Bildung

Gesamtschulen in NRW weisen tausende Kinder ab

Der Run auf die Gesamtschulen in NRW ist enorm.

Der Run auf die Gesamtschulen in NRW ist enorm.

Foto: Frank Molter

Hagen.   Hagen, Siegen und Iserlohn müssen massenhaft Kinder wegschicken. Landeselternschaft fordert Investitionen – und rät Eltern von einer Klage ab.

So bedauerlich das ist, Frank Grabowski kann es derzeit einfach nicht ändern. „Wenn in der Anmeldewoche die Eltern mit ihren Kindern kommen, dann ist da niemand dabei, den wir nicht gern aufnähmen“, sagt der Leiter der Gesamtschule Eilpe in Hagen. Allein: Er kann es nicht. 108 Plätze hatte er für die kommende fünfte Klasse zu vergeben. 179 Kinder waren angemeldet worden. Ein Überhang von 71. Von den drei Gesamtschulen Hagens bekamen insgesamt 102 Kinder eine Absage. Nur ein Beispiel. Der Run auf die Gesamtschulen in NRW ist erneut enorm – mit unschönen Folgen.

„Viele Schulträger haben die Entwicklung komplett verschlafen“, schimpft Ralf Radke, der Vorsitzende der Landeselternschaft für Gesamtschulen. Was er besonders schlimm findet: „Viele Kinder bekommen nicht die Chance, ihre gewünschte Schulform zu besuchen.“ Manche müssten auf das Gymnasium ausweichen, anderen wird die Haupt- oder die Realschule nahegelegt. „Aber die laufen ja auch über“, so Radke.

2018 fehlten 9000 Plätze

Im vergangenen Jahr standen nach Zahlen des Schulministeriums knapp 50.000 Anmeldungen für einen Platz an einer der rund 300 öffentlichen Gesamtschulen in NRW nur gut 41.000 beabsichtige Aufnahmen gegenüber. Und in diesem Jahr sieht es nach ersten Zahlen aus den Städten kaum anders aus. In vielen Kommunen ist die Lage kritisch. Allein in Essen müssen die Gesamtschulen wohl mehr als 200 Schüler abweisen. In Köln werden wohl rund 780 Anmeldungen abgewiesen. In Siegen mussten – trotz der Eröffnung einer dritten Gesamtschule – ebenfalls 102 Kindern abgesagt werden. Die Gesamtschule Seilersee in Iserlohn hatte einen Überhang von 56.

„Immer mehr Eltern entscheiden sich für eine Gesamtschule, weil sie wissen, dass das längere gemeinsame Lernen besser ist für ihr Kind. Und zwar unabhängig von der Grundschulempfehlung“, erklärt Dorothea Schäfer, Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, die Entwicklung. Die Beliebtheit der Gesamtschule begründe sich darin, dass sie „alle Bildungsabschlüsse anbietet. Und: Wir halten die Laufbahn lange offen für jene, die sich später entwickeln“, sagt Schulleiter Grabowski.

Mangel erkannt

Die Landesregierung hat den Mangel erkannt. „Es besteht in vielen Teilen Nordrhein-Westfalens ein Bedarf an zusätzlichen Plätzen“, sagt Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Das Ministerium verweist jedoch auf die Verantwortung der Kommunen. Nur sie hätten die örtlichen Kenntnisse. „Die Entscheidungsgewalt über konkrete schulorganisatorische Maßnahmen liegt allein bei den Schulträgern“, betont das Ministerium.

Ralf Radke will das nicht gelten lassen. „Das Land macht sich einen schlanken Fuß“, entgegnet er. Zwar weiß er um die Zuständigkeiten, doch müsse das Land den Kommunen bei den Investitionen stärker helfen. Zumal der Ansturm auf die Gesamtschulen die ohnehin umstrittene Inklusion weiter erschwere. Vor allem die Real- und Gesamtschulen trügen die Hauptlast beim gemeinsamen Lernen von behinderten und nicht behinderten Schülern, erklärt er.

Klagen? Besser nicht

Doch zum Gesamtbild gehört auch, dass manche Schulen viel zu viele Anmeldungen verzeichnen, während andere in der Stadt unter ihrer möglichen Auslastung bleiben. Die zweite Gesamtschule in Iserlohn hatte noch 28 freie Plätze zu vergeben. In Olpe haben die beiden Gesamtschulen noch etliche freie Plätze. Der Hochsauerlandkreis ist der einzige Kreis in NRW, in dem es keine einzige Gesamtschule gibt. Dort weichen Kinder sogar nach Willingen in Hessen aus. Problem: anderes Bundesland, andere Ferientermine. Von einer Klage im Falle einer Abweisung rät Elternsprecher Radke indes ab: „Das trifft die Falschen, nämlich die jeweilige Schulleitung.“

Mehr Plätze sind zumindest in Hagen in Arbeit. Die Gesamtschule Eilpe von Frank Grabowski soll bald noch mehr Schüler aufnehmen können. Ein Neubau ist in Planung. Damit er in Zukunft weniger Kinder wegschicken muss.

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