Heißluftballon

Diskussion um Sicherheit bei Heißluftballon-Fahrten

Der Heißluftballon liegt an der Unfallstelle bei Marsberg-Bredelar..

Der Heißluftballon liegt an der Unfallstelle bei Marsberg-Bredelar..

Foto: Foto: Feuerwehr Marsberg / dpa

Arnsberg/Marsberg.  Zwei schwere Unfälle mit Heißluftballonen im Raum Marsberg innerhalb von vier Jahren: Nun wird über die Sicherheit der Luftfahrzeuge diskutiert.

Den Tag der mündlichen Verhandlung vor dem Landgericht Arnsberg hat der Professor aus dem Kreis Paderborn nicht mehr erlebt. Der Mann, der seit einem Unfall mit einem Heißluftballon bei Marsberg-Westheim am 1. August 2015 querschnittsgelähmt war, ist vor Wochen im Alter von 78 Jahren gestorben. „An den Folgen des Unfalls“, verweisen seine Witwe und deren Anwalt Marc O. Melzer auf den Obduktionsbericht. Die Witwe führt den Rechtsstreit gegen das Ballonfahrtunternehmen und den Piloten fort.

„Es war ein tragischer Unglücksfall, für den niemand Verantwortung trägt“, sagt Laurent Westermeyr, Münchner Anwalt der Haftpflichtversicherung des beklagten Unternehmers aus Ostwestfalen, am Donnerstag im Sitzungssaal 134 des Arnsberger Landgerichts. Der Jurist verweist auf das der 1. Zivilkammer vorliegende Gutachten. Der Sachverständige Klaus Hartmann sieht keine Fehler des Piloten bei der auf einem Paderborner Flugplatz gestarteten Fahrt – sehr zum Missfallen der Klägerseite: „Hier wird versucht, aus einem Unfall ein Unglück zu machen, für das niemand etwas kann“, so Anwalt Melzer.

Heißluftballon fängt Feuer

Fast vier Jahre nach dem Unfall hat es in Marsberg – diesmal im Stadtteil Bredelar – wieder einen schweren Unfall mit einem Heißluftballon gegeben. Bei der Landung am Dienstagabend hatte der Ballon Feuer gefangen, die elf Insassen wurden zum Teil schwer verletzt. Seitdem wird über die Sicherheit bei den Luftgeräten diskutiert. „Ich bleibe dabei: Der Heißluftballon ist eines der sichersten Luftfahrzeuge“, sagt Torsten Sprenger, 1. Vorsitzender des Vereins Happy Ballooning im Montgolfiade-Ort Warstein, „da brauchen Sie sich nur die Unfallzahlen der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) anzuschauen“. Die vergleichsweise geringe Zahl an Zwischenfällen hätte viel mit „Sicherheiten im System“ zu tun. Beispiel: „Fällt einmal der Brenner aus, ist da noch der zweite, der dann in Betrieb genommen werden kann. Stellt der Motor eines Flugzeugs den Betrieb ein, sieht es da ganz anders aus.“

Der Ballonfahrer-Ausbilder aus Warstein will nicht „aus der Ferne“, wie er sagt, den aktuellen Unfall im Hochsauerland beurteilen. Grundsätzlich verweist er auf die hohen Sicherheitsstandards in Deutschland. Die Ballone müssten spätestens alle 100 Fahrstunden oder ein Mal im Jahr zum TÜV. Sollte das kleinste technische Problem auftauchen, muss das Luftgerät zur Überprüfung oder Reparatur in einen spezialisierten, sogenannten CAMO-Betrieb. „Der liegt für mich in Lübeck.“ Durch die kurzen Kontroll-Intervalle sei die Gefahr von Materialermüdungen oder technischen Defekten eher gering, sagt Sprenger.

Strenges Standardverfahren für Piloten

Und was ist mit dem Faktor Mensch? „Diejenigen, die einen Ballon führen, sind bestens ausgebildet und müssen jährlich ihre Tauglichkeit erneut unter Beweis stellen.“ Bevor man zum ersten Mal als gewerblicher Pilot mit einem Ballon aufsteigen könne, habe man bereits 100 Landungen hinter sich. Zudem gelte es, ein Mal pro Jahr eine Überprüfungsfahrt zu absolvieren, bei der der Pilot auf den neuesten Ausbildungsstand gebracht wird. Das strenge Standardverfahren, 2016 eingeführt, sehe beispielsweise vor, dass bei der Landung vor dem Bodenkontakt der Brenner aus sein muss – um etwaige Brände bei harten Aufprallen zu vermeiden. Torsten Sprenger will nicht ausschließen, dass es da auch beratungsresistente Kollegen geben kann. „Die sagen sich womöglich: ,Das habe ich immer schon so gemacht und bin noch nie vom Himmel gefallen’.“

Stichwort Verantwortung des Piloten: „Mein Credo ist: Ich möchte heile wieder runter kommen. Das Finanzielle darf nie über der Sicherheit stehen“, sagt der Warsteiner Pilot. Das heißt: Hat er nur die leisesten Zweifel an der Wetterlage, bleibt er am Boden. Sprenger gibt zu, dass insbesondere Piloten kommerzieller Anbieter mit Blick auf Verdienstausfälle schon mal Gewissensbisse bekommen und Fünfe gerade sein lassen könnten. Ähnlich bei der Zahl der Mitfahrer: „Natürlich kann man mit einem pickepackevollen Ballon starten. Ich vergleiche die ,Fahrweise’ immer mit dem Autoverkehr. Es ist schwieriger, einen Golf durch eine Kurve zu bringen, wenn sechs Leute mit jeweils 110 Kilo im Inneren sitzen als drei Menschen mit 70 Kilo.“

Im Zweifel für die Sicherheit

Willy Lingenauer ist ebenfalls seit vielen Jahren Heißluftballon-Pilot. Er hat die mündliche Verhandlung im Landgericht Arnsberg verfolgt und ist nicht der Gutachter-Meinung, dass die Fahrt am 1. August 2015 fehlerlos war. „Bei richtiger Auslegung der äußeren Bedingungen durch den Piloten kann unter normalen Umständen nichts passieren“, sagt er über sein großes Hobby. „Ich sage immer: Das Wetter ist schwanger. Es kann sich immer etwas verändern.“ Da sei es die Kunst des Piloten, „im Zweifel für die Sicherheit die geplante Fahrt abzusagen“.

Bei der „normal verlaufenden Fahrt“ vor fast vier Jahren, so die Auffassung von Gutachter Klaus Hartmann, ist der Korb beim Landevorgang in eine tiefere, langsamere Luftschicht als die Ballonhülle eingedrungen. „Diese starke Windscherung war von dem Piloten vorher nicht zu erkennen.“ Jedenfalls sei der Korb deshalb hart aufgesetzt, und die Passagiere hätten einen „starken Impuls nach vorne“ bekommen und könnten daher mit Wucht gegeneinander geprallt sein.

Während das Gericht die Aussagen des Sachverständigen schlüssig findet, spricht der Anwalt der Klägerseite von einem „einseitigen und nicht überzeugenden Gutachten“. Die Kammer will in Kürze ihr Urteil verkünden. Die juristische Auseinandersetzung um den Heißluftballon-Unfall bei Marsberg-Westheim dürfte damit noch nicht abgeschlossen sein.

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