Syrien-Invasion

Messerstich bei Mahnwache: „Noch nie so einen Hass erlebt“

Im ganzen Land demonstrieren Kurden gegen den Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien. In Lüdenscheid kam es am Mittwoch zu körperlichen Auseinandersetzungen.

Im ganzen Land demonstrieren Kurden gegen den Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien. In Lüdenscheid kam es am Mittwoch zu körperlichen Auseinandersetzungen.

Foto: David Young / dpa

Lüdenscheid.  Jupp Filippek hat die Demo in Lüdenscheid organisiert, auf der ein Mann niedergestochen wurde. Er spricht von „höchst aufgeladener Atmosphäre“.

Auch am Tag nach der Massenschlägerei zwischen Kurden und Türken bei einer Kundgebung in der Lüdenscheider Innenstadt, bei der ein 50 Jahre alter türkischstämmiger Deutscher durch einen Messerstich in den Rücken schwer verletzt wurde, ist Jupp Filippek noch fassungslos: „Noch nie in meinem Leben ist mir ein solcher Hass begegnet. Es herrschte eine höchst aufgeladene, unbeschreiblich aggressive Atmosphäre“, sagt der Sprecher der Partei „Die Linke“ in Lüdenscheid. Der Stadtverband war der Veranstalter der Kundgebung.

Es sollte eine friedliche Mahnwache zum Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien am späten Mittwochnachmittag in der Sauerland-Stadt werden. „Wir hatten mit 20, 30 Leuten gerechnet“, sagt Filippek. Es wurden 200. Kurden, die sehr emotional gewesen seien und gegen den türkischen Präsidenten Erdogan gewettert hätten. Und als „knapp 30“ türkische Gegendemonstranten „Türkiye, Türkiye“-Rufe anstimmten und türkische Fahnen schwenkten, „hat sich leider eine kleine Gruppe von Kurden provozieren lassen und ist zu denen gestürmt.“ Fortan flogen die Fäuste.

Lob für die Polizei

Filippek, der von dem Messerstich nichts gesehen hat, lobt ausdrücklich die gute Arbeit der Polizei. „Wenn ich das richtig gesehen habe, waren zunächst nur zwei Beamte auf dem Sternplatz“, sagt er. Diese hätten sich mutig in den Tumult gestürzt und sich zwischen die rivalisierenden Gruppen gestellt. Schnell wären nach seiner Wahrnehmung sechs Streifenwagen am Ort des Geschehens gewesen.

Der Staatsschutz der Hagener Polizei wertet nun Handyvideos und Fotos von Zeugen sowie die Aufnahmen von Überwachungskameras aus. Aus dem Bildmaterial soll hervorgehen, wie es zu dem Angriff auf den 50 Jahre alten Mann gekommen ist. Nach Angaben von Polizeisprecher Michael Siemes bestand zu keinem Zeitpunkt Lebensgefahr für das Opfer. Es war nach ersten Erkenntnissen der Polizei im Märkischen Kreis kein Teilnehmer der pro-kurdischen Demonstration, sondern stand in der Gruppe von Männern mit türkischen Flaggen.

Der unbekannte Täter ist flüchtig, auch eine Tatwaffe ist bislang nicht gefunden worden. Eine zwischenzeitlich eingerichtete Mordkommission wurde inzwischen wieder aufgelöst. Die Polizei geht von einer gefährlichen Körperverletzung aus und prüft nun, ob diese vorsätzlich oder fahrlässig begangen wurde.

Wegen des türkisch-kurdischen Konflikts komme es in Hagen vermehrt zu Anmeldungen von Versammlungen, so Polizeisprecher Siemes. „Dabei wird eine erkennbare Emotionalisierung der beteiligten Akteure deutlich.“ Der Staatsschutz habe die Versammlungen im Blick. „Es ist möglich, dass die Emotionalisierung mit Fortschreiten des Konflikts zunimmt“, so Siemes weiter.

Eines ist Filippek am Mittwoch klar geworden, wie er sagt: „Ja, ich habe die Sorge, dass der Konflikt zwischen Kurden und Türken jetzt richtig eskaliert, dass die Verrrohung und der Hass stetig zunehmen.“ Der Hass sei nicht plötzlich durch den Einmarsch in Syrien entstanden, so der Linken-Politiker. „Er scheint sehr tief verankert zu sein.“

Leserkommentare (7) Kommentar schreiben