Autohof Wilnsdorf

Lkw-Fahrer auf der A 45 - Die Einsamkeit auf der Straße

Der Himmel spiegelt sich auf dem Autohof Wilnsdorf im Anhänger eines LKW .

Foto: Lars Heidrich

Der Himmel spiegelt sich auf dem Autohof Wilnsdorf im Anhänger eines LKW . Foto: Lars Heidrich

Wilnsdorf.   Lkw-Fahrer legen auf Autobahnen lange Strecken zurück und verbringen Tage und Nächte alleine im Fahrzeug. Ein Leben (fast) ohne soziale Kontakte.

Autohof Wilnsdorf an der A 45. Letzte Station des Tages für Lkw-Fahrer. In drei Reihen stehen die Lastzüge auf dem Parkplatz nebeneinander. Abseits der Sauerlandlinie klingen die Fahrgeräusche nach.

Ein Trucker geht mit seinem Hund ein paar Schritte über die Fahrbahn, kein weiterer Fahrer vertritt sich die Beine. Im Gegenteil. Die Vorhänge an den Scheiben sind verschlossen. Autofahrer verirren sich hier nicht. Mitten im Leben sieht anders aus.

Ein leuchtend gelber Lkw

Abseits der Reihen steht ein leuchtend gelber Lkw alleine vor dem Aussichtspunkt zur Autobahn. Fahrer Uwe Tönse lehnt an seinem Hänger, in der rechten Hand eine Bierflasche. Der 54-Jährige kennt die Einsamkeit in der Branche nur zu gut. „Jeder bleibt auf den Autohöfen lieber für sich. Ich stehe auch lieber abseits.“

Der gelernte Autoschlosser ist seit der Wende als Lkw-Fahrer tätig. Er fährt gerne, wie er sagt, obwohl es ein einsamer Beruf ist. „Über die Jahre gewöhnt man sich dran“, erklärt Tönse, während sein Blick zum Horizont abschweift, wo sich dunkle Wolken sammeln. Das von Lachfalten gezeichnete Gesicht bleibt bei dem Thema ausdruckslos. Diese Woche hat sein Sohn Geburtstag. Eine Umarmung wird es nicht geben. Tönse wird die Zeit im Lkw verbringen.

Jeden Abend telefonieren

Ist das ein schönes Leben? Er stellt die Bierflasche auf den Boden und verschränkt die Arme. „Das Geld muss ran“, sagt er schließlich mit einem gezwungenen Lächeln. „Und die Bezahlung ist okay, dank der Zuschläge für Überstunden, Nacht- und Sonntagsfahrten.“ Um der Einsamkeit ein Stück weit entfliehen zu können, telefoniert er jeden Abend mit seiner Frau.

„Danke für das Glück das ich im Leben hatte. Andreas der Trucker“, steht im aufgeschlagenen Gästebuch. Die Schrift variiert und sieht kindlich aus, manche Worte sind komplett in Großbuchstaben geschrieben. Es ist der einzige Eintrag, der offensichtlich von einem Lkw-Fahrer stammt.

Die Seiten glänzen weiß im Licht, das von der Decke auf das Buch fällt. Die Kapelle auf dem Rastplatz ist bis auf eine Reinigungskraft, die den Boden wischt, menschenleer. Hier zieht es um diese Zeit niemanden hin. Das ändert sich in den folgenden Stunden nicht. Auch an dieser Stelle herrscht den ganzen Abend Ruhe.

Um fünf Uhr klingelt der Wecker

Jens Zander ist noch wach. Der junge Mann trägt ein dunkelbraunes Polohemd und eine Mütze. Dazu eine schwarze Hose und Sicherheitsschuhe. Der 25-Jährige wirkt aufgeschlossen, er lächelt. Er hat Grund zur Freude: „Ich bin froh, dass es hier eine Dusche gibt und ich einen Parkplatz bekommen habe“, sagt er. Zwar hätte er noch 90 Minuten fahren dürfen, aber die Gelegenheit wollte er nicht verstreichen lassen. Seine vierjährige Erfahrung lehrt ihn, dass es besser ist, etwas früher den Lkw abzustellen, bevor er um 19 Uhr noch ohne Parkplatz ist.

Nach einem Tag auf der Autobahn warten auf Zander nur noch die Dusche und ein Schnitzel als Abendessen. Um fünf Uhr klingelt bereits der Wecker. Auch er kennt die Einsamkeit, obwohl er drei Tage in der Woche nach Hause fahren kann, wo Familie und Freundin warten, die er noch anrufen möchte. „Als Lkw-Fahrer bist du immer einsam, deswegen sind die Telefonate wichtig. Entweder bist du dafür geboren oder nicht. Mir wurde es in die Wiege gelegt“, so Zander. Schon sein Großvater war Lkw-Fahrer und gab die Arbeit an den Sohn weiter.

Kleiner Fernseher im Führerhaus

Derweil läuft Uwe Tönse mit nacktem Oberkörper und Sporttasche in der Hand Richtung Dusche. Wenig später leuchtet aus seinem Führerhaus nur noch der Fernseher.

Der Autohof Wilnsdorf hat das ganze Jahr über 24 Stunden am Tag geöffnet und bietet Lkw-Fahrern alles, was gebraucht werden könnte. Parkmöglichkeiten, Tankstelle, Bistro, Duschen, Fast Food. Trotzdem sind hier soziale Kontakte Mangelware. Für Tönse, Zander und die anderen Trucker ist der Hof nur eine weitere Station.

Eine Station im Leben auf der Straße.

>>>HINTERGRUND: Durch EU-Osterweiterung nimmt Schwerlastverkehr zu

  • Nicht weniger als 32,5 Mil­liarden Kilometer legten schwe­- re Nutzfahrzeuge im vergan­- genen Jahr auf deutschen Autobahnen und Bundesstraßen zurück.
  • Der Schwerlastverkehr nimmt seit Jahren zu durch die EU-Osterweiterung, die günstige Arbeitskräfte bietet, aber auch durch Online-Versandunternehmen wie Amazon.
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