Blaulicht

Tödlicher Schuss auf Kirmes: Verdächtiger erst 16 Jahre alt

| Lesedauer: 8 Minuten
Spezialkräfte der Polizei führen den 16-Jährigen nach der Festnahme in Lüdenscheid ab.

Spezialkräfte der Polizei führen den 16-Jährigen nach der Festnahme in Lüdenscheid ab.

Foto: Alex Talash

Lüdenscheid.  Auf der Kirmes in Lüdenscheid ist ein Mann erschossen worden – er war ein Zufallsopfer. Gegen einen Jugendlichen ist Haftbefehl erlassen worden.

Der Tatverdacht gegen einen Jugendlichen aus Lüdenscheid hat sich erhärtet: Am Amtsgericht wurde am Dienstag ein Haftbefehl wegen vorsätzlichen Totschlags gegen ihn erlassen, er bleibt in Haft. Der 16-Jährige soll auf der örtlichen Kirmes am Samstagabend die tödlichen Schüsse auf einen 40-Jährigen aus Gummersbach abgegeben haben.

Der wurde somit offensichtlich und tragischerweise zu einem Zufallsopfer. Denn nach einem Streit mit einem anderen 16-Jährigen und dessen Vater soll der nun festgenommene Jugendliche eigentlich in deren Richtung gezielt haben.

Mit seinen 16 Jahren würde bei dem Tatverdächtigen bei einer möglichen Verurteilung Jugendstrafrecht angewendet, bei dem der Erziehungsgedanke im Vordergrund steht. Nichtsdestotrotz könnte dem Gesamtschüler eine mehrjährige Jugendstrafe drohen.

Vor dem Haftrichter hat der 16-Jährige geschwiegen, also keine Angaben zu den Vorwürfen gemacht. Das erklärte seine Verteidigerin, Günel Celik gegenüber der WESTFALENPOST: „Wir machen derzeit auch keine weitere Angaben.“

Mutmaßlicher Schütze wohnt etwa 35 Minuten entfernt vom Tatort

Der mutmaßliche Schütze war nach den bisherigen Angaben am Samstagabend zunächst mit fünf weiteren jungen Männern geflohen. Im Laufe des Montags gelang es den Ermittlern dann aber, die Identität des Jugendlichen und dessen Wohnort herauszufinden. Am Abend griffen Spezialeinsatzkräfte (SEK) der Polizei in der Lüdenscheider Innenstadt – zu Fuß gut 35 Minuten vom Tatort entfernt – bei strömendem Regen zu.

Mit Helm und schusssicheren Westen geschützte Polizeibeamte verschafften sich Zutritt zu der Wohnung. Widerstand leistete der junge Mann aber nicht. Er lebt dort offensichtlich noch mit seinen Eltern und mit Geschwistern zusammen in einem gepflegt wirkenden Mehrfamilienhaus. Die Tatwaffe wurde bei der Durchsuchung der Wohnung und zweier Pkw nicht gefunden. Nach den fünf weiteren Mitgliedern der Gruppe, die am Samstagabend mit dem Tatverdächtigen auf der Kirmes waren, wird weiter gesucht

Die Vorgeschichte des tragischen Falls:

Die Tat: Wie ein 40-Jähriger ein Zufallsopfer wurde

Als das Feuerwerk Samstagnacht in den Himmel über Lüdenscheid steigt, ist der 40-Jährige erst kurze Zeit tot. Und als am Sonntagnachmittag der Festzug des Bürger-Schützen-Vereins auf den Kirmesplatz „Hohe Steinert“ einzieht, da wissen die Allermeisten noch immer nicht, welche Tragödie sich wenige Stunden zuvor und wenige Meter entfernt abgespielt hat. Ein Mann aus Gummersbach hat sein Leben verloren. Er ist offensichtlich zufällig das Opfer eines jungen Mannes geworden, der in die Menge geschossen hat.

„Wir ermitteln noch, ob es eine Verbindung zwischen dem Getöteten und den anderen Beteiligten gab“, sagt Staatsanwalt Thomas Wünnenberg der WESTFALENPOST. „Aber bislang deutet alles darauf hin, dass er ein völlig Unbeteiligter war.“

Wer dieser 40-Jährige war, ist weitgehend unbekannt. Ob er Angehörige hinterlässt, ob er verheiratet war, Kinder hatte, in Gesellschaft auf der Kirmes war: die Staatsanwaltschaft schweigt dazu. Klar wird am Montag nach der Tat aber immer mehr, warum dieses Verbrechen erst mit fast 24 Stunden Verzögerung einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird, obwohl es in aller Öffentlichkeit geschehen ist.

Vater schreitet ein, nachdem sein Sohn attackiert wird

Fakt ist bislang: An diesem Samstagabend, an dem die Kirmes nach zwei Jahren Corona-Zwangspause endlich an den Start gehen kann, kommt es zu einer körperlichen Auseinandersetzung. Nicht mit dem 40-Jährigen, der später stirbt. Er spielt gegen 20.30 Uhr wohl noch gar keine Rolle. Vielmehr gerät am Eingang des Festgeländes, dort, wo parallel in einer Halle das Schützenfest gefeiert wird, ein 16-jähriger Lüdenscheider in Streit mit einer Gruppe von sechs jungen Männern, die später als etwa 16 bis 20 Jahre alt und südländisch aussehend beschrieben werden.

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Die Attacke ist zunächst recht schnell vorbei, als der Vater (52) des 16-Jährigen hinzukommt und die Sechser-Gruppe zur Rede stellen will. Die jungen Männer fliehen in Richtung der benachbarten Aral-Tankstelle, doch zwei von ihnen zücken auch Waffen. Zeugenaussagen und die gefundenen Projektile weisen darauf hin, dass es sich in einem Fall um eine Schreckschusswaffe handelt, erklärt Staatsanwalt Thomas Wünnenberg. Im anderen Fall ist es eine scharfe Waffe. Das wird brutal unter Beweis gestellt.

Obduktion bringt die schreckliche Gewissheit

Die beiden Männer schießen in die Luft, aber auch in Richtung des 16-Jährigen und seines Vaters. Die treffen sie zwar nicht, aber in unmittelbarer Nähe bricht ein Mann zusammen: der 40-Jährige aus Gummerbach. Es gehört zu den Wirrungen dieses Abends, dass zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar ist, dass er eine Schussverletzung erlitten hat. Es gibt keine klaffende Wunde, auch ein internistischer Notfall scheint möglich. Rettungskräfte bringen den Mann ins Krankenhaus, dort stirbt er aber.

Aus Ermittlerkreisen ist zu hören, dass auch für die Polizei lange Zeit die Lage ziemlich unklar ist. Es werden zwar zusätzliche Kräfte angefordert, auch die Spurensicherung ist vor Ort – aber noch könnte es sich auch um eine Auseinandersetzung handeln, wie sie öfter am Rande von Großveranstaltungen vorkommen – mit einem medizinischen Notfall am Rande. Die erschreckende Gewissheit kommt erst am nächsten Mittag: Bei der Obduktion des 40-Jährigen wird das Projektil der scharfen Waffe in seinem Körper gefunden. Es hat mehrere Organe zerstört. Der Gummersbacher hatte keine Chance.

Schützenverein bekommt zunächst nichts mit von Verbrechen

Bei Thomas Jacob kommen diese Informationen erst am Sonntag an und zunächst nur gerüchteweise. Jacob ist seit 53 Jahren Mitglied der Bürger-Schützen und heute deren Vorsitzender. Er ist auch selbst Schausteller, betreibt einen Stand für gebrannte Mandeln und Getränke. „Schrecklich ist das. Ganz schrecklich“, sagt er. „Aber wir haben nichts mitbekommen, wir haben im Saal die Königsproklamation gefeiert, als es passiert ist.“

Auch am nächsten Tag, als um 14.30 Uhr der Festzug auf das Kirmesgelände marschiert, als der „Breakdance“ sich wieder dreht und „Apollo 13“ die Menschen durch die Luft wirbelt, habe man noch nichts Konkretes gewusst. Erst durch einen Anruf von Bürgermeister Sebastian Wagemeyer wird er über ein Tötungsdelikt informiert. „Mit uns als Kirmes-Verantwortliche haben Polizei und Staatsanwaltschaft nicht gesprochen“, sagt Thomas Jacob.

Absage der Kirmes für Organisatoren keine Option

Am frühen Sonntagabend erst kommt die Polizei-Mitteilung und eine erste vage Täterbeschreibung (siehe unten). Am Montag dann sagt Staatsanwalt Thomas Wünnenberg, dass sich noch weitere Zeugen gemeldet hätten, dass man mit Hochdruck ermittle. Es gebe auch Videoaufnahmen, die man nun auswerte. Vielleicht kam es so zu dem Fahndungserfolg am Montagabend.

Die Kirmes zu stoppen, die für sich als „größte im Sauerland“ wirbt, seit 113 Jahren zum Schützenfest stattfindet und noch bis zum 29. Mai läuft, sei keine Option gewesen, so Organisator Thomas Jacob. „Natürlich ist es schwierig, richtig zu reagieren. Aber eine Absage wäre nicht richtig. Man sieht ja, wie sehr die Menschen die Kirmes in zwei Jahren Pandemie vermisst haben. Es ist auch heute proppenvoll.“

>> INFO: Die Täterbeschreibung

Die sofort gebildete Mordkommission der Polizei Hagen hofft nun mit einer Öffentlichkeitsfahndung dem Schützen auf die Spur zu kommen. Die Ermittler suchen nach den Flüchtenden mit diesen Merkmalen:

  • südländischer Phänotyp
  • 16 bis 20 Jahre alt
  • vier Personen dunkel gekleidet
  • eine Person mit grauem Jogginganzug, eine mit weißen T-Shirt
  • Zeugen wenden sich an die Polizei in Hagen unter 02331-9862060

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