Bayreuther Festspiele

Bayreuther Festspiele: Was steckt hinter Wagners Tannhäuser?

Der Alkoholator nimmt auf der Wartburg bei den Bayreuther Festspielen den Druck aus dem Kessel. Inszenierung von Wagners Tannhäuser durch Sebastian Baumgarten 2011.

Der Alkoholator nimmt auf der Wartburg bei den Bayreuther Festspielen den Druck aus dem Kessel. Inszenierung von Wagners Tannhäuser durch Sebastian Baumgarten 2011.

Foto: David Ebener / picture alliance / dpa

Hagen.  Die Bayreuther Festspiele bringen einen neuen Tannhäuser heraus. Wer ist eigentlich dieser Minnesänger, der Frauen in Heilige und Huren einteilt?

Richard Wagners Helden sind gut ausanalysierte tragische Männertypen. Wotan, Siegfried, Tristan, sie alle scheitern an ihrer mangelnden Sozialkompetenz und/oder an ihrer Gier. Tannhäuser mutet dagegen ziemlich harmlos an, ein Künstler, der sich im Venusberg verlustiert und in der höfischen Gesellschaft zu betörend schöner Musik über die Stränge schlägt. Am 25. Juli werden die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth mit einer Neuinszenierung des Tannhäusers durch Regisseur Tobias Kratzer eröffnet.

Wer ist eigentlich dieser Minnesänger, der immer das Falsche will, der Frauen nur als Huren oder Heilige kennt. Tannhäuser ist der unterschätzte Rebell in Wagners Heldengalerie, ein Prototyp des modernen Mannes sozusagen. Das gilt auch für die Sänger. Neben dem Tristan wird keine andere Wagner-Tenorpartie so gefürchtet. Stephen Gould singt in diesem Sommer auf dem Grünen Hügel gleich beide Rollen.

Der spektakulärste Skandal der Musikgeschichte

Die Oper hat wegen ihres provokativen Sujets das Zeug zum Kassenschlager. Der Kontrast zwischen Hörselberg und Wartburg, zwischen sinnlicher Venus und keuscher Elisabeth, ist pures Theaterfutter. Die Uraufführung 1845 in Dresden geriet jedoch bestenfalls zum Achtungserfolg, was Wagner den extrem neuartigen Zügen des Werkes zuschrieb. Napoleon III. ordnete 1861 eine Pariser Aufführung an, die einen der spektakulärsten Skandale der Musikgeschichte auslöste – und letztlich den französischen Wagnérisme begründete. Bis heute lieben französische Opernfreunde Bayreuth. Noch 1972 wurde Tannhäuser wieder einmal zum Aufreger, weil Regisseur Götz Friedrich auf dem Grünen Hügel erstmals Venus und Elisabeth mit einer einzigen Sängerin besetzte, die Aufspaltung der Frau in Heilige und Hure also als Projektion Tannhäusers deutete.

Der vereinnahmte Künstler

Tannhäuser ist Minnesänger, mithin Künstler. Er flüchtet vor der Vereinnahmung durch die streng normierte Wartburg-Gesellschaft in den Hörselberg zur Venus, wo, so legt die Musik nahe, es ziemlich hoch hergeht. Doch die Lust bringt Tannhäuser keine Erlösung. „Zuviel“ ruft er und sehnt sich zurück zu grünen Wiesen, Kirchenglocken und sozialen Regeln. Wie Wagner dieses „Zuviel“ komponiert, ist bereits Zukunftsmusik. Denn die hohen Streicher simulieren spitze Lustschreie, die an der Schmerzensgrenze liegen oder sogar darüber hinausgehen.

Auf der Wartburg trifft Tannhäuser seine verehrte Elisabeth wieder, nimmt am Sängerwettstreit teil und regt sich derart über das normkonforme Zeug auf, das seine Kollegen produzieren, dass er vor versammelter Mannschaft das Lob der Venus singt. Ein Tabubruch. Unverzeihlich.

Pilgerchor, Jagdmusik und das Gebet einer Jungfrau

Tannhäuser gehört nicht zu den Wagner-Opern, wo man zwei Stunden lang auf die einzig schöne Stelle des ganzen Stücks warten muss. Dem Publikum klingeln die Ohren vor all den Sirenengesängen, Pilgerchören, Jagdmusiken, höfischen Fanfaren, Hirtenweisen und jungfräulichen Gebeten. Unaufhaltsam bewegt sich diese Musik jedoch auf die Romerzählung zu. Tannhäuser wird vom Landgrafen gezwungen, in die Heilige Stadt zu pilgern, damit der Papst ihn von seinen Sünden freispreche. Der Papst verflucht den Sänger allerdings. Die Romerzählung beginnt wie ein harmloses Strophenlied und entwickelt sich dann zu einer phantasmagorischen Lebensbeichte.

Spätestens hier wird deutlich, dass es sich nicht um einen Streit zwischen Sitte und Ordnung auf der einen Seite und Hedonismus auf der anderen handelt. Der Konflikt ist vielmehr tief politisch. Indem er in den Hörselberg geht, gibt Tannhäuser den christlichen Erlösungsglauben preis. Auf diesem und den damit verbundenen Repressionen beruht jedoch das weltlich-klerikale Machtkonstrukt, das die Systeme Wartburg und Kirche möglich macht. Der Landgraf und der Papst haben die Massen hinter sich, den stimmstarken Pilgerchor, der aggressiv die herrschende Ordnung verteidigt.

Mittelalterliche Legenden

Richard Wagner verarbeitet im Tannhäuser zwei Motivkomplexe, die in der Epoche der Romantik ausgesprochen beliebt waren: die Überlieferung des realen fahrenden Berufsdichters Tannhuser aus dem 13. Jahrhundert, von dem auch ein Bußlied überliefert ist. Tannhuser inspirierte zum Beispiel Heinrich Heine zu einer vielstrophigen spöttischen Ballade. Eine weitere Vorlage ist die mittelalterliche Legende vom Sängerkrieg auf der Wartburg, welche die literarische Blütezeit am Hof des Landgrafen Hermann I. um 1200 reflektiert. Tannhäuser hat sich in eine ganze Reihe von Konflikten hineingearbeitet, die allesamt nicht lösbar sind. Als Künstler braucht er die Reibung am Establishment und die Freiheit zur Grenzüberschreitung gleichermaßen. Ohne Regeln werden seine Grenzüberschreitungen sinnlos. Ohne Grenzüberschreitungen bleibt seine Kunst im Angepassten stecken. Verschweigt er sein Venusabenteuer, kriegt er Elisabeth. Wenn er sie ohne Absolution heiratet, vergrößert er sein Sündenregister. Verliert er das Wettsingen, verliert er auch die Geliebte. Vor dieser Folie diskutiert sogar die zeitgenössische Spieltheorie Tannhäusers Dilemma (die Spieltheorie ist eine mathematische Methode, die das rationale Entscheidungsverhalten in sozialen Konfliktsituationen untersucht).

Richard Wagner löst Tannhäusers Dilemma übrigens auf seine Weise. Er opfert Elisabeth. Erst ihr Tod erlöst den Sänger.

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