Kriminalität

Ärztin sieht „Kokain-Tsunami“ in Südwestfalen

Rauscht ein Kokain-Tsunami über Südwestfalen? Eine Ärztin aus Iserlohn schlägt Alarm.

Rauscht ein Kokain-Tsunami über Südwestfalen? Eine Ärztin aus Iserlohn schlägt Alarm.

Foto: Dpa

Hagen.  Eine Ärztin aus Iserlohn schlägt Alarm: Kokain überschwemme den Markt. Die Polizei bestätigt, dass die Droge immer und überall verfügbar ist.

Es ist ein Platz für diejenigen, deren Körper aufgegeben hat. Eine Wand aus kleinen Papierwölkchen, auf die Namen geschrieben sind, manchmal heftet ein Foto daran. Die Wand befindet sich im Eingangsbereich der Awo-Suchtberatung in Iserlohn. Nebenan hat Dr. Martina Harbrink-Schlegel ihre Praxis. Sie bietet das Substitutionsprogramm für die drogenkranken Besucher an, hat deshalb einen unverstellten Blick auf die Szene – und schlägt Alarm besonders eine Droge betreffend. „In Iserlohn bekommen wir die Folgen des Kokain-Tsunamis in Europa live mit“, sagt sie.

Kokain-Tsunami? In Südwestfalen sichtbar? Eine Spurensuche.

Die offiziellen Zahlen zum Thema belegen, dass Kokain in Europa und in Deutschland so gegenwärtig ist wie nie zuvor. Die Menge an beschlagnahmtem Kokain hat sich laut aktuellem Jahresbericht der EU-Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht innerhalb eines Jahres verdoppelt. Laut Bundeslagebild Rauschgift 2017 ist bei Handelsdelikten mit Kokain eine „signifikante Steigerungsrate“ zu erkennen: plus 18 Prozent. Die Menge der Kokainspuren, die im Dortmunder Abwasser gemessen wurden, ist innerhalb von drei Jahren um rund ein Drittel angestiegen. Dortmund ist demnach die Kokain-Hauptstadt in Deutschland – noch vor Berlin oder Frankfurt.

Iserlohn und Hagen liegen in direkter Nachbarschaft. 15 Wölkchen seien zwischen November 2018 und September 2019 an der Wand in Iserlohn dazu gekommen, sagt Dr. Martina Harbrink-Schlegel. In normalen Jahren wären es fünf, höchstens zehn. Sie vermutet einen Zusammenhang mit der Beschaffenheit des Kokains, das gestreckt sein könnte mit Entwurmungsmittel aus der Veterinärmedizin. Die Kombination könne zum plötzlichen Herztod führen und eben auch zur Gefahr für solche Konsumenten werden, deren Lebensuhr eigentlich noch nicht abgelaufen sei.

Gesellschaftsfähiger geworden?

Dass es eine zunehmende Zahl an Todesfällen im Zusammenhang mit Kokain-Konsum gibt, verneint die zuständige Polizei. „Belegbare Zahlen, die gar das Wort ,Tsunami‘ rechtfertigen würden, liegen uns nicht vor“, sagt Marcel Dilling, Polizeioberkommissar im Märkischen Kreis: „Wir beobachten, dass der Konsum von Kokain gesellschaftsfähiger geworden zu sein scheint.“

Problem: So ganz genau lässt sich das eben nicht sagen. „Der Konsum lässt sich polizeilich kaum beurteilen. Bei der Polizei werden Straftaten im Zusammenhang mit Besitz oder Handel von Betäubungsmitteln verfolgt. Schätzungen sind aufgrund des hohen Dunkelfeldes schwierig“, sagt der Hagener Polizeioberkommissar Sebastian Hirschberg. Signifikante Veränderungen auf dem Markt seien nicht erkennbar.

„Kokain ist auch eine Lifestyledroge, die zum Beispiel anlassbezogen bei Events oder Partys und schichtunabhängig konsumiert wird“, sagt Bernhard Titze von der Drogenhilfe in Hagen. Aber: „Die Verfügbarkeit von illegalen Drogen allgemein hat sich durch neue Zugangswege und Vertriebsmöglichkeiten stark vereinfacht­.“ Dealer und Konsument müssen sich nicht mehr im Dunkeln hinterm Bahnhof treffen, sondern wickeln­ ihre Geschäfte vermehrt auf der dunklen Seite des Internets ab, im Darknet – Lieferung per Post inklusive­.

„Der Handel mit Rauschgift im Internet hat sich als fester Vertriebsweg für Drogen in Deutschland etabliert“, stellt das Bundeslagebild Rauschgift 2017 fest. Der Versand von Betäubungsmitteln per Post stieg von 2016 auf 2017 um 50 Prozent. „Es ist jedoch davon auszugehen, dass diese erfassten Fälle nicht annähernd das tatsächliche Ausmaß widerspiegeln“, heißt es.

Kokain aus dem Straßenverkauf gibt es aber ebenfalls noch in beträchtlichem Maße. Gestreckt wird es in der Regel mit anderen weißen Pulvern wie Milchpulver. Der Reinheitsgehalt liegt „in der Regel bei 80 bis 90 Prozent, zum Teil nahe 99 Prozent“, sagt Michael Zell von der Polizei im Kreis Siegen-Wittgenstein.

Rotterdam als Haupteinfallstor

Und wie gelangt der Stoff nach Südwestfalen? „Nach unserer Beobachtung“, heißt es von der Polizei im Märkischen Kreis, „kommt es vornehmlich aus den Niederlanden“ in die Region. Rotterdam gilt als eines der Haupteinfallstore nach Europa, Amsterdam und Zürich als die Konsum-Metropolen des südamerikanischen Rauschgifts. „Drogen sind naturgemäß vermehrt in größeren Städten präsent“, sagt Marcel Dilling, Polizeioberkommissar im Märkischen Kreis, „doch auch in vermeintlich beschaulichen Kleinstädten sind natürlich Drogen in geringerem Maße im Umlauf.“

Verfügbar ist es überall in Südwestfalen. 50 bis 80 Euro kostet ein Gramm. „Die Preise“, berichtet Michael Zell von der Polizei im Kreis Siegen-Wittgenstein, „sind tendenziell gesunken“.

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