Gefriergemeinschaft

Schwierige Zeiten für die gute alte Gefriergemeinschaft

Martin Ardelt, Vorsitzender der Gefriergemeinschaft Dreislar, an seinem Fach in der Gefrieranlage.

Foto: Ralf Rottmann

Martin Ardelt, Vorsitzender der Gefriergemeinschaft Dreislar, an seinem Fach in der Gefrieranlage. Foto: Ralf Rottmann

Medebach.   Die Gefrieranlage der Gefriergemeinschaft im Medebacher Stadtteil Dreislar muss wahrscheinlich Ende des Jahres ihren Betrieb einstellen

Der Empfang in dem 5 x 10 Meter großen Gebäude am Ortsausgang von Medebach-Dreislar ist alles andere als frostig. Auch wenn hier, in der Gefrieranlage der Gefriergemeinschaft Dreislar, tiefgekühlte Waren in minus 18 Grad kalten Fächern lagern. Dank des an der Wand ausgehängten Reinigungsplans - im Zehn-Tage-Rhythmus müssen die Besitzer der Fächer den Raum putzen - sehen die gelb-braunen Boden- und cremefarbenen Wandfliesen sowie die 30 weißen Fächer-Türen blitzeblank aus. „Ist doch nichts dran“, sagt der 1. Vorsitzende Martin Ardelt. Und doch: „Zu 70 Prozent müssen wir den Betrieb zum 31. Dezember 2017 einstellen.“

Das Kalthaus wurde 1961 gebaut. Kosten: 23 800 DM, jeder Facheigentümer war mit 650 DM dabei. In den 50er und 60er Jahren sprießen solche Anlagen wie Pilze aus dem Boden. „Gefriertruhen für Privathaushalte waren damals sehr teuer“, sagt Volkskundlerin Jutta Nunes Matias vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, „Gemeinschaftsanlagen waren wesentlich günstiger zu betreiben.“

5500 Gefrieranlagen mit 30.000 Truhen gab es in Deutschland

1958 zählte man in Deutschland 5500 Anlagen, dem standen 30 000 Truhen in ländlichen Haushalten gegenüber. Heute ist das Gefrierhaus in Dreislar das einzige verbliebene seiner Art im Sauerland - „so weit ich weiß“, sagt Martin Ardelt. Sind solche Anlagen nicht mehr zeitgemäß?„Jein“, sagt der 80-Jährige. „Natürlich hat jeder eine Gefriertruhe oder ein -fach daheim. Aber die Vorratshaltung auf dem Land ist anders als in der Stadt.“ Dort gebe es noch Erzeuger von größeren Mengen Fleisch und Obst. „Ich bin froh, dass ich eine Ausweichmöglichkeit zum Verwahren habe“, sagt Ehefrau Gisela. Zumal das letzte Geschäft im Ort vor Monaten geschlossen hat und die Einkaufsstadt Medebach acht Kilometer entfernt ist.

Mit einem Schlüssel öffnet Martin Ardelt sein 263-Liter-Fach (das Gefrierfach eines Einbau-Kühlschranks fasst etwa 15 bis 40 Liter). Er zeigt auf die Beeren in den Beuteln am linken Rand. „Sie denken, das sind Stachelbeeren?“ Dann lächelt er: „Nein, gelbe Himbeeren!“ Natürlich aus dem Garten der Ardelts, 300 Meter entfernt. Ehefrau Gisela will die Ware nach und nach zu Marmelade oder als Dessertobst verarbeiten. „Wir haben eine große Familie. Jeder bekommt etwas ab.“

Zweites Aggregat hat 2016 den Geist aufgegeben

Derweil zirpt das Relais im Gefrierhaus wie eine Grille vor sich hin. Ende 2016 hat das zweite Aggregat der Kältemaschine seinen Geist aufgegeben. Wie sein Vorgänger hat das Teil es auf mehr als 25 verdienstvolle Jahre gebracht. Derzeit hält ein Ersatzaggregat die Sache am Laufen. „Wir leben von der Hoffnung, dass der Ersatzverdichter bis zum 31. Dezember durchhält“, sagt Ardelt. Problem: Die Elektrofirma, die die Anlage pflegte, hat am 1. Juni den Betrieb eingestellt. „Im Moment spielen wir Harakiri“, sagt der gelernte Maschinenbautechniker in Bezug auf die Wartung der „keinesfalls völlig überholten“ Anlage.

Würde man das bisherige „halbhermetisch-geschlossene Kühlaggregat“ auf ein moderneres „vollhermetisch-geschlossenes Kühlaggregat“ umstellen, müsste man 2800 Euro dafür zahlen. Dafür habe man aber niedrigere Energiekosten - 686 statt 1800 Euro pro Jahr. „Eine einmalige Umlage für ein neues Aggregat wäre kein K.o.-Kriterium“, sagt Ardelt.

Aber: Ein wirtschaftlicher Betrieb sei nur möglich, wenn zwei Drittel der Fächer auf Dauer ausgelastet seien. Die notwendige Zahl von mindestens 20 belegten Fächern ist in Gefahr. „Durch familiäre Veränderungen und Interessenverlagerungen werden in nächster Zeit sechs Fächer frei“, so Ardelt. Welche Interessen haben sich verlagert? „Kaum noch jemand lässt schlachten oder baut Obst im Garten an. Kaum noch jemand will aus Bequemlichkeit den Weg zum Gefrierhaus auf sich nehmen. Und die Haushalte werden kleiner.“

80-Jähriger ist das Mädchen für alles

Der 80-Jährige ist bei der Gefriergemeinschaft das Mädchen für alles. „Es hat in all den Jahren keine zehn Versammlungen gegeben“, sagt er, „es lief immer, ohne Querelen.“ Aber auch in Dreislar sehen die Menschen eine Gemeinschafts-Gefrieranlage nicht mehr als „dringend notwendig“ an. „Auch daran erkennt man den Strukturwandel im ländlichen Raum.“

20 Euro zahlen die Mitglieder der Gefriergemeinschaft im Vierteljahr. „Wir brauchen eine gewisse Rücklage, falls wir die Anlage tatsächlich entsorgen müssten.“ Ardelts Stirn legt sich in Sorgenfalten. „Schauen Sie sich den Raum an, er macht weiß Gott keinen vergammelten Eindruck“, sagt er. „Von daher könnte man ja vielleicht doch...“

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik