Bayreuth Festspiele

Katharina Wagner: Ich bin ein pragmatischer Mensch

Festspielchefin Katharina Wagner

Foto: Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele

Festspielchefin Katharina Wagner Foto: Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele

Bayreuth.   Katharina Wagner ist die starke Frau auf dem Grünen Hügel. Die Urenkelin Richard Wagners verrät, welche Baustellen es bei den Festspielen gibt.

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Starke Frauen haben traditionell das Sagen auf dem Grünen Hügel. Seit neun Jahren leitet Prof. Katharina Wagner die Geschicke der Bayreuther Festspiele; seit 2015 ist die 39-Jährige alleine für den Betrieb verantwortlich. Gegen ihre Ernennung gab es heftige Widerstände bei den Alt-Wagnerianern. Doch jetzt herrscht Frieden im Walhalla der Opernfans. Im Interview spricht die Urenkelin Ri chard Wagners über Erwartungen, Träume und Baustellen.

Denken Sie manchmal abends: Um Gottes Willen, was habe ich mir da nur aufgeladen?

Manchmal, wenn man eine Premierenwoche hat und man hatte vorher die Generalproben und ist notorisch im Schlafmangel, dann denkt man sich schon: Ach, jetzt würde ich so gerne im Bett liegen bleiben. Aber das Schöne ist, dass man natürlich belohnt wird, wenn die Vorstellungen gut laufen. Das soll ja genauso sein.

Es ist alles so ruhig derzeit auf dem Grünen Hügel. Die Buh-Rufer kommen kaum gegen den Applaus an.

Der Tristan hat schon polarisiert, aber das ist auch gut, es soll ja lebendig sein. Das Schlimmste ist, wenn die Leute kurz klatschen und quasi schon mit dem nächsten Büromorgen beschäftigt sind, dann hat die Aufführung sie nicht mitgenommen. Es war auch bei den Meistersingern schön, dass Reaktionen da waren.

Beim Tristan hat ein Besucher mitten in das berühmte „mild und leise“ am Schluss gebuht.

Es kann ihm ja nicht gefallen, das ist völlig in Ordnung. Wenn er nicht damit klarkommt, dass die Geschichte bei mir nicht romantisch endet oder konventionell, kann er das gerne kundtun, beim Schlussapplaus. Ich bin ja da, vor dem Vorhang, so ist es ja nicht. Aber in diese Musik reinzurufen, das ist unfassbar. Und man buht auch keine Sänger aus. Das ist unmöglich, jeder Sänger steht abends da und gibt sein Bestes. Über Interpretation von Regie können wir uns immer streiten. Dann ist es lebendiges Theater. Es muss ihm nicht gefallen, Punkt. Tristan ist „nachtgeweihter“ als Isolde. Isolde ist zumindest für mich noch nicht bereit zum Sterben, das ist noch nicht soweit. Und deswegen ist es auch die logische Konsequenz, dass Marke sie mitnimmt, in dieser Interpretation zumindest. Aber es ist vielleicht eine weibliche Sicht der Dinge.

Das Publikum scheint sich zu verändern. Es kommen andere Leute.

Das ist sicherlich auch durch den Online-Verkauf der Karten bedingt. Durch den Online-Sofort-Kauf können sich Besucher ohne lange Wartezeiten entschließen: Das interessiert mich, dann fahre ich nach Bayreuth. Das Publikum verändert sich aber aus unterschiedlichen Gründen. Wir verkaufen den Ring nur im Ganzen zum Beispiel, man muss fast zwei Wochen Urlaub dafür nehmen, und jetzt schauen Sie mal nach Amerika oder nach Asien, wie wenig Urlaub die Leute dort überhaupt haben. In Ring-Jahren sind dann die Einzelvorstellungen mehr gebucht. Auch die Frage, ob Vorstellungen am Wochenende liegen oder in der Woche spielt eine Rolle.

Was unternehmen Sie, um das Publikum von morgen zu gewinnen?

Die Kinderoper ist mir ein wichtiges Anliegen, überhaupt dass man Kinder ans Musiktheater heranführt. Das machen wir mit einer großen Liebe und Hingabe. Auch in das kindgerechte Einrichten der Oper stecken wir viel Herzblut.

Wo kommen die Kinder her? Aus dem Umkreis?

Das ist ganz unterschiedlich. Man kann sich bewerben, über eine Mail, die Kinder können ja umsonst rein. Die kommen teilweise von Hamburg und Frankfurt, das ist wirklich nicht nur regional, aber auch Schulklassen aus der Region sind dabei. Das kommt gut an

Als Alleinverantwortliche lastet noch mehr Arbeit auf Ihren Schultern.

Ja, aber sie macht Spaß. Wir haben dieses Jahr noch mal was Neues gemacht, den Meisterkurs Dirigieren, das ist eine tolle Angelegenheit. Wir haben sehr viele wirklich hochkompetente Bewerbungen gehabt, und wir haben vier jungen Dirigenten die Chance gegeben, mal in einen Festivalbetrieb reinzuschauen: Sitzproben, bei Kinderoper-Proben dirigieren, Einzelstunden mit Herrn Thielemann, mit Herrn Janowski, mit Herrn Haenchen, mal im Orchestergraben sitzen, die musikalischen Assistenten beobachten. Das ist nichts, wo der Stempel draufkommt: Wir haben was für die Jugend getan, sondern ich hatte das Gefühl, die haben Spaß gehabt und die haben vor allem etwas mitgenommen, was ihnen wirklich hilft. Das finde ich extrem wichtig, das will ich auch weiterführen. Genauso wie den Meisterkurs Gesang, da haben junge Sänger die Chance, von jemandem zu lernen, der diese Partien auf der Bühne singt, der weiß, was das heißt, der technisch perfekt ist.

Sie verstehen sich ja auch als Talentscout für Sänger.

Ich glaube, man muss Bühnenkünstlern die Chance geben, dass sie sich entwickeln. Oft ist es heutzutage so, dass gerade die Sänger viel zu schnell in viel zu viel reingetrieben werden, auch durch Agenturen und natürlich durch den Konkurrenzdruck. Ich hab damals Stephen Gould einen Tristan-Vertrag angeboten, da hat er hier noch den Siegfried gesungen. Und dann guckte er mich an und sagte: Das ist total toll, aber ich will erstmal ausprobieren, ob ich das hier singen kann. Ein Jahr später hat er gesagt, ich kann das. So, und das ist kluges Umgehen damit. Dass man sich selber nicht unter Druck setzt.

Wie langfristig funktioniert diese Planung?

Im Prinzip planen alle Opernhäuser immer zwischen zwei und vier Jahren im Voraus. 2020 gibt es zum Beispiel mehrere Ringe, dann müssen Sie früh genug dran sein, sonst kriegen Sie nicht mehr die, die sie wollen. Wenn viele Ring-Neuproduktionen gleichzeitig rauskommen, wird es umso kritischer. Aber wir waren früh genug dran und sind sehr zufrieden.

Ihre Baustellen?

Der Begriff Baustelle ist im Moment ziemlich wörtlich zu nehmen. Das Haus ist halt wirklich eine Baustelle, es ist bekanntermaßen sanierungsbedürftig. Künstlerisch, Gottseidank, - Klopf auf Holz - gibt es im Moment tatsächlich wenige Baustellen. Wir planen in Ruhe und seriös vor und freuen uns wirklich auf die nächsten Jahre. Auch auf den Lohengrin 2018 mit dem Maler Neo Rauch und seiner Frau Rosa Loy als Ausstatter. Die haben schon abgegeben. Das wird einfach ein faszinierendes Bühnenbild. Das hat eine Bildgewalt, und es zieht einen wirklich in eine andere Welt hinein. Das ist toll, das ist ästhetisch wahnsinnig interessant. Die beiden machen auch die Kostüme, und die sind ebenfalls spannend. Yuval Sharon war neulich da und erzählte schon ein bisschen konkreter über die Regie, also kann man sich einfach freuen, weil man merkt, dahinter ist künstlerisches Feuer. Das war bei den Meistersingern mit Barrie Kosky und Philippe Jordan nicht anders, und das ist einfach das Schöne, wenn man merkt, die Leute brennen alle für die Sache.

Warum zieht Wagner immer noch so?

Ich glaube tatsächlich, weil Wagner sich mit Dingen beschäftigt, die die Menschheit nie loslassen werden. Er beschäftigt sich mit den elementaren Themen, mit Liebe, Hass, Eifersucht, Verrat. Wagner thematisiert Gefühle und Gefühlsebenen, die wir alle kennen, hochemotional und immer gültig, so lange es die Menschheit geben wird.

Sie sind ja noch sehr jung. Wie ist es für Sie, als Professorin vor jungen Studierenden zu stehen?

Das ist ein sehr praktischer Studiengang. Wir erarbeiten auch zusammen die Kinderoper. Man darf sich das jetzt nicht wie die klassische Vorlesung an der Uni im großen Hörsaal vorstellen, sondern das sind wenige junge Leute mit denen man konzentriert arbeiten kann. Das ist ein Austausch, der Spaß macht. Das fällt ein bisschen aus der klassischen Konvention des Professorseins heraus.

Ihre Träume? Wenn Sie sich in zehn Jahren sehen?

Ich bin so ein Mensch, der immer sehr pragmatisch auf das Morgen ausgerichtet ist. Ich bin durchaus zukunftsorientiert, aber dann doch nicht auf zehn Jahre hinaus. Erst muss man die aktuelle Spielzeit über die Bühne bringen.

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