Gymnasium

Aus für das Turbo-Abi – Abschiedsfreude in Südwestfalen

NRW kehrt zum Abitur nach neun Gymnasiumsjahren zurück.

NRW kehrt zum Abitur nach neun Gymnasiumsjahren zurück.

Foto: Armin Weigel/dpa

Hagen.   Der Gesetzentwurf für eine Abkehr vom Turbo-Abitur liegt nun vor. Was das für Schüler, Eltern, Wirtschaft und Schulleiter bedeutet.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Der Turbo wird abgeschaltet: NRW kehrt zurück zum Abitur nach neun Jahren Gymnasium.Der Gesetzentwurf liegt vor. Was das für Schüler, Eltern, Lehrer und Wirtschaft bedeutet.

Der Schüler

Zwei Wochen Unterricht hat Luca Samlidis aus Ennepetal noch vor sich. Dann geht es in den Endspurt: Mottowochen, Lernen, Klausuren. Reifeprüfung nach acht Jahren. „Ich bin gut durchgekommen“, sagt der Schüler des Reichenbach-Gymnasiums in Ennepetal. Doch das Turbo-Abitur hat Folgen: „Ich habe Hobbys aufgeben müssen, Fußball zum Beispiel.“ Deshalb begrüßt er den G9-Gesetzentwurf. Die zweite Fremdsprache erst ab der 7. Klasse, wie von Schulministerin Yvonne Gebauer versprochen, „beugt der Überforderung vor“, hofft er. Doch in einer Leistungsgesellschaft könne auch das entschleunigte Abitur den Druck für die Schüler nicht wesentlich mindern, fürchtet er.

Dennoch bedauert er, dass die Landesregierung keine flexiblere Lösung gefunden hat, also die Wahlfreiheit für Schüler, ob sie die Oberstufe in drei oder vier Jahren durchlaufen wollen.

Die Mutter

Der ältere Sohn ist in der achten Klasse, muss das Turbo-Abi machen. Der Jüngere ist gerade in die erste gekommen, ihm wird mehr Zeit bleiben. Das sei – zum Glück – kein Problem für den Größeren, sagt Alexandra Jung, Vorsitzende der Schulpflegschaft des Gymnasiums Auf der Morgenröthe in Siegen. Doch wenn er in einigen Jahren die Schule verlässt, ist er 17 Jahre alt. Noch nicht einmal volljährig und vielleicht schon aus dem Elternhaus an die Uni – Alexandra Jung atmet bei dem Gedanken tief durch: „Ein Jahr mehr – das macht schon viel aus“, begrüßt sie G9. Vorausgesetzt, das Jahr wird gut genutzt: Statt mehr Stoff in die Lehrpläne zu stopfen, sollte in der Zeit Gelerntes vertieft und geübt werden, fordert Alexandra Jung. Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, ist ungewiss: Die Lehrpläne werden noch erarbeitet.

Die Volksinitiative

Seine Tochter geht in die siebte Klasse; die Familie wird also nicht mehr profitieren. „Das ist ganz bitter“, sagt Marcus Hohenstein. Nicht nur für ihn, sondern für alle Eltern, die mit dem Siegener in der Volksinitiative „G9 jetzt“ für eine Abkehr vom Turbo-Abitur in NRW gekämpft haben. Ihre Forderung, dass auch die Kinder, die heute bereits am Gymnasium sind, von der Gesetzänderung profitieren, wird nun nicht erfüllt.

Eckpunkte im Kabinett und Referentenentwurf 14. November 2017
Verbändebeteiligung Bis Weihnachten 2017
Kabinettsbeschluss Anfang 2018
Einbringung Landtag Anfang 2018
Anmeldungen Gymnasien Schuljahr 2018/2019 Februar/März 2018
Verabschiedung Gesetz Vor den Sommerferien 2018 (angestrebt)
Entscheidung an Schulen über G8/G9 Zu Beginn des Schuljahres 2018/19
Anmeldungen Gymnasien Schuljahr 2019/2020 Februar/März 2019
Umstellung G9 1. August 2019

Die Schulleiter

Der „sehr ambitionierte Zeitplan“ bereitet Heinz-J. Plugge, Leiter des Gymnasiums der Benediktiner in Meschede, Sorgen. Frühestens im Sommer wird der Gesetzentwurf verabschiedet. An Lehrplänen wird noch gearbeitet. Die Kinder aber, die nach den großen Ferien in die fünfte Klassen kommen, sollen im darauffolgenden Jahr bereits danach unterrichtet werden. Was auf sie zukommt, ist ungewiss.

Wichtig sei, dass die G8-Lehrpläne nun nicht einfach auf neun Jahre ausgerollt würden, fordert Rüdiger Käuser, Direktor des Fürst-Johann-Moritz-Gymnasiums in Siegen und Vorsitzender der westfälisch-lippischen Direktorenvereinigung. Ansonsten werde wieder genau die Kritik laut, die vor 13 Jahren zur Einführung des Turbo-Abiturs geführt habe, warnt Käuser: Damals habe es geheißen, die elfte Klasse sei überflüssig. Jetzt gehe es darum, die gewonnene Zeit für Vertiefung und Verdeutlichung des Stoffes zu nutzen. Sorgen bereitet ihm, woher die Schulen die zusätzliche Lehrer nehmen sollen.

Der Unternehmensvertreter

Als Wirtschaftsvertreter hatte er damals G8 begrüßt. Bei seinem eigenen Sohn hat er jedoch erleben müssen, „dass die Umsetzung der Schulzeitverkürzung nicht gelungen war“, räumt Volker Verch, Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Westfalen-Mitte ein. Die Abkehr vom Turbo-Abitur wird also auch von Unternehmensvertretern in Südwestfalen nicht kritisiert. „Es geht darum, dass wir gut ausgebildete Persönlichkeiten bekommen“, erklärt Volker Verch. Deshalb ist ihm wichtig, dass das Land mehr gegen Lehrermangel und Unterrichtsausfall unternimmt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben