Kultiviert

Januar-Blues im Homeoffice

Redakteurin Monika Willer schildert im Kultiviert die Abenteuer im Homeoffice 

Redakteurin Monika Willer schildert im Kultiviert die Abenteuer im Homeoffice 

Foto: Michael Kleinrensing / WP Michael Kleinrensing

Internet langsam, Handyakku platt, nichts läuft rund und keine Rettung in Sicht: Der Januar-Blues erwischt uns im Homeoffice mit Wucht

Was mich am Homeoffice stört, ist gar nicht mal das langsame, flackernde Internet oder dass der Handyakku sich verabschiedet hat. Es ist auch nicht die steile Lernkurve auf der Hardware-Seite des Digitalen, die ich gezwungenermaßen durchlaufen muss. Wirklich zermürbend sind vielmehr die Versuche, eine Struktur in die räumliche Zusammenführung von Arbeiten und Leben zu bringen, damit die Arbeit das Leben nicht komplett auffrisst.

Noch vor dem Zähneputzen ploppt die erste Textnachricht auf. Mal schnell gucken, ob es eilt. Oft eilt es. Dann setzt man sich im Schlafanzug an den Rechner, um das Bisschen schon mal abzuarbeiten. Um 16 Uhr stellt man hungrig fest, dass man immer noch im Schlafanzug am Rechner. sitzt. Oder nehmen wir den Versuch, eine geregelte Mittagspause einzuführen. An jedem Tag, den der liebe Gott im Homeoffice hell werden lässt, klingelt das Telefon, sobald ich einen Teller mit schnellen Nudeln auf den Tisch stelle. Also geht man kurz dran und spült eine dreiviertel Stunde später den kalten Nudelklatsch mit einem Extraplätzchen herunter.

Die Tage rasen vorbei

Die Tage rasen vorbei, einer so gleichförmig wie der andere. Selbst der Paketbote funktioniert nicht mehr als Nabelschnur zur Außenwelt, weil er die Päckchen coronasicher unten im Treppenhaus ablegt. So muss es den Astronauten in der Raumstation gehen. Oder in einem Versuchslabor mitten in der Arktis. Ich stelle mir vor, meine Wohnung wäre eine Weltraumsonde, die durchs Vakuum reist. Bestimmt sind Familien mit kleinen oder großen Kindern noch mehr mit den Nerven am Anschlag.

Beim ersten Lockdown fühlten wir uns wie Pioniere, die ein unbekanntes Land erkunden. Motiviert, willig und ein bisschen aufgeregt. Das hat sich längst abgeschliffen, denn die Dinge laufen so unrund wie nur möglich.

Nur ein Beispiel jenseits der großen Politik. Ich suche im Internet, ob mein örtlicher Computerladen einen Notfalldienst hat, wegen des platten Akkus und allem, was daran hängt. Auf der Homepage wird eine Servicenummer angegeben, mit Hagener Vorwahl. Dort melde ich mich, und ja, sie tauschen Akkus, ich soll das Gerät mal eben vorbeibringen. Die Mitarbeiterin hat zwar einen komischen Akzent, doch das macht mich nicht stutzig, denn es gibt ja auch Zuzug nach Hagen, nicht nur Stadtflucht.

Komischer Akzent? Von wegen

Ich also ins Auto, ab ins Parkhaus, durch strömenden Regen zum Laden. Der ist zu, auf die Klingel reagiert keiner. Wieder bei der Notfallnummer mit der Hagener Vorwahl angerufen. Es stellt sich heraus, dass ich die ganze Zeit mit Regensburg telefoniert habe. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen zu hinterfragen, ob es sich um das örtliche Geschäft handelt. Und die mit dem komischen Akzent sind selbstverständlich ebenfalls davon ausgegangen, dass sie mit einer Kundin in Regensburg telefonieren.

Also bezahle ich 1,50 Euro für zehn Minuten Parken und fahre unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu meiner 480er DSl-Leitung. Es ist Januar. Alle Welt hat sowieso den Blues. Man könnte die Sache mit Humor nehmen. Stattdessen fühle ich mich gedemütigt.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Selbstisolation halten wir noch lange aus, weil wir erwachsen und vernünftig sind. Aber man darf ja träumen. Heute Nacht habe ich von einer fantastischen Party geträumt, Leben und Lachen in allen Räumen, dreckige Tellerstapel in der Küche, Bierkisten auf dem Balkon und Freunde, die sich in den Armen liegen.

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