Bayreuther Festspiele

Bayreuth: Wagner-Festspiele, die sich wandeln

Der Travestie-Künstler  Le Gateau Chocolat,begleitet bei den Bayreuther Festspielen im Tannhäuser die Venus.

Der Travestie-Künstler Le Gateau Chocolat,begleitet bei den Bayreuther Festspielen im Tannhäuser die Venus.

Foto: Tobias Hase / dpa

Bayreuth.  Eine Dragqueen erhält beim Tannhäuser mehr Beifall als der Stardirigent. Zufall? Oder Signal der Veränderungen bei den Festspielen in Bayreuth?

Höschenblitzer bei würdigen Walküren im Großmutteralter, nackte Männerfüße in Lackschuhen, freizügig zur Schau gestellte Pagenschlüpfer, Krampfadern oder gar das Fehlen von Unterwäsche überhaupt sind nicht nur ein Beleg dafür, wie heiß die Eröffnungswoche der Richard-Wagner-Festspiele war. Sie beschreiben auch ein Festival, das sich in einem rasanten Wandel befindet. Dieser betrifft eher das Publikum als die Inszenierungen. Der Wagnerianer, wie man ihn kennt und fürchtet, bewegt sich auf die Liste der aussterbenden Arten zu.

Nach dem Neubeginn 1951 formierte sich auf dem Festspielhügel eine Gruppe konservativer Wagner-Fans, die durch verabredete Buh-Aktionen lautstark die Deutungshoheit über das Werk einforderte. Bei Patrice Chéreaus Jahrhundert-Ring gab es noch Saalschlachten, bei Christoph Schlingensiefs Parsifal blieb der befürchtete Skandal aus, Hans Neuenfels’ Ratten-Lohengrin mobilisierte noch einmal das letzte Aufgebot der Wagner-Ultras, aber schon beim Ring von Frank Castorf vermochte die Buh-Fraktion nicht mehr gegen den Applaus anzuschreien.

Wo bleiben die Gralshüter?

2019 erhält nun im neuen Tannhäuser ein farbiger Travestiekünstler neben vereinzelten Buhrufen erheblich mehr Beifall als der sehr berühmte Großdirigent Valery Gergiev. Das ist ein Aspekt, den die Feuilletons nicht ohne leisen Humor erwähnen, denn der Putin-Freund Gergiev steht wegen seiner angeblichen Homophobie vielfach in der Kritik der freigeistigen Kulturszene.

Dieser Befund kann zweierlei bedeuten: Entweder die Inszenierungen werden gefälliger oder das Publikum toleranter. Doch wo bleiben die Wagner-Freunde, die den Gral der vermeintlich reinen Lehre bewachen? Die immer noch von Flügelhelm und Bärenfell auf der Bühne träumen? Ihnen geht anscheinend der Nachwuchs aus. Das muss man nicht nur gut finden. Denn Bayreuth verliert demographisch bedingt teilweise das musikalisch informierte Publikum. Dirigenten und Regisseure haben lange eine Hassliebe gepflegt zu den Wagnerianern, die im Parkett die Stücke besser kennen als die Sänger auf der Bühne, also sich in einem Opernhaus respektvoll zu benehmen wissen und selbst unter widrigen Umständen wie Hitze, schlechte Luft, drangvolle Enge wirklich zuhören wollen.

Das Publikum wird immer internationaler

Heute bietet die „Scheune“, wie manche Musiker das schmucklose, nicht klimatisierte Festspielhaus nennen, einer vielfältigen Besucherschar einen kargen Platz auf harten Holzstühlen. Neben Wagner-Enthusiasten wie Angela Merkel sitzen zunehmend Leute, die zum ersten Mal überhaupt in eine Oper gehen, die von dem ganzen Weihrauch um Wagner herum keine Ahnung haben, die einfach mal erleben wollen, wie es denn so ist in diesem Bayreuth. Diese Gäste sind international, sie sind in großer Zahl jung und sie sind begeisterungsfähig. Allerdings dürften sie auch von Übertiteln profitieren, wie sie im Stadttheater bei Wagner-Opern längst Usus sind.

Der Zauber Bayreuths entsteht aus der Tatsache, dass am historischen Ort seit 1876 ein eng begrenzter Kanon von zehn Opern Richard Wagners gezeigt wird, wobei die Leitung ungebrochen in Familienhand liegt, derzeit bei Urenkelin Prof. Katharina Wagner, die ebenfalls Ur-Urenkelin von Franz Liszt ist. Diese zehn Opern werden in wechselnder Reihenfolge neu befragt. Dabei erstaunt immer wieder, wie aktuell die darin verhandelten Konflikte sind.

Bayreuth hat den Anspruch, als Werkstatt führend in der Wagner-Deutung zu sein, was die Qualität der Sänger und Dirigenten betrifft, aber auch mit Blick auf die Interpretationsansätze. Dieses Ziel ist allerdings immer schwerer zu erreichen. Die Sänger widmen ihre Ferien nicht mehr ausschließlich dem Grünen Hügel, in anderen Sommertheatern lässt sich auch Geld verdienen, meistens sogar mehr.

Wer Wagner kann, hat keine Zeit für die Klatschspalten

Das Publikum kauft gerne Karten für Vorstellungen, bei denen Stars mitwirken, und davon gibt es in der klassischen Musik nicht mehr so viele und im Wagner-Fach ganz besonders wenige. Wer Wagner kann, hat heutzutage außerdem keine Zeit mehr, um die Häuser zu ziehen und in den Klatschspalten zu landen, der muss seine Stimme gesund halten. Aus diesem Grund sind die zwei Vorstellungen, die Anna Netrebko als Elsa im Lohengrin im August singt, ein solches Ereignis. Wobei man vor lauter Aufregung für und wider dieses Engagement nicht vergessen sollte, dass La Netrebko eine gute Sängerin ist.

Auch andere Theater zeigen gewagte Wagners

Aber auch andere Theater zeigen aufsehenerregende Inszenierungen von Tannhäuser bis Tristan, gewagte Wagners sozusagen. An dieser Front entsteht ebenfalls Druck auf Bayreuth. Man sucht unverbrauchte Handschriften oder Grenzüberschreitungen zu anderen Künsten, um den neuen, den anderen Blick zu erhalten. Im Publikum entsteht daraus eine enorme Sehnsucht nach Erlösung und die Hoffnung auf immer originellere Theaterwunder. Daher dreht sich das Erlösungskarussell immer schneller. Tobias Kratzers Tannhäuser gilt vielen Opernkritikern beispielsweise als Aufbruch in eine neue Ära auf dem Grünen Hügel. Sie vergessen darüber, dass Christoph Schlingensief sich dem Parsifal viel radikaler und viel avantgardistischer genähert hat als Kratzer dem Tannhäuser und dass Frank Castorf in seinem Ring bereits Aspekte des Trash-Theaters sowie umfangreiche Videoerzählungen integriert hat sowie externe Akteure, die nicht in der Partitur stehen.

Kein anderes Theater erzielt so viel internationale Aufmerksamkeit wie Bayreuth. Wer es auf dem Grünen Hügel schafft, dessen Karriere ist gemacht. Wer hier scheitert, versagt vor den Ohren der Weltöffentlichkeit. Das erhöht den Erwartungsdruck und verschärft möglicherweise die sich andeutende Spaltung zwischen Profi-Operngängern und einem immer breiter und diverser aufgestelltem Publikum.

„Weißt Du, wie das wird?“, fragen die Nornen im Ring. Auf jeden Fall weiß man jetzt, nach der heißesten Premierenwoche seit dem Tankred-Dorst-Ring von 2006 nur eins: Auch in Zukunft wird keine Klimaanlage ins Festspielhaus kommen.

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