohngebiete haben seit Jahren mit der Verschmutzung durch die anliegende Kokerei von RAG zu kämpfen.

Foto: Fabian Strauch

Bottrop.   Autos sind voll Staub, Gemüse im Garten belastet. Die Steinkohle ist Geschichte, aber Kokereien erinnern in Bottrop an die kohleschwarzen 50er.

400 Meter von der Kokerei entfernt hat es mal wieder schwarzen Staub geregnet. Auf die Terrassen, auf die Fensterbänke, auf die Autos, auf die Ziegel; auf die Schulhöfe, in die Kleingärten, in die Gemüter und den Alltag der Menschen – umfassend also. „Wenn man von der Arbeit kommt, kann man erst mal wieder alles sauber machen“, sagt Beate Krzykawski.

Drei solcher Niederschläge hat sie zuletzt in fünf Tagen gezählt – und sie lebt nicht im kohlenschwarzen Pott von, sagen wir, 1954, sondern im Mai 2019 in Bottrop.

„Wenn Sie Ihr Auto heute hier stehen lassen, werden Sie morgen das Bedürfnis haben, es in die Waschanlage zu fahren. Das kann ich mit meiner Lunge nicht“, sagt die Sprecherin der Bürgerinitiative „Saubere Luft für den Bottroper Süden“. Die Steinkohle ist Geschichte? Drei Kokereien arbeiten noch.

Kokereien arbeiten noch in Duisburg und in Bottrop

In Duisburg, und hier in Bottrop, wo die Kokerei Prosper von Arcelor Mittal plötzlich wieder mehr Staub und Schadstoffe ausstößt – ohne, dass man ganz genau wüsste, wieso. Vom Staub, der vom Frühjahr 2018 wieder vermehrt wehte, sind mehrere tausend Menschen im Bottroper Süden betroffen.

Und von den jüngst bekannt gemachten Schadstoffen auch. „Für vier polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe sind die Zielwerte mäßig bis deutlich erhöht“, sagt der Technische Beigeordnete Klaus Müller. Man gehe „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus, dass die Schadstoffe aus der Kokerei stammen“.

20 Millionen Euro in den Umweltschutz investiert

Und so hat die Stadt einigen tausend Menschen in den Stadtteilen neben der Kokerei nun empfohlen, bestimmte Gemüse und Salate aus dem eigenen Garten besser nicht zu essen: Die PAK gelten als Krebs erregend. Quasi alles, was Beate Krzykawski und ihr Mann Andreas 2018 im eigenen Garten noch anbauten und aßen. Die getrockneten Lorbeerblätter haben sie jetzt aber weggeschmissen.

In der Kokerei zeigten sich die Verantwortlichen offen in Sachen Staub: sind auf Bürgerversammlungen gegangen, haben Entschädigungen versprochen und Nachbesserungen. 20 Millionen Euro, heißt es, habe man seit Beginn des Jahrzehnts in Bottrop in Umweltschutz investiert.

Runder Tisch, Demonstration, Bürgerversammlung

„Diese Arbeit wird konsequent fortgesetzt, um die Emissionen weiter zu reduzieren“, heißt es in einer Pressemitteilung. Das Unternehmen nehme „die Verantwortung gegenüber der Umwelt, den Nachbarn und den Mitarbeitern sehr ernst“. Es sei aber auch wichtig, nach anderen Verursachern zu suchen.

Doch den Menschen reicht das nicht. Von einer zweistelligen Zahl von Strafanzeigen ist die Rede, Bürgerversammlungen stehen bevor, ein Runder Tisch, eine große Demonstration. Und die Stadtverwaltung hat angekündigt, die Messungen ausweiten zu lassen. Auf weitere Stadtteile und mit anderem Gemüse als dem bisher bemühten Grünkohl.

„Die Älteren sagen schon mal: Das war doch immer so“

Da muss der neue Gemüsegarten der Grundschule erst einmal warten. Auch in der Kleingartenanlage Johannestal gilt Ausnahmezustand. „Ich werde jetzt von allem, was ich angebaut habe, nichts mehr essen“, sagt Michael Höpers. Und der Vereinsvorsitzende Hans Behmenburg (70) meint: „Die jungen Leute hier, die Kinder haben, die sind schon sehr betroffen. Auch wenn die älteren Mitglieder schon mal sagen: Das war doch immer so.“ Ja, aber die Steinkohle schien doch Geschichte ...

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