Rettungskräfte

Üble Beleidigungen – Was Feuerwehrleute mitmachen

Frank Schacht, Leiter der Feuerwehr Ennepetal

Frank Schacht, Leiter der Feuerwehr Ennepetal

Foto: Stadt Ennepetal

Hagen/Ennepetal.   Frank Schacht, Leiter der Feuerwehr Ennepetal, kennt Attacken gegen Einsatzkräfte. Dies ist seine Strategie gegen die Verrohung.

490 Verfahren in fünf Monaten – das ist die Bilanz eines bei der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft angesiedelten neuen Sonderdezernates „Gewalt gegen Personen, die öffentliche Aufgaben wahrnehmen“. Die Aggression gegen Einsatzkräfte nimmt zu. 25 Angriffe auf Polizisten zählt die Polizeigewerkschaft GdP pro Tag in Nordrhein-Westfalen. Auch in Südwestfalen häufen sich vor allem die verbalen Aggressionen, weiß Frank Schacht von der Feuerwehr Ennepetal. Die wichtigsten Fragen zum Thema.


Seit wann gibt es die Gewalt gegen Rettungskräfte? 40 Jahre ist Frank Schacht bereits bei der Feuerwehr. Prügel und Schläge sind ihm vor 35 Jahren schon angedroht worden. Einmal habe er damals ein blaues Auge davongetragen. Der Täter hatte zu viel Alkohol getrunken, war nicht mehr Herr seiner Sinne, wie sich Frank Schacht zurückerinnert. „Er war nicht mehr zurechnungsfähig.“ Das sei zwar nicht in Ordnung, aber diese Aggression habe sich eben nicht gezielt gegen einen Retter gerichtet.


Was ist nun anders?
Was Rettungskräfte heute erlebten sei „deutlich gravierender“, sagt Frank Schacht. Dabei ist es in Ennepetal in den vergangenen Jahren gar nicht zu körperlichen Übergriffen gekommen. „Körperliche Gewalt gegen die Einsatzkräfte ist bisher mehr ein Problem der Großstädte als des ländlichen Raumes“, sagt Schacht. „Aber die verbale Aggression nimmt auch bei uns deutlich zu“, sagt Schacht – und schildert zwei Vorfälle aus jüngster Zeit aus Ennepetal: Damit ein Rettungshubschrauber landen konnte, sicherte eine junge Feuerwehrfrau den Landeplatz auf einem Parkplatz ab – und wurde dafür „aufs Übelste beleidigt“ von einem Autofahrer, der nicht einsehen wollte, dass er währenddessen nicht zu ­seinem Wagen gehen durfte, ­berichtet Schacht.

Zweites Beispiel: Ein Autofahrer musste einem Feuerwehrauto ausweichen, das unterwegs zum Einsatzort war. Daraufhin fuhr der Mann den Rettungskräften zur Brandstelle hinterher, um sie dort zu beschimpfen, so Schacht.


Wie geht das weiter? Frank Schacht sorgt sich vor allem über „eine gewisse Verrohung insgesamt“. Denn es sind nicht etwa nur alkoholisierte Jugendliche oder Menschen aus sozialen Brennpunkten, die die Rettungskräfte mit Worten attackieren. Verbale Aggression gebe es längst auch bei Menschen im gesetzteren Alter aus der Mitte des Bürgertums. „Das geht quer durch die ­Bevölkerung. Dass die Hemmschwellen allgemein sinken, das bereitet mir Sorgen.“ ­Ebenso befürchtet er, dass aus verbalen Attacken irgendwann doch körperliche werden könnten. „Das entwickelt eine Eigendynamik.“


Was sind die Folgen?
„Die Gefahrenabwehr ist in Deutschland überwiegend ehrenamtlich organisiert, nicht nur die Feuerwehr, sondern auch viele Hilfsorganisationen“, sagt Frank Schacht. Er habe die große Sorge, dass sich viele Ehrenamtliche infolge solcher Pöbeleien und Angriffe fragten, warum sie das eigentlich auf sich nähmen und ihr Ehrenamt aufgäben. „Darunter leidet das ganze System – und bricht vielleicht irgendwann zusammen.“


Was ist zu tun?
Längst dokumentieren die Feuerwehren solche Vorfälle, zeigen die Täter gegebenenfalls auch an. Ein Sonderdezernat wie in Düsseldorf, dazu härtere Strafen für Angriffe auf Helfer oder Behinderung von Rettungskräften – das alles sind „wichtige Bausteine“, sagt Frank Schacht. Aber eben nur Bausteine. Letztlich gehe es darum, das ­Thema in die Gesellschaft zu tragen. Durch Information zum Beispiel. Denn die gesamte Gesellschaft müsse dagegensteuern, ist er überzeugt.


Hat das Erfolg?
Ende 2017 hat Frank Schacht selbst auf Facebook einen Brandbrief veröffentlicht gegen Häme, Spott und beleidigende Kommentare, die im Netz über Feuerwehrkräfte ausgeschüttet werden. Eine Philippika, die damals bundesweite Aufmerksamkeit fand. Hat das etwas gebracht? Zumindest stellt er fest, dass in den sozialen Medien seltener Gaffer-Videos von Einsatzstellen in Ennepetal gepostet oder Gerüchte verbreitet werden. „Das ist weniger geworden.“ ­Zumindest vor Ort habe die Facebook-Brandrede also vielleicht ­etwas bewirkt.

Und seitdem das Thema ­„Aggression gegen Rettungskräfte“ vermehrt in der Öffentlichkeit sei, gebe es auch mehr Menschen, die der Feuerwehr ausdrücklich mitteilten, „dass sie uns wertschätzen“, freut sich Schacht.

Wer am Wochenende betrunken einen Polizisten in der Düsseldorfer Altstadt beleidigt, „der zahlt bei mir ein Monatsgehalt, auch wenn er nicht vorbestraft ist“, droht die Düsseldorfer Staatsanwältin Britta Zur. Sie leitet das neue Sonderdezernat der Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Üble Beleidigungen gegenüber Amtsträgern klage sie grundsätzlich an, „weil ich meine, der sollte mal vor dem Richter stehen“, sagt Zur.

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