Interview

Uwe Schneidewind zur Mobilitätswende: "Der Wandel in den Köpfen kommt“

Vernetzt, autonom und intelligenter – so stellen sich Experten die Mobilität der Zukunft vor.

Vernetzt, autonom und intelligenter – so stellen sich Experten die Mobilität der Zukunft vor.

Wuppertal.   Uwe Schneidewind, Präsident des renommierten Wuppertal-Instituts, über die Zukunft der Mobilität und neue Konkurrenz der Automobilproduzenten.

An einem Ausstiegsdatum für den Verbrennungsmotor führt kein Weg vorbei, sagt Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts. Die 1990 gegründete Einrichtung erforscht und entwickelt Leitbilder, Strategien und Instrumente für Übergänge zu einer nachhaltigen Entwicklung.

Frage: Würden wir ohne die Schummelei von VW jetzt überhaupt über die Zukunft der Mobilität diskutieren?

Uwe Schneidewind: Ich denke schon, zumal andere Länder viel weiter sind als wir. International ist eine gewaltige Bewegung unterwegs, zum Beispiel in China oder in Norwegen, wo bereits Quoten für Elektromobilität festgelegt wurden. Zudem muss sich die Automobil-Industrie auf neue Konkurrenten einstellen: Google, der Mietwagen-Vermittler Uber und andere drängen auf den Markt. Allerdings hat Volkswagen die deutsche Debatte beschleunigt. Die VW-Krise war ein Weckruf.

Und nun brauchen wir nicht nur eine technische Revolution, sondern auch eine Revolution in den Köpfen?

Absolut. Wir sprechen schließlich über eine unserer wichtigsten Wirtschaftsbranchen überhaupt. Es geht also auch um unsere ökonomische Zukunft. Auf der anderen Seite ist das Lebensgefühl der Deutschen mehr mit dem Auto verbunden als in anderen Ländern. Das zeigt die hochemotionale Debatte über das Tempolimit. Deshalb sind die Herausforderungen bei uns besonders groß.

Sehr emotional wird auch über Ausstiegsszenarien gestritten. Die Politik will sich nicht festlegen.

Das halte ich für falsch. Wir brauchen klare Orientierungspunkte für die Verbraucher, die Wirtschaft und die Politik selbst. Deshalb ist ein Ausstiegsdatum für den Verbrennungsmotor erforderlich. Das schafft Planungssicherheit für alle Akteure. Wenn ich weiß, dass im Jahr 2035 kein neuer Verbrennungsmotor mehr verkauft wird, kann ich mir heute schon die Frage stellen, ob ich mir jetzt noch einen Diesel kaufen sollte oder besser auf neue Mobilität setze.

Wie lautet Ihr Vorschlag?

Bei der Frage des Datums geht es um die Gewichtung. Unter ökologischen Gesichtspunkten, also wenn wir die Ziele der Pariser Klimakonferenz einhalten wollen, müssten wir schon 2025 aussteigen, um 2035 die Mobilität komplett elektrisch organisieren zu können. Das ist natürlich sehr ambitioniert. Aus der ökonomischen Perspektive sprechen wir von einem Zeitraum zwischen 2030 und 2040: In dieser Zeit sollte es der Automobilindustrie gelingen, sich auf den Wandel einzustellen. Unter dem Strich gehe ich von einem politischen Kompromiss aus, der in den 30er-Jahren liegt.

Die Zukunft der Mobilität belastet die Koalitionsverhandlungen.

Ich möchte das lieber positiv formulieren: Die ökologische Wende ist ein Idealprojekt für die Jamaika-Koalition. Es handelt sich ja nicht nur um ein grünes Thema, sondern es stecken auch gewaltiges Innovationspotenzial und ökonomische Kraft darin. Voraussetzung ist es, die Menschen mitzunehmen. Dafür brauchen wir eine politische Kraft, die in der Lage ist, das Projekt zu vermitteln. Das ist die Aufgabe einer Volkspartei. Also finden sich alle politischen Lager wieder. Die Kanzlerin könnte die Wende hervorragend mit einem Innovationsprogramm verbinden.

Aber die deutsche Automobilindustrie steht auf der Bremse.

Das glaube ich gar nicht. Sie hat begriffen, dass sie sich in Zukunft ganz anderen Wettbewerbern ausgesetzt sieht, zum Beispiel Google. Und sie weiß, dass der Druck auch durch die politische Regulierung in den Schlüsselmärkten steigt: China und Indien haben den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor auf den Weg gebracht. Das sind wichtige Zukunftsmärkte.

In Deutschland ist das Auto aber auch ein Statussymbol.

Ich denke, der kulturelle Wandel in den Köpfen wird kommen. Es gab Zeiten, da war es toll, einen Manta vor der Tür stehen zu haben. Ein paar Jahre später wirkte das peinlich. Der SUV wirkt schon heute auf viele prollig.

Wo soll der Strom für die Autos herkommen?

Das ist in der Tat ein wichtiger Punkt. Ich kann die Mobilitätswende nicht ohne die Energiewende denken. Wenn wir alle heutigen Autos komplett auf Strom umstellen würden, bräuchten wir etwa 15 bis 20 Prozent unseres heutigen Stromverbrauchs zusätzlich. Das ist eine beherrschbare Menge, allerdings muss dieser Strom selbstverständlich grün sein. Eine vernünftige Mobilitätswende bedeutet aber auch, dass in Zukunft nicht mehr 40 Millionen Autos auf unseren Straßen fahren wie heute, sondern viel weniger, die aber intelligenter eingesetzt werden.

Hapert es bei der Mobilitätswende auch daran, dass es nicht genug gute Beispiele gibt?

Auf jeden Fall. Wir brauchen Modellstädte. Das Projekt Innovation City Bottrop ist ein gutes Beispiel. Dort geht es ja um die energetische Sanierung ganzer Quartiere. Bottrop hat nicht nur wegen der guten Projekte den Zuschlag bekommen, sondern auch wegen der starken Beteiligung der Bevölkerung. Nun ist die Stadt zu einer Art Schaufenster geworden; internationale Delegationen geben sich die Klinke in die Hand. Genau so etwas brauchen wir für das Thema Mobilität. Die Politik sollte einen entsprechenden Wettbewerb initiieren.

Wer geht im Moment mit gutem Beispiel voran?

In NRW setzt Aachen mit dem elektrischen Street Scooter Zeichen. Der Ministerpräsident kommt aus Aachen. Da ist einiges vorstellbar. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass andere Regionen anklopfen, wenn klar ist, dass der politische Wille für so ein Modellprojekt vorhanden ist. Ich bin da sehr optimistisch.

Und wie wird die Mobilität der Zukunft aussehen?

Sie wird autonom, elektrisch und sehr viel ökologischer und kostengünstiger als heute sein, weil wir Automobile effizienter nutzen und sie besser in einen Verkehrsmix einbinden. Gerade für die Anbindung ländlicher Gebiete mit einer alternden Bevölkerung bietet diese Mobilität besondere Chancen. Mit ihr bleibt man beweglich, ohne dass man selbst ein Auto steuern muss.

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