Polizei

Baby im Müll gefunden - Mutter hielt Schwangerschaft geheim

Schockzustand in Kierspe: Eine Mutter soll ihr frisch geborenes Baby auf dem Müll entsorgt haben.

Schockzustand in Kierspe: Eine Mutter soll ihr frisch geborenes Baby auf dem Müll entsorgt haben.

Foto: Daniel Berg

Kierspe.  Das Baby, das in Kierspe im Müll gefunden wurde, schwebte zeitweise in Lebensgefahr. In der Kleinstadt gibt es nur noch ein Gesprächsthema.

„Guten Tag in Kierspe“, steht groß als Begrüßung am Ortseingang zu dem kleinen Städtchen im Sauerland. Keine 20.000 Einwohner. Jeder kennt hier beinahe jeden. Aber was heißt schon, jemanden zu kennen. Seit Montag ist der Ort bundesweit bekannt, weil ein Neugeborenes nach der Geburt im Müll gefunden worden war. Dem Kind geht es den Umständen entsprechend gut. Die Mutter befindet sich in Untersuchungshaft. Es ist kein guter Tag in Kierspe. Die Stadt befindet sich im Schockzustand. Eine Spurensuche.

„Meine Frau hat es mir am Morgen erzählt“, sagt Christos Spiroglou. Er betreibt unweit des Rathauses die Backstube Eiscafé. Seine Gäste reden über den Fall. Genaues weiß keiner am Montagvormittag, kurz nach der Herausgabe einer Pressemitteilung der Polizei. Darin war der Tathergang geschildert worden: Eine 31 Jahre alte Frau hatte sich am Freitag mit starken Blutungen im Unterleib in die Klinik Hellersen in Lüdenscheid begeben.

Kind hinter dem Haus gefunden

Dort wurde festgestellt, dass sie vor kurzem entbunden haben musste. Die Polizei machte sich auf den Weg - fand das Kind lebend im Müll hinter dem Haus. „Wer macht so etwas?“, fragt sich Christos Spiroglou. „Ich kann mir nicht vorstellen, ein Leben einfach so wegzuschmeißen.“ Er und seine Frau haben ein Kind und erwarten das zweite.

Die Mordkommission Hagen hat den Fall in die Hände genommen. Am Montagnachmittag informierten die Staatsanwaltschaft und die Mordkommission Hagen über Details. Das Baby schwebte zwischenzeitlich in Lebensgefahr, ist aber mittlerweile stabil und befindet sich in der Klinik Hellersen in Lüdenscheid. Gegen die Mutter wird wegen versuchter Tötung ermittelt.

Drei Stunden nach Geburt gefunden

„Die Mutter wurde am Morgen des 14. Juni ins Klinikum Lüdenscheid mit starken vaginalen Blutungen eingeliefert“, berichtet Staatsanwalt Michael Burggräf. Da sie eine mögliche Geburt mit keinem Wort erwähnte, handelte das Krankenhaus und informierte die Polizei. Diese fand das Baby etwa drei Stunden nach der Geburt: laut Polizei von Kopf bis Fuß eingewickelt in Handtücher, abgelegt in einem blauen Müllsack mit Hausmüll, abgelegt in einem Gebüsch hinter dem Haus.

„Die Beamten konnten im Außenbereich ein Wimmern und Weinen feststellen“, berichtet Burggräf: „Der Müllsack wurde vorsichtig aufgerissen, der Säugling zunächst erstversorgt und mit dem Rettungswagen nach Lüdenscheid gebracht. Das Mädchen war deutlich unterkühlt, die Körpertemperatur betrug nur noch 31 Grad. Es befindet sich nicht mehr in akuter Lebensgefahr.“

Offenbar intakt erscheinendes familiäres Umfeld

Offenbar hatte die Mutter ihre Schwangerschaft geheim gehalten. „Der Frau selbst war die Schwangerschaft bekannt, ihrer Familie nicht. Sie hat alles Mögliche getan, um die Schwangerschaft geheim zu halten“, sagt Kriminalhauptkommissar Andreas Möller von der Mordkommission Hagen. Der Verlobte, der sich mit im Haus befand, war offenbar im Glauben, seiner Partnerin gehe es nicht gut. Er war es, der den Rettungswagen alarmierte.

Das Paar hat eine gemeinsame einjährige Tochter. „Nach unseren Erkenntnissen war das ein als intakt zu bezeichnendes familiäres Umfeld mit Eltern, die sich gekümmert haben“, sagt Möller: „Die Frau hat Angaben zur Sache gemacht. Aufgrund vorliegender Ängste, die ich nicht näher beschreiben kann, habe sie das Kind wegbringen wollen.“

Gesprächsstoff unter den Menschen in Kierspe

Unten am Bahnhof soll die Frau gewohnt haben, erzählen sich die Menschen in Kierspe. „Ich war heute morgen beim Arzt“, sagt ein junger Mann, der einen Kinderwagen schiebt und namentlich nicht genannt werden will. Im Wartezimmer hätten sich die alten Damen über den Fall unterhalten. Die mutmaßliche Täterin habe schon ein Kind, eine Tochter, ein Jahr alt. Man kenne die Frau aber nicht gut.

Unten am Bahnhof machen Handwerker Zigarettenpause. „Zwei, drei Polizeiwagen sind am Freitag mit Blaulicht hier hochgeschossen“, sagt Adriano Defendenti. „Dass so etwas in Großstädten passiert, hat man ja schon gehört. Aber hier? Auf dem Land? Unglaublich.“

Ähnliche Fälle in Wenden und Siegen

Gräueltaten, das zeigt dieser Fall erneut, sind überall möglich, wo Menschen aus der Bahn geraten. Aus welchem Grund auch immer. 2008 wurden in Wenden im Kreis Olpe drei Säuglinge in einer Tiefkühltruhe gefunden. 2016 soll eine Siegenerin ihr Baby direkt nach der Geburt erstickt haben.

Hinter dem Haus der Tatverdächtigen steht ein Grill auf dem Hof, eine Mülltonne mit gelbem Deckel unweit davon. Die Zuwegung ist mit Bänken und weiteren Mülltonnen verbarrikadiert. Gegenüber steht Sperrmüll am Straßenrand. Die Nachbarn sind auf der Straße. Unterhalten sich. Tauschen Theorien aus. Der Mutter trauen sie diese Tat nicht zu.

Nachbarn trauen Mutter die Tat nicht zu

„Sie hat sich immer so schön um ihre Tochter gekümmert, hat liebevoll mit ihr gespielt“, sagt Petra Nötzel (49). „Wenn sie hingefallen ist, ist sie immer sofort hingelaufen. Mit dem Bobbycar hat sie ihre Tochter über den Garagenhof geschoben.“ Kopfschütteln. Das Kind, sagt sie, sei zwei Monate zu früh zur Welt gekommen. Ob es daran lag?

Als die Polizei und der Rettungswagen am Freitag kamen, habe sie gedacht, dass der Hund bestimmt das Kind angefallen habe. Die Realität ist noch verstörender. Petra Nötzel hat selbst drei Kinder. 31, 20 und 13 Jahre alt. „Der Gedanke, dass jemand so etwas tun kann, hat mich das ganze Wochenende schaudern lassen“, sagt sie. Die Frau habe seit zwei Jahren dort mit ihrem Partner gelebt. Direkt neben dem Tatort befindet sich eine Firma. Jemand, der dort arbeitet, sagt: „Wenn sie mich gefragt hätten, wer hier zu einer solchen Tat fähig ist, wäre ich ganz zuletzt auf die gekommen.“

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