PCB-Belastung

Familie in Angst vor PCB: "Die Ungewissheit ist schlimm"

Familie in Sorge: Oliver Popp mit seiner schwangeren Frau Dina Lehmann und Töchterchen Annabelle in ihrem Garten in Ennepetal. 700 Meter Luftlinie sind es bis zur Firma, wo das PCB entsteht.

Familie in Sorge: Oliver Popp mit seiner schwangeren Frau Dina Lehmann und Töchterchen Annabelle in ihrem Garten in Ennepetal. 700 Meter Luftlinie sind es bis zur Firma, wo das PCB entsteht.

Foto: MATTHIAS GRABEN / FUNKE Foto Services

Ennepetal.  Wegen PCB-Belastung lebt eine Familie in Ennepetal in Sorge. "Wir können nicht einschätzen, was da vor sich geht." Keiner weiß das so richtig.

  • In Ennepetal fürchten Anwohner um ihre Gesundheit
  • Deutlich höhere PCB-Werte in der Gegend nachgewiesen
  • Kreis: angebautes Blattgemüse nur eingeschränkt verzehren

Die Sorge hat sich längst breit gemacht im Alltag von Dina Lehmann. Sie ist sofort da, wenn die 33-Jährige nur die Fenster öffnen möchte. Dann fragt sie sich: „Kommt das Zeug jetzt rein oder nicht?“ Mit Zeug meint sie: PCB. Abkürzung für Polychlorierte Biphenyle, zweifelsfrei Stoffe, die Krebs auslösen können.

Deutlich erhöhte Werte sind in der Gegend nachgewiesen. Eine Firma in der Nähe produziert sie. Versehentlich. Aber was ändert das für die Familie und all die anderen, die betroffen sind?

Dina Lehmann schenkt Kaffee nach. Sie wohnt mit ihrem Mann Oliver Popp (39) und Tochter Annabelle nahe dem Industriegebiet Oelkinghausen in Ennepetal. Vor viereinhalb Jahren sind sie hergezogen. Sie war gerade schwanger, die Familie wollte ankommen, irgendwo zu Hause sein, wo es ein bisschen ländlich ist, wo die Kinder unbeschwert groß werden können.

PCB: Alle Beteiligten stecken in einem Dilemma

Sie nahmen einen Kredit auf, kauften ein Haus, renovierten und sanierten. Noch ist nicht alles fertig, aber es ist ihr Zuhause. Annabelle hatte neulich Geburtstag. Ein großer Helium-Ballon mit der Form einer 4 drückt sich über dem Esstisch unter die Zimmerdecke. In wenigen Wochen kommt ein Brüderchen zur Welt. Auf dem Boden stehen drei elektrische Luftreiniger, die die Familie jüngst angeschafft hat.

„Die Ungewissheit ist schlimm. Wir können nicht einschätzen, was da vor sich geht“ sagt Dina Lehmann. Keiner weiß das gerade so richtig. Das ist ja das Dilemma, in dem alle stecken: der Firmen-Chef mit seinen rund 500 Angestellten, der Ennepe-Ruhr-Kreis, die Landes- und Bundesministerien und Experten verschiedener Couleur.

Aber es ist eben auch ein Dilemma für Anwohner wie Dina Lehmann. Sie fragt: „Was geschieht mit unseren Kindern? Die sind klein und können sich nicht wehren.“ Sie blickt kurz aus dem Fenster, der Blick fällt auf ein kleines Waldgebiet. Dahinter produziert die Firma. „Wir haben das Gefühl, dass unser Kind hier zu Hause oft krank ist und es ihm besser geht, wenn wir einige Tage woanders sind.“

Dann, sagen Mama und Papa, seien die Augen weniger geschwollen, die Atemwege freier. Sie hatten die Bausubstanz im Verdacht. Nun das PCB. Ist das angebracht? Ist das Einbildung? Zumindest ist es eine reale Angst.

Es schneit weiße Flocken

Alles fing im Oktober 2018 mit diesen weißen Flocken an. Watteartig wurden sie beschrieben. Sie landeten nicht bei Frau Lehmann im Garten, aber in anderen Gärten im Umkreis. Das Landesumweltamt begann Untersuchungen. Es fand: PCB 47, eine Art, über die toxikologisch nichts bekannt ist, was Ennepetal zu einer Art Präzedenzfall in Deutschland macht. Und es fand das Unternehmen, das es verursacht: biw, eine Firma, die Silikon verarbeitet und Kunststoffleitungen für die Automobil- und Raumfahrtindustrie liefert. Abgase dieser Firma, so wiesen es die Experten vom Landesumweltamt nach, hätten einen um den Faktor 1000 höheren Gehalt an PCB aufgewiesen als es die Firma erwartet hatte. Nun ist die Sache in der Welt, in der Luft, im Boden.

Proben der Böden und von Gewächsen belegen Werte, die bis zu 14 Mal höher sind als normalerweise. Nachgewiesen allerdings im Gewerbegebiet, nicht in Wohngebieten. „Eine akute Gefährdung der Bürger liegt nicht vor“, sagt deshalb Landrat Olaf Schade (SPD). Der Kreis hat zwei Gefahrengebiete rund um die Firma markiert, in denen vom Verzehr von selbst angebautem Obst und Gemüse gänzlich oder teilweise abgeraten wird. Ansonsten gibt es zunächst keine Einschränkungen.

Kreis bietet Anwohnern kostenlose Bluttests an

Dina Lehmann und ihr Mann fühlen sich mit ihren Sorgen nicht ernst genommen, fühlen sich nicht gut informiert vom Kreis. 700 Meter Luftlinie trennen sie von der Firma biw. Sie wissen nicht einmal genau, ob sie nun im Gefahrengebiet leben oder nicht. Das tun sie. Aber selbst wenn nicht: Die Angst macht vor behördlichen Grenzlinien eben nicht Halt. Mit Annabelle gehen sie schon länger nicht mehr auf den Spielplatz in der Nähe, sondern setzen sich ins Auto und fahren ein Stück.

Allen etwa 900 Bewohnern des Gefahrenbereichs werden zeitnah kostenlose Bluttests angeboten. Das Gesundheitsamt arbeitet gerade aus, wie das logistisch zu machen ist. „Es sind eine Vielzahl von Vorgaben zu beachten“, heißt es vom Kreis. Es müsse eine größere Menge Blut abgenommen werden, die Proben müssen schnell gekühlt und höchst sorgsam ins Labor transportiert werden. 1000 Euro kostet ein Bluttest. Eine Million Euro könnte zusammenkommen. „Wir prüfen natürlich die Regresspflicht der Firma biw“, sagt Wolfgang Flender vom Fachbereich Umwelt beim EN-Kreis. Annabelles Papa versteht nicht, warum die Produktion nicht längst stillgelegt ist, zumindest vorübergehend. „Man müsste das sofort stoppen, bis alles geklärt ist.“

Produktionsprozess umstellen

Firmeninhaber Ralf Stoffels hat Verständnis für die Sorgen der Bürger: „Es macht keinen Sinn zurückzublicken und zu fragen, welches PCB ist mehr oder weniger kritisch“, sagt er. Die Arbeitsschutzbehörde des Landes hat dem Unternehmen bereits Auflagen erteilt. Inzwischen wurde der Fall an die Staatsanwaltschaft abgegeben.

Ungeachtet dessen wolle man bei biw die Produktion so schnell wie möglich umstellen und auf Chlor im Prozess verzichten, so dass kein PCB mehr entstehen würde. Seit Herbst werde bereits an der Verbesserung der Abluftanlage gearbeitet. Weil dieser Stoff Neuland ist, sei Abhilfe von heute auf morgen allerdings schwierig. Eine Landesumweltbehörde gehe gar von bis zu zwei Jahren aus.

Andere Bundesländer sind informiert

Es ist davon auszugehen, dass der Fall in Ennepetal weitreichende Folgen haben wird. „Derzeit werden potenzielle vergleichbare betriebliche Anlagen in NRW ermittelt“, teilt das Landesumweltministerium auf Anfrage mit. Laut Arbeitsschutzbehörde wurde bereits mit Überprüfungen von Firmen begonnen, die mit gleichen Verfahren arbeiten. Auch die anderen Bundesländer seien bereits über den Zusammenhang informiert worden.

Dina Lehmann kommt aus Ennepetal. Aber sie überlegt, ob sie nicht wegziehen soll mit ihrer Familie. Sie seien auf der Suche nach einer Wohnung, zumindest für den Übergang. Sie weiß, dass das hysterisch wirken könnte, dass sich vielleicht irgendwann herausstellen könnte, dass alles halb so schlimm war. Aber was wenn nicht? „Ich will hier nicht weg, wir haben in unsere Zukunft und in die der Kinder investiert.“ Viel investiert. Eine zweite Wohnung sei auch eine Geldfrage, sagt ihr Mann.

Verkaufen könnten sie das Haus, klar. „Aber wer will hier denn gerade was kaufen?“

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