Brandkatastrophe

Augenzeuge in Paris: „Frankreich blieb plötzlich stehen“

Gina und Christoph Bauschke aus Hagen sind in Paris, während die Kathedrale von Notre-Dame brennt

Gina und Christoph Bauschke aus Hagen sind in Paris, während die Kathedrale von Notre-Dame brennt

Foto: Privat

Paris/Hagen.   Wie Paris-Urlauber aus der Region den verheerenden Brand der Kathedrale Notre-Dame erlebten: „Viele auf den Straßen und Plätzen haben geweint.“

Um 17.30 Uhr am ­späten Montagnachmittag, rund 80 Minuten vor dem Ausbruch des verheerenden Feuers, stand Thomas Throenle noch vor der Kathedrale Notre-Dame. Der Besuch eines der bekanntesten Wahrzeichens von Paris sollte einer der Höhepunkte des Familienurlaubs des stellvertretenden Pressesprechers des Erzbistums Paderborn sein. „Angesichts der langen Menschenschlange vor dem Eingang ­haben wir davon abgesehen, hineinzugehen.“

Zumal die Throenles ohnehin in der Osterwoche noch einem Gottesdienst in Notre-Dame beiwohnen wollten und sich Karten für ein klassisches Konzert am Dienstagabend besorgt hatten. Joseph Haydns Werk „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ stand auf dem Programm. Throenle: „Wir hätten während unseres Paris-Aufenthalts die Kathedrale so unglaublich gerne von innen gesehen.“

Ungewöhnliche Wolken

Schon kurz nach Ausbruch des Feuers auf dem Dachboden der Kathedrale hatte Throenles Sohn eine Pushnachricht von dem Brand auf sein Smartphone bekommen. Die weiteren Stunden verfolgte die Familie vor dem Fernseher. „Mir fehlen die Worte“, sagt Throenle. „Es ist eine Katastrophe.“

Auch am Tag nach dem Flammen-Inferno in der französischen Hauptstadt ist Throenle erschüttert: „Ich liebe gotische Kirchen und habe große Ehrfurcht vor dem majestätischen Bau in Paris. Ich kann es noch gar nicht glauben, was hier passiert ist.“

Gina Bauschke (26) und ihr Mann Christoph (29) hielten die Rauchschwaden am Himmel zunächst für Wolken, als sie aus der Metrostation nahe des Eiffelturms kamen. Ungewöhnliche Wolken, das schon. Ungewöhnlich tief hängend, etwas gelblich vielleicht. Aber sie schienen überall zu sein. Also mussten es Wolken sein. Was sonst? In der Sekunde rief ein Freund an: „Notre-Dame brennt!“

Offene Flammen aus der Kathedrale

Das Ehepaar aus Hagen, für einen dreitägigen Kurztrip in Paris, war auf dem Weg zu einer abendlichen Schifffahrt auf der Seine. Sightseeing vom Wasser aus. Ein Punkt der Route: die Île de la Cité, die Halbinsel in der Seine, auf der die Kathedrale Notre-Dame steht. Doch dieser Tagesordnungspunkt musste entfallen. Sie fuhren trotzdem.

Zwei Polizeiboote versperrten die weitere Durchfahrt, ein Feuerwehrboot rauschte vorbei. „Es roch nach Qualm, und vom Boot aus konnten wir ununter­brochen die Sirenen der Einsatzfahrzeuge hören und sehen, wie sie sich durch die vollen Straßen der Stadt versuchten vorwärts zu bewegen. Es muss in etwa um die Zeit gewesen sein, als der Turm eingestürzt ist. Da konnten wir offene Flammen aus Notre-Dame herausragen sehen.“

Jahrhundertealte Geschichte, die vor ihren Augen zerbröselte. „Das war völlig surreal. Eine gute Stunde zuvor hatten wir von Sacre-Coeur aus noch einen tollen Blick über die Stadt, wie man sie kennt. Und nun brannte vor uns das Wahrzeichen von Paris“, sagt Gina Bauschke.

Fassungslosigkeit auf den Straßen

Ungläubig schaute auch der ­Hagener Abiturient Rafail Konstantinidis (19) von einer Seine-Brücke auf die „in Luftlinie 300 bis 400 Meter entfernte Kathedrale“: „Wir sahen, wie ein riesiger Feuerball hoch­geschossen ist.“ Der junge Hagener wollte zusammen mit seiner Freundin zwei schöne Tage in der Weltstadt Paris verbringen. In Erinnerung werden ihm nicht Bilder vom französischen Laissez-faire bleiben, sondern traurige Gesichter auf den Straßen und Plätzen, die fassungslos mitanschauen mussten, wie ein Gebäude mit einer ganz besonderen Bedeutung für sie in Flammen aufging. „Viele haben geweint“, so Konstantinidis.

Eindringliche Rufe

Karoline Nölke berichtet von einer „sehr bedrückenden Stimmung“ in der französischen Hauptstadt. Niemand habe zunächst gewusst, ob es ein Anschlag oder ein Unglück war. Die Schülerin aus Meschede-Grevenstein hält sich derzeit mit ihren Eltern in Paris auf und hörte am Montagabend plötzlich eindringliche Rufe durch das Hotel-Fenster: „Notre-Dame brûle – Notre-Dame brennt.“

Solche Rufe hat auch Markus Asshoff vernommen. Die Kanzlei des Rechtsanwalts, der seit 25 Jahren in Paris lebt und in Wenden-Möllmicke aufwuchs, liegt nur wenige Kilometer von der weltbekannten Kathedrale entfernt. Die Großstadt an der Seine sei in Schockstarre verfallen, so Asshoff: „Frankreich blieb plötzlich stehen.“

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