Gefahr

TÜV: Windkraftanlagen sind tickende Zeitbomben

Das Windrad mit dem gebrochenen Rotorblatt in Lippetal.

Das Windrad mit dem gebrochenen Rotorblatt in Lippetal.

Foto: Andreas Schreiber/Kreis Soest

Hagen.   Verband befürchtet Personenschäden nach Havarien und fordert strengere Prüfungen der Anlagen. Bislang gibt es keine zentrale Erfassung von Vorfällen.

Nach einem Rotorbruch an einem Windrad in Lippetal im Kreis Soest ist die Diskussion um die Sicherheit von Windkraftanlagen neu entfacht. Während der Verband der Technischen Überwachungsvereine (VdTÜV) auch angesichts des zunehmenden Alters von Anlagen von „tickenden Zeitbomben“ spricht und nicht ausschließt, dass in naher Zukunft Menschen zu Schaden kommen, sieht der Bundesverband Windenergie diese Sorge nicht. Geschäftsführer Wolfram Axthelm: „In keinem anderen Land hat sich eine qualitativ so hohe Prüfarchitektur herausgebildet wie in Deutschland.“

Angesichts „zahlreicher Unfälle und erheblicher Gefahren“, die von den 30.000 Windkraftanlagen im Bundesgebiet ausgingen, hatte der TÜV-Verband eine bundesweit einheitliche Prüfpflicht für Windkraftanlagen gefordert. Der Bundesverband Windenergie hatte dem aus seiner Sicht „interessengeleiteten“ Vorstoß ebenso eine Absage erteilt wie die Bundesregierung: „Uns liegen keine Informationen vor, nach denen die aktuellen spezifischen Regelungen für die Genehmigungen bzw. der wiederkehrenden Prüfungen nicht ausreichend sind“, so das Bundeswirtschaftsministerium.

Kein zentrales Schadensregister

Zu wie vielen Havarien von Windrädern es pro Jahr kommt, darüber liegen auch der Bundesregierung keine gesicherten Erkenntnisse vor. Ein zentrales Schadensregister für Windräder gibt es nicht. Während der Bundesverband Windenergie seit 2013 im Schnitt sieben Havarien an Anlagen im Bundesgebiet pro Jahr gezählt hat, kommt der TÜV-Verband auf „etwa 50 gravierende Schäden“. Geschäftsführer Joachim Bühler nennt als Beispiele abknickende Türme, abbrechende Rotorblätter oder brennende Maschinenhäuser. Ein aus seiner Sicht gefährlicher Vorgang: „Herabfallende Teile können Menschen gefährden. Außerdem besteht ein Umwelt­risiko, wenn berstende Rotorblätter, die aus glasfaserverstärkten Kunststoffen bestehen, umliegende Felder oder Wiesen verunreinigen.“

Aus dem Nichts hatte sich ein Stück des Rotorblatts von dem Windrad gelöst und war auf einen Acker gestürzt. Auch wenn in der Nähe ein Wirtschaftsweg verläuft, den Wanderer und Radfahrer gerne nutzen, kamen Menschen bei dem Zwischenfall in Lippetal-Schoneberg im Kreis Soest Mitte Januar nicht zu Schaden. Es sei nur eine Frage der Zeit, heißt es beim Bundesverband der Technischen Überwachungsvereine (VdTÜV), bis die ersten Opfer zu beklagen sind. „Nein“, beantwortet Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Bundesverbandes Windenergie (BWE), kurz und knapp die Frage, ob sich Menschen in der Umgebung von Windrädern in naher Zukunft Sorge um Leib und Leben machen müssen.

In die Jahre gekommen

Axthelm kennt die jüngsten Diskussionen um die Sicherheit von Windenergieanlagen. Natürlich sind auch zu ihm die bösen Worte von den „tickenden Zeitbomben“ durchgedrungen, die der TÜV-Verband im Umlauf gebracht hat. Weil viele Windräder mittlerweile in die Jahre gekommen sind mit Betriebszeiten von 20 Jahren und mehr, steige die Gefahr schwerwiegender Vorfälle. Windenergie-Funktionär Axthelm lässt sich nicht aus der Reserve locken, bleibt sachlich, spricht von Forderungen nach einer „nicht-zielführenden Konzentration der sicherheitsrelevanten Prüfungen an Windenergieanlagen auf einzelne Organisationen“. Solche Forderungen hätten Interessenverbände erhoben („insbesondere der VdTÜV“), „die ihrerseits bereits Sicherheitskontrollen durchführen“. Übersetzt: Der TÜV argumentiert angesichts wirtschaftlicher Interessen nicht ganz uneigennützig.

Der TÜV-Verband hatte „zahlreiche Unfälle und erhebliche Gefahren“ rund um die 30.000 Windkraftanlagen im Land angeprangert und daher eine bundesweit einheitliche Prüfpflicht für Windkraftanlagen angemahnt. Es fehlten Kontrollstandards.

Verband spricht von Einzelfällen

Zahlreiche Unfälle? „Einzelfälle“, ist beim Bundesverband Windenergie – er vertritt die Betreiber von Windrädern – zu hören. Geschäftsführer Axthelm liefert eine Liste mit Vorfällen seit 2011 – mit Verweis auf Presseartikel. Zwischen einem Vorfall und maximal zwölf Vorfällen pro Jahr seien es demnach: brennende oder umgestürzte Anlagen, abgebrochene Rotorblätter oder eingeknickte Türme. „Im Wesentlichen registrieren wir Brandereignisse.“

Der TÜV-Verband dagegen kommt auf „etwa 50 gravierende Schäden pro Jahr“, wie Geschäftsführer Joachim Bühler sagt. Problem: „Es gibt keine offiziellen Zahlen von den Betreibern.“ Daher könne man nur öffentlich zugängliche Quellen wie Branchendienste und Regionalzeitungen auswerten.

Mehrere hundert Meter durch die Luft

Für Hubertus Nolte vom Regionalbündnis Windvernunft der Kreise Hochsauerland, Paderborn und Lippe (Zusammenschluss von Bürgerinitiativen gegen „ungebremste Windindustrialisierung“), könnten die Unfallzahlen noch höher sein als vom TÜV angegeben. „Wir haben im Raum Paderborn bei 500 Windrädern drei Vorfälle gezählt. Rechnet man dies auf die bundesweit 30.000 Anlagen hoch, kommt man in andere Dimensionen.“ Noltes Sorge: „Abbrechende Teile von Windrädern sind Wurfgeschosse, die 200, 300 Meter weit durch die Luft fliegen können.“

Die ihm bekannten Vorfälle („auch jüngere Anlagen“) passierten Nolte zufolge bei unterschiedlichen Anlage-Typen. „Fakt ist: Die Anlagen werden immer älter“, sagt der Westfale. „Vor diesem Hintergrund gehe ich davon aus, dass die Zahl der Zwischenfälle steigt.“

Dichte Prüfungsintervalle

Richard Götte kann dieser Sicht nicht folgen. Der Briloner betreibt zehn Windkraftanlagen und wehrt sich gegen das „Gerede von tickenden Zeitbomben“. Im Gegenteil: „Ich habe keine Sorge, dass es in Zukunft zum großen Absturz von Anlagen kommt.“ Seine Überzeugung zieht er aus den „bereits in den Baugenehmigungen festgezurrten dichten Prüfungsintervallen und dem hohen Wartungs-Aufwand“. Zudem hätten Hersteller und Betreiber ein großes Interesse, „dass alles fluppt und etwaige Mängel schnell behoben werden“.

Das Windrad mit dem abgebrochenen Rotorblatt in Lippetal-Schoneberg (Inbetriebnahme: 2001) ist vom Kreis Soest nach der Havarie stillgelegt worden. Der Bereich wurde großflächig abgesperrt und mit „Betreten verboten“-Schildern ausgestattet. „In 22 Metern Entfernung befindet sich ein Wirtschaftsweg“, so Kreissprecher Wilhelm Müschenborn. Ein Gutachter sei vom Betreiber beauftragt worden, die Ursache zu klären. Eine baugleiche Anlage neben dem havarierten Windrad, die zunächst ebenfalls stillgelegt wurde, ist mittlerweile wieder in Betrieb genommen worden. Müschenborn: „Das beschädigte Windrad wird ernst freigegeben, wenn ein Gutachter grünes Licht gibt.“

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