Studium

Wer von ausländischen Uni-Absolventen tatsächlich profitiert

Ausnahmsweise steht Sascha Krannich vor einer geschlossenen Tür. Sonst ist der Migrationsforscher, der sich derzeit mit Studenten aus Entwicklungsländern beschäftigt. überzeugt: Offenheit zahlt sich aus. Für alle Beteiligten. Foto:Lars Heidrich

Ausnahmsweise steht Sascha Krannich vor einer geschlossenen Tür. Sonst ist der Migrationsforscher, der sich derzeit mit Studenten aus Entwicklungsländern beschäftigt. überzeugt: Offenheit zahlt sich aus. Für alle Beteiligten. Foto:Lars Heidrich

Siegen.   Migrationsforscher Sascha Krannich befragt internationale Studenten. Herkunftsländer profitieren auch, wenn sie in Deutschland bleiben.

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Deutschland braucht Fachkräfte. Auch aus dem Ausland. Die ideale Zuwanderungsgruppe wären internationale Studenten: Am Ende des Studiums beherrschen sie meist die deutsche Sprache, kennen die Lebensumstände und die Kultur und haben Freunde gefunden. Deshalb ist es eine gute Nachricht, dass Deutschland nach den USA und Großbritannien die meisten ausländischen Nachwuchsakademiker beherbergt: 320.000 derzeit. Aber sollten die hoch qualifizierten Kräfte nicht wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren? Insbesondere, wenn sie aus Entwicklungsländern stammen? Werden ihre Kenntnisse nicht in der Heimat gebraucht? „Schon“, sagt Dr. Sascha Krannich, „aber die Absolventen können auch zur Entwicklung in ihrem Herkunftsland beitragen, wenn sie in Deutschland bleiben. Nicht nur durch Überweisung von Geld, sondern über transnationale Netzwerke und Know-how-Transfer.“

Die Studie

Der Politikwissenschaftler untersucht am Forschungskolleg der Uni Siegen (FoKoS) derzeit mit seinem Kollegen Dr. Uwe Hunger von der Uni Münster, wie Stipendiaten des Katholischen Akademischen Ausländer-Dienstes (KAAD) am besten zur Entwicklung in ihren Herkunftsländern beitragen können. Dazu führt er Interviews in Indonesien, Georgien, Palästina/Israel, Kolumbien und Ghana – und mit den Kollegen, die in Deutschland geblieben sind. Der älteste Befragte war Mitte 70, die jüngste 23.

Die Gemeinsamkeiten

„Jedes Land ist anders“, sagt Krannich. Aber überall hat er festgestellt: „Wer im Ausland studiert hat, ist besser gestellt als jemand, der zu Hause geblieben ist.“ Und er betont: „Integration oder Rückkehr ist kein Gegensatz. Alle Untersuchungen zeigen: Die gut Integrierten kümmern sich um die alte Heimat.“ Vom Studium im Ausland profitierten in der Regel alle Beteiligten: der Student, das Herkunftsland und das Aufnahmeland.

Die Unterschiede

Indonesier studieren in Deutschland häufig MINT-Fächer oder Wirtschaft, Palästinenser Medizin, Georgier Jura, Kolumbianer Sozial- und Geisteswissenschaften und Ghanaer Ökologie und Landwirtschaft. „Das spiegelt die Situation in den Herkunftsländern“, erklärt Krannich. In Palästina gebe es große Defizite in der medizinischen Versorgung, Ghana sei ein Agrarland, in Kolumbien stehe die Stärkung der Zivilgesellschaft an und viele NGOs seien aktiv, Georgien orientiere sich beim Aufbau der Demokratie und beim Staatsrecht am deutschen Recht, und das wirtschaftlich schnell wachsende Indonesien will zu Indien, Südkorea oder Singapur aufschließen. Besondere Bedeutung hat es im letzten Fall, dass der frühere Präsident Bacharudin Habibie in den 1950er Jahren in Aachen Raumfahrt studiert und Kontakte nach Deutschland immer gefördert hat.

Die Beispiele

Ein Indonesier, der Maschinenbau studiert hat, konnte indonesische Absatzmärkte für seinen Arbeitgeber, einen deutschen Mittelständler, erschließen. Der hat dort ein Büro mit 20 einheimischen Angestellten eröffnet.

Ein palästinensischer Chefarzt an einem deutschen Krankenhaus lädt Ärzte aus Palästina zu Fortbildungen ein. So entsteht ein größerer Multiplikator-Effekt, als wenn er selbst zurückgekehrt wäre. Ein anderer Stipendiat hat ein Patenschaftsprogramm für Kinder aufgebaut, Ärzte schicken Medikamente und technische Geräte. „Viele Wissenschaftler haben Uni-Partnerschaften aufgebaut“, ergänzt Krannich. „Kaum ein Rückkehrer bricht den Kontakt ab.“

Die Reisen

Der in Münster promovierte Migrationsforscher (mit einer Arbeit über mexikanische Illegale in den USA), war bereits in Indonesien, Israel/Palästina und Georgien, Ende Oktober steht Kolumbien an, und als Letztes folgt Ghana. Die Reisen seien zwar auch anstrengend, aber er werde immer äußerst freundlich empfangen und höre viele positive Geschichten, erzählt er. Aber auch von den Schwierigkeiten der Rückkehrer: „Wer in Deutschland oder in einem anderen westlichen Land studiert hat, hat gelernt, direkter, schneller und zielorientierter zu kommunizieren. Das kann zu Konflikten führen.“ Die Absolventen hätten aber einen selbstbewussteren Blick auf die Welt gewonnen: „Wenn es zu Hause schwierig ist, machen sie sich selbstständig oder kehren zurück. Sie sehen mehr Möglichkeiten als andere.“

Die Hochschulen

Dass immer mehr englischsprachiger Studiengänge angeboten werden, macht Deutschland als Studienort attraktiv. Dazu kommt das kostenlose Studium. Könnte die von der schwarz-gelben Landesregierung vereinbarte Studiengebühr für Nicht-EU-Ausländer da negativ wirken? „Förderlich wäre das sicher nicht“, meint Krannich. Aber die derzeit offenbar vorgesehenen 1500 Euro pro Semester seien im Vergleich zu US-Universitäten recht bescheiden.

>>INFO: Hochschulrektoren uneins über Studiengebühren

Die Hochschulrektoren in NRW haben sich noch nicht auf eine Haltung zu den geplanten Studiengebühren für Studenten aus Ländern außerhalb der EU geeignet. Der Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz, Gerhard Sagerer (Bielefeld), gibt allerdings zu bedenken: „Die Universitäten haben sich in den letzten Jahren verstärkt um Internationalisierung bemüht. Diese Aktivitäten sollten nicht ausgebremst werden.“

Vorgeprescht ist der Senat der Uni Köln. Das Gremium, dem Vertreter der verschiedenen Berufsgruppen der Lehrenden sowie Studentenvertreter angehören, fordert die Landesregierung auf, die Pläne aufzugeben. Auch die studentischen Vertreter im Senat der Uni Siegen haben sich gegen jede Form von Studiengebühren ausgesprochen („Verstoß gegen Weltoffenheit und gegenseitige Verantwortung“), der Senat unterstützt das Votum.

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