Herdenschutzhund

Herdenschutzhunde sind die Bodyguards der Schafe

Ralf Bauer bildet seit fünf Jahren Herdenschutzhunde für seinen Betrieb aus.

Ralf Bauer bildet seit fünf Jahren Herdenschutzhunde für seinen Betrieb aus.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Udorf.  Herdenschutzhunde sollen den Wolf von Schafherden fernhalten. Ein Besuch bei Schäfer Ralf Bauer aus Udorf im Sauerland.

Eine Landstraße, kurz hinter Udorf, einem kleinen Dorf im Hochsauerland, das zu Marsberg gehört. Entlang der Straße liegt ein Hang, auf dem gerade eine Herde Schafe grast. Ein Auto nähert sich, zwei Hunde laufen los. Sie bellen und geben erst Ruhe, als das Auto aus ihrem Blickfeld verschwindet. Nun ist ein Auto kein Wolf, aber „das ist ein typisches Abwehrverhalten von Herdenschutzhunden“, sagt Schäfer Ralf Bauer. Vor fünf Jahren hat der 54-Jährige begonnen, seine Schafe von diesen speziellen Hunden beschützen zu lassen. Aus Angst vor dem Wolf. „Noch ist er nicht hier“, sagt er, „aber er wird kommen. Und dann möchte ich vorbereitet sein.“

Wolfsriss – die wohl schlimmste Vorstellung, die Schäfer und Weidetierhalter mit der Rückkehr des Wolfes verbindet. Erst vor wenigen Wochen bestätigte das NRW-Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Wolf-Nachweise in den Kreisen Olpe und Lippe. Auch die Senne in Ostwestfalen, nicht weit von Udorf entfernt, ist mittlerweile als Wolfsgebiet ausgewiesen. Schäfer Ralf Bauer bekommt also amtlich bestätigt, dass der Wolf auch seinen Tieren immer näher kommt. Einen stabilen Elektrozaun habe er schon immer gehabt. Doch im Idealfall kommt der Wolf erst gar nicht an seine Schafe heran. Wegen seiner Hunde.

Die schlimmste Vorstellung: Verletzte oder verendete Tiere

Wolfsrisse – die schlimmste Vorstellung, die Schäfer und Weidetierhalter mit der Rückkehr des Wolfes verbinden. Verendete oder verletzte Tiere bedeuten auch einen finanziellen Schaden für die Halter. Ralf Bauer züchtet beispielsweise Röhnschafe, eine alte, vom Aussterben bedrohte Rasse. „Der Verlust eines dieser Tiere hätte üble finanzielle Folgen für uns.“ Seine knapp 1000 Tiere werden nun von insgesamt sechs Herdenschutzhunden bewacht. Und die sind ganz anders als Hütehunde.

Während die nämlich auf Befehle hören, haben Herdenschutzhunde ihren eigenen Willen. „Wenn sie eine Gefahr für ihre Herde wittern, sind sie weg“, sagt Ralf Bauer. Und wenn die Gefahr ein Wolf ist? Herdenschutzhunde wehren Angreifer zunächst durch Bellen ab, aggressiv reagieren sie nur, wenn sie sich selbst angegriffen fühlen. Doch für den Wolf soll das schon ausreichen, sagt Schäfer Bauer. „Es ist nicht so, dass der Wolf dann Angst hat. Aber der Wolf geht immer den Weg des geringsten Widerstandes. Und deswegen reißt er lieber irgendwo ein Wildschwein, als sich mit diesen Hunden anzulegen.“

Bis zu 80 Zentimeter werden Herdenschutzhunde hoch und je nach Rasse und Geschlecht bis zu 60 Kilogramm schwer. Ralf Bauer hat sich bei seinem ersten Rüden für eine Mischung aus Pyrenäenberghund und Maremmano-Abruzzese entschieden. In Deutschland sind diese beiden Rassen für den Herdenschutz beliebt. Insgesamt, schätzt Bauer, gebe es in NRW 50 bis 70 Herdenschutzhunde. Seinen ersten bekam Ralf Bauer von einem Kollegen aus Dortmund. Zwei Würfe hat es bisher gegeben. Behalten hat der 54-Jährige nur vier Welpen. Die anderen hat er nach Sachsen vermittelt.

Die Herde niemals verlassen

Die Hunde-Welpen werden häufig bei den Schafen im Stall geboren. „So sehen sie die Schafe sofort als Teil ihres Rudels, das sie beschützen“, erklärt Bauer. Ein spezielles Training für Herdenschutzhunde gebe es nicht. „Sie entscheiden selbstständig, das ist ihr großes Plus.“ Allein durch den Kontakt mit der Herde werden die Tiere sozialisiert. „Normale Hunde würden dort vereinsamen.“ Dennoch gibt es Regeln, an die sich auch ein Herdenschutzhund halten muss. „Einen Zaun akzeptieren beispielsweise. Hunde, die ihre Herde verlassen, taugen nicht zum Herdenschutz.“

Bis sich Hund und Herde aufeinander eingespielt haben, dauere es Jahre. Jeden Abend fährt der Schäfer zu seinen Tieren, um seine Herdenschutzhunde zu füttern. Das nimmt zusätzlich Zeit in Anspruch. „Man braucht viel Liebe und Geduld“, sagt er.

Fixkosten pro Hund bis zu 1200 Euro

Und noch etwas braucht Ralf Bauer – die finanziellen Mittel. Denn die aufmerksamen Tiere sind nicht günstig. Das bestätigt Nicole Benning vom „Verein für arbeitende Herdenschutzhunde in Deutschland“: „Die Fixkosten pro Hund können sich bis auf 1200 Euro pro Jahr belaufen. Darunter sind Tierarztkosten und das Futter zu verstehen.“ 20 Herdenschutzhunde leben derzeit bei den Bennings in Niedersachsen. Rund 11 Tonnen Futter wurden im vergangenen Jahr verbraucht.

Schäfer, die in ausgeschriebenen Wolfsgebieten oder Wolfsverdachtsgebieten leben, bekommen eine Förderung bei der Anschaffung eines Herdenschutzhundes. Dabei werden laut „Förderrichtlinie Wolf“ des NRW-Umweltministeriums bis zu 100 Prozent der Kosten übernommen. Eines der Gebiete liegt in Ostwestfalen. „Bei uns ist die Nachfrage nach den Fördermitteln aber gleich Null“, heißt es aus der Pressestelle der Bezirksregierung Detmold. Woran das liege, wisse man nicht. Auch bei der Bezirksregierung Arnsberg liegen keine Anträge vor. Das hänge jedoch damit zusammen, dass es dort kein ausgeschriebenes Wolfsgebiet gibt.

„Dabei wäre es sinnvoller, bereits in die Prävention zu investieren“, sagt Schäfer Bauer, „ich kann doch nicht auf einen Wolfsriss warten. Ich muss vorher etwas tun.“ Gerade streichelt er einer jungen Hündin durch das weiße Fell. Seit einem halben Jahr lebt sie bereits in der Herde. Ob er nun vermehrt Anfragen von anderen Schäfern nach den Hunden bekommt? „Nein, ich nicht. Aber bei meinen Kollegen, die züchten, merkt man das schon. Die werden ihre Welpen los.“ Vielleicht hat auch Ralf Bauer bald wieder einen neuen Wurf.

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