Schule

Informatik gegen Cybermobbing

Ein Wuppertaler Lehramtsstudent und künftiger Lehrer hat Buch über Prävention von Cybermobbing geschrieben und bietet dazu Fortbildungen für Lehrer an. Im Bild Lehramtsstudent André Hilbig mit seiner analogen Darstellung eines Sozialen Netzwerkes.

Foto: Lars Heidrich

Ein Wuppertaler Lehramtsstudent und künftiger Lehrer hat Buch über Prävention von Cybermobbing geschrieben und bietet dazu Fortbildungen für Lehrer an. Im Bild Lehramtsstudent André Hilbig mit seiner analogen Darstellung eines Sozialen Netzwerkes. Foto: Lars Heidrich

Wuppertal.   Prävention: Angehender Lehrer hat ältere Kollegen fortgebildet und mit Schülern Rollenspiele entwickelt. Er glaubt: „Es hilft, wenn man die Strukturen versteht.“

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Dass die Master-Arbeit eines Lehramts-Studenten als Buch erscheint, ist schon ungewöhnlich. Aber André Hilbig (28), Absolvent der Bergischen Universität Wuppertal und nach den Sommerferien Lehrer an einer Gesamtschule, hat sich auch ein brisantes, aktuelles Thema vorgenommen: Cybermobbing. Dazu hat er schon während seiner Referendarzeit Lehrer fortgebildet.

Weil es sich um ein ganz neues Phänomen handelt? Würde er nie behaupten: „Mobbing hat es immer gegeben. Und Opferbefragungen zeigen, dass Qualität der Verletzungen sich nicht verändert. Wohl aber die Quantität: Viel mehr Leute erfahren dank digitaler sozialer Netzwerke viel schneller, was früher nur auf dem Schulhof erzählt wurde.“ Dazu wirkten Bilder und Videos stärker als ein Gerücht. Und sie seien wiederholbar. Das heißt für Hilbig: „Es gibt neue Dynamiken.“

Die Opfer, die Lehrer und auch die Polizei wirkten hilflos

Und deshalb will er dynamisch dagegenhalten? Was hat ihn auf das Thema gebracht? Eigene Erfahrungen? Nein. Die Medien. Eine TV-Doku. Da fiel ihm etwas auf: „Weder die Mobbing-Opfer noch die Polizei oder die Lehrer verstanden, was da genau passierte. Sie wirkten hilflos, weil sie nichts von Informatik verstanden.“ Das brachte ihn auf den Gedanken: „Informatische Bildung kann wichtig sein, um Cybermobbing zu begegnen.“ Wobei er betont: „Das ist nur ein Baustein. Ich muss als Lehrer auch das Gruppengefühl stärken und Empathieverständnis vermitteln. Viele Täter wissen gar nicht, was sie anrichten.“

Die Rolle des Lehrers sei extrem wichtig: „Mobbing entwickelt sich in der Schulklasse. Deshalb muss es auch dort aufgelöst werden.“ Das war so und bleibt so. Nur nimmt die Schule jetzt einen größeren Lebensraum ein. Durch die Ganztagsschule spielen andere Umgebungen wie Vereine eine geringere Rolle.

„Die Freiräume werden weniger“, sagt Hilbig. Und: Was früher durch einen Schulwechsel zu beheben war, funktioniert nicht mehr. Hilbig: „Das Internet gibt es auch an einer anderen Schule in einem anderen Ort.“

Diese Probleme kann André Hilbig nicht lösen. Doch er glaubt: „Es hilft, wenn man die Strukturen versteht.“ Also: Welchen Weg nimmt eine E-Mail? Wie sind soziale Netzwerke aufgebaut? Was geschieht durch Algorithmen, die Gesichter erkennen oder Vorlieben auswerten? Was wird überhaupt aus den Daten? Der Master of Education, so heißt sein Abschluss, macht klar: „Facebook ist kein privater Raum.“

Mit Schülern hat er Rollenspiele entwickelt, Netzwerke analog nachgestellt, Freundschaften per Bindfäden dargestellt und Bilder geteilt. Wer konnte sie sehen? Sehr schnell alle. „Das war für viele überraschend“, sagt Hilbig. Denn was viele Ältere verwechselten, wenn sie Jugendliche an Smartphones erlebten: „Bedienkompetenz ist kein tieferes Verständnis.“

„Aber was ist die Lösung?“, fragte eine Siebtklässlerin. Nicht mitmachen könne es nicht sein, dann isoliere sie sich. Hilbig konnte ihr kein Rezept anbieten. Aber er ist sich sicher: „Um mündige Entscheidungen zu treffen und alle Elemente abwägen zu können, braucht es Kompetenz.“ Darum plädiert er für Informatik als Pflichtfach in der Schule.

Auch deshalb, weil er bei Fortbildungen die Hilflosigkeit der meisten Lehrer erlebt hat. Gewalt äußere sich nicht mehr nur als Schlägerei auf dem Schulhof, sondern größtenteils als Mobbing. Und Mobbing sei heute immer Cybermobbing. Das müssten Lehrer einschätzen können: „Wenn ein Schüler berichtet, dass er innerhalb eines Online-Spiels gemobbt wird, reicht es nicht, ihm zu sagen, er solle nicht mehr spielen. Dann muss ich wissen, wie Online-Spiele funktionieren.“

Es geht nicht ums Verhindern, sondern ums Verringern

Hilbig glaubt nicht, das Cybermobbing-Problem mit Informatikunterricht allein lösen zu können: „Mit Prävention kann ich das nicht verhindern. Aber ich kann dafür sorgen, dass es weniger wird.“ Dazu will er nun als Lehrer für Informatik und Physik an der Gesamtschule Uellendahl-Katernberg in Wuppertal beitragen.

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